Virenseuche im Mäuselabor

Eine holländische Firma lieferte im Juni kontaminierte Mäuse. Labors der Uni Zürich sind stark betroffen.

Kontaminierte Mäusestämme: An der Uni Zürich mussten rund 600 Mäuse getötet werden.

Kontaminierte Mäusestämme: An der Uni Zürich mussten rund 600 Mäuse getötet werden. Bild: Robert F. Bukaty/Keystone

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Das Unheil kam per Kurier. Zwischen Anfang Juni und Anfang Juli verschickte die holländische Firma Harlan Laborato­ries Tausende von Labormäusen in alle Welt. Das Problem dabei: Ein Teil der Mäuse war mit Parvoviren infiziert – einer Gruppe von Erregern, die kein Forschungslabor auf der Welt in seinen Räumen haben will. Rund 60 ­infizierte Harlan-Mäuse gelangten auch in diverse Labors der Uni Zürich, sagt ­Gregor Fischer, Direktor des Laboratory Animals Services Center. In der Folge mussten dort aufgrund von Hygienemassnahmen rund 600 Mäuse getötet werden.

Parvoviren gehören zu einer Gruppe von fünf oder sechs Erregern, bei denen man die «Notbremse ziehen muss», sagt Fischer. Zwar sind Parvoviren weit verbreitet und leben in Wildmäusen und anderen Nagetieren, ohne diesen gross zu schaden. Doch in den Labors sind sie unerwünschte Gäste, weil sie das Immunsystem der Mäuse verändern und so Resultate verfälschen können und weil sie bei Labormäusen mit eingeschränktem Immunsystem zu Komplikationen führen können.

«Harlan hat uns schnell informiert», sagt Fischer. Der Versuchstierlieferant habe ein gutes Hygiene-Überwachungssystem und teste seine Mäuse einmal pro Monat auf mögliche Kontaminationen. Am 9. Juli erfuhr Fischer von den infizierten Tieren. Sofort ordnete er an, alle von Harlan in der fraglichen Periode gelieferten Tiere in Quarantäne zu setzen und auf Parvoviren zu testen. «Etwa ein Drittel der getesteten Mäuse war positiv», sagt Fischer. Diese Tiere schläferte Fischers Team sofort ein.

Die Massnahmen scheinen gewirkt zu haben. «Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen», sagt Fischer, «die Infektion ist nicht auf andere Kolonien übergegangen.» Dies sei aber kein Zufall gewesen, betont der Tierarzt, sondern einem guten Managementkonzept und einem modernen Tierverwaltungssystem zu verdanken. Letzteres sorge dafür, dass man über jedes der rund 66 000 Labortiere an der Uni Zürich Echtzeitdaten zur Verfügung hat. «Wir wissen zum Beispiel genau, wann welches Tier wohin transportiert wurde.»

ETH Zürich blieb verschont

Wie gross der (finanzielle) Schaden sein wird, kann Fischer noch nicht sagen. Am grössten sei er, zumindest in ideeller Hinsicht, für die betroffenen Forscher. So musste etwa die Arbeitsgruppe von Fritjof Helmchen am Institut für Hirnforschung Experimente aufgrund von präventiven Reinigungsmassnahmen unterbrechen oder gar vorzeitig beenden.

Auch andernorts offenbarte sich das Problem mit den kontaminierten Mäusestämmen. Etwa an der Uni Bern, wo aber nur wenige Tiere betroffen waren, wie Willy Hofstetter, geschäftsführender Direktor des Departements für klinische Forschung, sagt. Ganz verschont blieb laut Claudine Blaser, Leiterin der Life Science Platform, die ETH Zürich. Ebenfalls «Schwein gehabt» habe man an der Uni Basel, sagt Caroline Johner, Leiterin Tierbetriebe. Sie wisse aber von diversen betroffenen Labors in Deutschland.

Jedes Jahr bestellen Forscher der Uni Zürich laut Gregor Fischer «mehrere Tausend Mäuse» bei Harlan – einem von etwa fünf grossen Versuchstierlieferanten weltweit. Insgesamt erhält die Uni Zürich von allen Lieferanten pro Jahr mehrere Zehntausend Tiere. Es komme dabei immer wieder mal vor, dass unerwünschte Erreger in Versuchstierställe eingeschleppt würden, sagt Fischer. «Das kann man nicht verhindern.» Fünf oder sechs davon, darunter auch die Parvoviren, stünden zuoberst auf der Liste und bedürften ­Sondermassnahmen.

Noch sind auf dem Uni-Campus Irchel einige Mäuse in Quarantäne, noch sind ein paar Experimente sistiert. Sollten die nächsten Testergebnisse negativ ausfallen, wird Fischer anordnen, die Quarantänemassnahmen Ende September schrittweise zurückzufahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2015, 00:17 Uhr

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