Und plötzlich ist man 50

Im Anfield kicken oder den Letzi rocken, daraus wird nichts mehr. Doch es gibt noch viel Gutes zu tun.

Im Kajak übers stille Wasser gleiten: Diesen Traum wird sich der Autor bald einmal erfüllen. Foto: iStock

Im Kajak übers stille Wasser gleiten: Diesen Traum wird sich der Autor bald einmal erfüllen. Foto: iStock

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Vor einem Jahr hätte ich diesen Aufsatz ganz anders geschrieben. Da wäre ich mit Löwengebrüll eingestiegen, hätte mit Sex («fünfmal in einer Nacht, ich schwörs!»), Drogen («Shiiiit, in allen Farben und Formen») und Rock ’n’ Roll («Nirvana, Soundgarden, Velvet Underground, Pixies, Bowie, Iggy: Ich hab sie alle alive and kickin’ erlebt!») geprahlt; unethische Wahrheitsdehnung inklusive. Dann, in Teil zwei, hätte ich (bildlich gesprochen) mit Espadrilles an den Füssen eine halsbrecherische Gratwanderung zwischen den Abgründen Selbstmitleid und Fremdscham absolviert, wäre irgendwann in die tiefe Midlifecrisis gestürzt und hätte nach dem Aufprall mit brüchiger Stimme und waidwundem Herz das Trauerlied über das Verwelken der blühenden Jugend angestimmt – ein Verlust, so der dramatische Refrain, «der niiiiieee-maals überwunden wird». Wer den Höllentrip bis zum Ende mitgelesen hätte, wär ziemlich sicher inselreif gewesen (darum auch die Planung der Publikation zum Sommerferienanfang).

Nun, zwölf Monate und eine Knieoperation später, ist der Farbton der Story pastell statt grell, ihr psychischer Zustand weder aggressiv noch depressiv, sondern angenehm kontemplativ. Das mag erstaunen, und Sie können es mir glauben: Mich selbst erstaunt das wahrscheinlich am meisten.

Es ist nämlich nicht so, dass mir mein Zerfall gänzlich gleichgültig wäre (ich kämpfe radelnd, schwimmend und wandernd dagegen an). Und es ist auch nicht so, dass es mir keine Luftschlösser verblasen hätte: Obwohl ich damals in einem leidenschaftlichen Primarschulaufsatz grossspurig angekündigt habe, später das Restaurant der Grosseltern zu übernehmen, sitze ich heute als journalistische Tippse im Grossraumbüro. Noch schmerzhafter war der Moment, in dem ich begriff, dass ich nie als Defensivstratege auf den heiligen Rasen der Anfield Road einlaufen und dabei hören werde, wie die Fans «You’ll Never Walk Alone» anstimmen. Weil das mit glücklicher Fügung eventuell tatsächlich möglich gewesen wäre, hätte ich, als A-Junior in die Regionalauswahl berufen, alles auf die Karte Fussball gesetzt.

Video: Fans singen «You’ll Never Walk Alone» Tradition an der Anfield Road: Liverpool Fans singen vor einem Spiel gegen Chelsea. Video: Youtube

Ähnlich blöd: Im Sommer 1982, kein Jahr nach dem Debütalbum «Speak & Spell» von Depeche Mode, besuchte ich im Musik Hug einen Synthesizer-Kurs (und spielte da auf dem legendären Yamaha DX7!), doch auch da blieb ich nicht so richtig dran – weshalb die Herren Gahan, Gore und Fletcher jetzt den Letzi rocken, und ich als journali... stimmt, das hatten wir bereits.

Doch eben, geklönt wird in diesem Text trotz verkümmerten ( Jugend-)Träumen nur an der Peripherie. Was natürlich Gründe hat. Konkret: «Schuld» sind eigentlich die Gesellschaftsforscher, die flott behaupten, 50 sei das neue 35. Was mich auf dem Tennisplatz dazu verleitete, wie ein elastischer Thirtysomething dem Filzball nachzujagen – «zägg!»: Meniskusschaden, Operation, Krücken, Physio, müdes Rumhängen.

Ich dachte: echt jetzt, ein Auslaufmodell? Wollte lachen, doch es ging nicht.

