Was die Uni verschweigen wollte

Die von Christoph Mörgeli betreuten Doktorarbeiten entsprechen laut einem Expertenbericht mehrheitlich nicht wissenschaftlichen Standards. Das wollte die Uni für sich behalten und liess allen Absolventen die Titel.

Christoph Mörgeli habe die Betreuung seiner Doktoranden vernachlässigt, kritisieren die Experten. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

Christoph Mörgeli habe die Betreuung seiner Doktoranden vernachlässigt, kritisieren die Experten. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

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Ginge es nach der Universität Zürich, hätte die Öffentlichkeit nie erfahren, was genau im Expertenbericht zu den medizinhistorischen Dissertationen steht. Denn die Uni lehnte die Publikation des Berichts entschieden ab. Damit wollten sich der «Tages-Anzeiger» und die Fernsehsendung «Rundschau» aber nicht abfinden. Sie beriefen sich auf das kantonale Informationsgesetz und verlangten erfolgreich die Herausgabe des Berichts. Alle Instanzen – bis zum Bundesgericht – sprachen sich für die Veröffentlichung aus.

Nach einem über zwei Jahre dauernden Rechtsverfahren liegt nun der Bericht vor. Und er ist interessant, insbesondere sein Fazit. Die von der Uni eingesetzte internationale Expertenkommission kommt nämlich zum Schluss,

«dass die von Prof. Dr. Rüttimann (Mörgelis Ex-Chef, die Red.) und Prof. Dr. Mörgeli betreuten Dissertationen überwiegend aufgrund unzureichender Betreuung den wissenschaftlichen Standards medizinhistorischer Dissertationen nicht entsprechen».

Dieser Satz fehlte in der Pressemitteilung, welche die Universität im Herbst 2013 über den Bericht verfasst hatte. Stattdessen war dort von «häufig mangelhaften» Doktorarbeiten die Rede, welche wissenschaftlichen Standards «nur knapp» entsprochen hätten.

Die Uni hat also das Wording ihrer eigenen Haltung angepasst, die nicht ganz mit jener der Experten übereinstimmt. Sie hält die Arbeiten nach wie vor für genügend und hat deshalb entschieden, dass alle Absolventen ihre Doktortitel behalten dürfen. So konnte sie sich viel Ärger ersparen.

Hätte sie wie die Experten von Arbeiten gesprochen, die wissenschaftlichen Standards nicht entsprechen, wäre das Belassen der Titel schwieriger zu vertreten gewesen. Wollte die Uni den Bericht deshalb nicht veröffentlichen? Wollte man die unterschiedlichen Auffassungen von Uni und Experten kaschieren?

Nein, sagt Rainer Weber, Dekan der Medizinischen Fakultät. Man habe die Persönlichkeitsrechte der Absolventen und der Betreuer nicht tangieren wollen. Im Übrigen habe die Fakultät die Dissertationen seinerzeit akzeptiert. Dies wolle man im Nachhinein nicht infrage stellen.

Mörgelis Ex-Chef fällt ab

Was die Betreuung der Absolventen betrifft, so haben Mörgeli und sein Ex-Chef Beat Rüttimann nach Ansicht der Experten ihre Pflicht vernachlässigt. Die von ihnen angeleiteten Dissertationen seien zum Teil «wenig oder gar nicht kommentierte Textabschriften».

Ganz anders beurteilen die Experten die Qualität der Doktorarbeiten, die von Iris Ritzmann betreut wurden. Die heute 53-Jährige war einst stellvertretende Leiterin des Medizinhistorischen Instituts, bevor sie wegen angeblicher Indiskretionen entlassen wurde. Die von ihr angeleiteten Arbeiten entsprächen «durchweg hohen wissenschaftlichen Standards», halten die Experten fest. Durchschnittlich erhielten sie von der Kommission 62 von 70 möglichen Punkten. Bei Mörgeli sind es 34,5 und bei Rüttimann 28,5 Punkte.

Betrachtet man allein das Kriterium Betreuung, so kamen die Experten bei Ritzmann im Schnitt auf 8,8 Punkte, bei Mörgeli auf 3,3 und bei Rüttimann auf 2,5 Punkte. Mörgelis Ex-Chef hatte also gemäss der Kommission die Doktoranden noch schlechter betreut als Mörgeli selbst. Zu diesem Schluss kamen die Experten allerdings erst, nachdem sie die Namen aufgedeckt hatten. Zuvor hatten sie 39 zufällig ausgewählte Dissertationen aus den Jahren 2002 bis 2012 anonymisiert geprüft.

Nebst Mörgeli, Rüttimann und Ritzmann betreuten auch andere Dozenten Dissertationen. Da sie dies aber nur in wenigen Fällen taten, sind ihre Namen im gestern veröffentlichten Bericht geschwärzt. So wollten die Richter verhindern, dass man von den Betreuern auf die Doktoranden schliessen kann.