Just in dieser Zeit las ich, dass man heutzutage ab 50 auf dem Arbeitsmarkt praktisch chancenlos sei. Ich dachte: echt jetzt, ein Auslaufmodell? Wollte lachen, doch es ging nicht. Also machte ich, was ging, und das war die ziemlich schonungslose berufliche Selbstanalyse. Resultat: Dass ich für diese Zeitung die letzten 15 Jahre den Quasiberufsjugendlichen (mit Hang zum souverän gescheiterten Selbstversuch) gab, war glaub nicht so clever, weil genauso ermüdend wie pausenlos Laurel-&-Hardy-Sketchs zu schauen... früher oder später will man Moderneres, Krasseres, Jüngeres.

Ja, und wie ich da dann so übel ausgeknockt am Boden lag – das ist wiederum bildlich gemeint – mit lädiertem Knie und zappendusterer Zukunftsaussicht, überkam mich eine unfassbar intensive Leichtigkeit. Jetzt, wo ich laut Drehbuch wohl eher hätte schluchzen sollen, lachte ich los, fühlte mich frei und froh wie lange nicht mehr. Hätte ich mir Sorgen machen müssen, weil ich den irreal anmutenden Zustand nicht einordnen konnte? Vielleicht. Doch all das war grad zu schön und zu schräg – und die Sorgen konnte ich mir ja auch am nächsten Morgen noch machen.

Ein paar Tage später traf ich den Astrophysiker und Uni-Zürich-Professor Ben Moore zum Interview. Er berichtete faszinierende Sachen, erzählte von der «unsterblichen Qualle» und dass die Forschung in 20 bis 30 Jahren den Prozess der Stammzellenerneuerung und damit den wiederholbaren Verjüngungsprozess verstehen dürfte. Am Schluss sagte er: «1000 Jahre möchte ich schon leben... nur schon um zu sehen, was uns die Zukunft an Technologien bringt.»

Die «buddhistische Balance»

Auf dem Heimweg studierte ich über Langlebigkeit und die wiederkehrende Jugend nach und merkte: Das wär nichts für mich. Ich mochte meine Endlichkeit, meine Limiten. Und plötzlich war da eine Art Heureka: Ich erkannte, dass ich mir wegen des vermeintlichen Pechs – zum Knieschaden gesellte sich später im Jahr eine Lungenentzündung – selbst erlaubt hatte, mich aus dem erbitterten «Survival of the fittest»-Rennen herauszunehmen. Was erst einmal befreiend wirkte und mich sanftund demütig stimmte. Daraus entwickelte sich bald eine «buddhistische Balance», die meinen «Karma-Pegel» ins Lot bugsierte. Selbstverständlich stammte diese Einschätzung nicht von mir – sie machte aber klar, dass ich offenbar bereit war, nun auch Menschen zuzuhören, die ich früher stets verspottet hatte.

Die Grundzufriedenheit stand mir verdammt gut, dieses «eifach easy debi si» (um es strassenkredibil zu formulieren).

Und es wurde noch besser und interessanter: Alsbald gelang es mir total problemlos, Themen, die mich früher aufgewühlt hätten, mehr oder weniger unbeteiligt vorbeiziehen zu lassen. Auch der Zwang, zu fast allem eine Meinung haben zu müssen, war weg. Dafür nahm ich das Credo «Auf alten Pfannen lernt man kochen» unversehens wörtlich und stellte die lang verschmähten Dinger immer öfters auf den Herd. Kaum ward es wärmer, machte ich den Holzkohlengrill zum allabendlichen Lebensmittelpunkt und träumte, meist ein gutes Glas Wein in der Hand, von wunderbar vernünftigen Verlockungen. Davon, das Engadin von unten bis oben zu durchwandern. Davon, im Kajak einoder zweisam über skandinavische Gewässer zu gleiten; Lagerfeuerromantik und Zeltübernachtungen inbegriffen.

Das Tolle: Ich konnte das jederzeit in die Tat umsetzen. Weniger toll: Der gute Wein hatte in der Bauchregion sichtbare Spuren hinterlassen. Sonst aber, fand ich, stand mir diese Grundzufriedenheit, dieses «eifach easy debi si» (um es strassenkredibil zu formulieren), verdammt gut. Ob das eine Frühform von Altersmilde war? Jedenfalls wird das 50 in diesem Zustand zum neuen 65: Man steht mitten im Berufsleben, geniesst aber bereits jene Annehmlichkeiten des Pensioniertendaseins und weiss: Es gibt noch viel Gutes zu tun, packen wirs an!

PS: Übrigens, das beruhigt ungemein, bin ich vom Wesen her ganz der Alte – als kürzlich ein Taxifahrer mir und meinem Velo den Weg abschnitt, zeigte ich ihm instinktiv den Stinkefinger (wobei ich ihn etwas behutsamer ausfuhr als früher).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 12:25 Uhr

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