Wie aber kamen die Experten im Detail zu ihrem Befund? Darüber liest man im lediglich drei Seiten umfassenden Bericht (plus fünf Seiten Bewertungstabelle) wenig. Die Kommission nennt kein einziges Beispiel. Auch wird nicht ersichtlich, wie die Experten die Qualität der Betreuung allein aufgrund der Dissertationen beurteilen konnten. Gespräche mit Absolventen oder Betreuern führten sie keine. Der Bericht steht und fällt also mit dem Vertrauen in die Experten.

Umso gravierender erscheint, dass die Universität deren Namen nicht nennen wollte. Jetzt sind sie bekannt: Wolfgang U. Eckart, Heidelberger Professor für Medizingeschichte, Andreas Thier, Zürcher Professor für Rechtsgeschichte, und Eckhart G. Hahn, emeritierter deutscher Medizinprofessor.

«Ist Fleiss auch ein Vergehen?»

Christoph Mörgeli konnte den Expertenbericht bereits im Herbst 2013 einsehen. Er zweifelt an dessen Wissenschaftlichkeit und hält die von der Uni initiierte Untersuchung für politisch motiviert. Von den 39 zufällig ausgewählten Dissertationen würden 20 auf ihn fallen – und nur gerade fünf auf Iris Ritzmann. Aufgrund der vielen Doktorierenden habe er sich für die einzelnen weniger Zeit nehmen können, zumal er nur Teilzeit angestellt gewesen sei. «Ist Fleiss auch ein Vergehen?», fragt Mörgeli. Beat Rüttimann war für den TA gestern nicht erreichbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.02.2016, 22:52 Uhr)

Mit viel Steuergeld gegen die Transparenz

Am Anfang stand die heftige Kritik der Fernsehsendung «Rundschau». Ihr zufolge hatte Christoph Mörgeli diverse Doktor-arbeiten einfach durchgewinkt. Diesen Vorwurf liess die Uni Zürich durch eine internationale Expertenkommission prüfen. Im Juli 2013 hatte diese ihren Bericht fertiggestellt. Doch die Universität wollte ihn nicht offenlegen – auch nicht nachdem der «Tages-Anzeiger» und die «Rundschau», gestützt aufs kantonale Informationsgesetz, darauf pochten.

Stattdessen scheute die Lehranstalt keinen Aufwand, um sich gegen Transparenz in dieser Sache zu wehren. Sie engagierte ein externes Anwaltsbüro und liess vom emeritierten Staatsrechtsprofessor Rainer J. Schweizer ein 17-seitiges Gutachten erstellen. Darin argumentierte dieser unter anderem mit allfälligen Mängeln im Bericht. Dies spreche gegen eine Publikation.

Die Gerichte sahen es freilich anders und sprachen sich für eine Veröffentlichung aus. Letztinstanzlich entschied das Bundesgericht Mitte Januar – zweieinhalb Jahre nach Erstellen des Berichts. Wie viel Steuergeld die Universität Zürich für das externe Anwaltsbüro und das Gutachten bezahlt hat, mochte sie gestern noch nicht sagen. Der TA bleibt dran. (is.)

Zweites Gutachtendank der Affäre Mörgeli

Laut dem Expertenbericht wurden an der Uni Zürich Doktortitel für Arbeiten vergeben, die wissenschaftlichen Standards nicht ent­sprechen. Wie konnte es dazu kommen? Mit ein Grund dafür ist wohl, dass die Medizinische Fakultät lange auf ein Zweitgutachten verzichtete. Stattdessen genügte in der Regel die Prüfung durch den Doktorvater oder die Doktormutter.

Als Folge der Affäre Mörgeli hat die Uni Zürich im letzten April eine neue Promotionsordnung erlassen. Sie verlangt nebst dem Gutachten des Doktorvaters eine Prüfung durch eine ständige Dissertationskommission. Diese bestimmt auch den Zweitgutachter, wobei dieser nicht in derselben Klinik respektive demselben Institut arbeiten darf wie der Doktorvater oder die Doktormutter.

Dies ändert aber nichts daran, dass ein Dr. med. in der Schweiz nicht gleich viel wert ist wie ein Doktortitel anderer Fächer. Während für Mediziner eine Dissertation in sechs bis zwölf Monaten machbar ist, braucht ein Dr. phil. in der Regel drei bis fünf Jahre. Machen auch Mediziner eine aufwendige Forschungsdissertation, erhalten sie einen Dr. sc. med. verliehen (sc. für scientarum). Den meisten Ärzten geht es aber weniger um die Forschung als darum, dass sie «Dr. med.» vor ihren Namen schreiben dürfen. (is.)

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