Zürich braucht kein Wahrzeichen

In der Limmatstadt ist die Umgebung so wichtig wie der Neubau. Darum haben wir keine Elbphilharmonie. Eine Replik.

Extravaganz würde hier nur stören: Blick über die Altstadt von Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Extravaganz würde hier nur stören: Blick über die Altstadt von Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Warum gibt es in Zürich kein architektonisches Wunderwerk wie jetzt in Hamburg die Elbphilharmonie? Weil wir es nicht wollen. Wir, das sind die Entscheidungsträger auf allen Ebenen: Bau­behörden, Architekten, Verbände, Gesetzgeber, Gerichte, Stimmberechtigte. Alle geeint in der Vorstellung, wie Häuser hierzulande auszusehen haben: qualitätsvoll, sorgfältig, nachhaltig, respektvoll – also keinesfalls exzentrisch. So wie man sich auch den Ehepartner wünscht.

Wie in Zürich nur schon auf einen Hauch Exzentrik reagiert wird, zeigte das Kongresszentrum von Rafael Moneo vor gut zehn Jahren: ein Glasbau mit kühn in den Himmel stechenden Dachkanten, grösser als die Bauten in der Umgebung, höher als das «Gesims des Roten Schlosses» nebenan, wie eine Kritik lautete. Die Architekten kritisierten die übergrosse Ausnutzung, die Denkmalschützer den Abbruch des Kongresshauses von Haefeli/Moser/Steiger, die Gartendenkmalpfleger den Verlust des Vorgartens und so fort. Die Fantasie im Widerstand war beeindruckend. Im Juni 2008 sagte das Volk Nein.

Selbst wenn die Mehrheit zugestimmt hätte: Der Bau wäre keineswegs gesichert gewesen. Rekurse sind in Zürich so sicher wie Ebbe und Flut in Hamburg, und meist wird das Planungs- und Baugesetz zitiert: Bauten müssen auf ihre Umgebung abgestimmt sein und auf Objekte des Natur- und Heimatschutzes besondere Rücksicht nehmen. Die ganze Zürcher Innenstadt ist im Richtplan als schützenswertes Ortsbild definiert, was einen architektonischen Exzess von vorn­herein ausschliesst.

Zuerst die Rendite

An der Europaallee zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse gaben die SBB ihr ganzes Areal zur Überbauung frei. Zuerst wurde das Riesengrundstück in Baufelder aufgeteilt, die sich nach den Stichstrassen der Umgebung richten, dann wurden möglichst viele Architekten beauftragt. Zusammen mit den Renditevorgaben entstand dann diese Überbauung, die alle kaltlässt. Aber auch in abgelegenen Gebieten wie dem Rütihof müssen sich Neubauten anpassen, wie das Bundesgericht jüngst im Fall Ringling entschieden hat – einem verwegenen Wohnbau in Form einer Wagenburg.

In den ehemaligen Industriegebieten von Zürich-Nord und Zürich-West wäre der Platz vorhanden und die Umgebung weniger einschränkend gewesen für einen Neubau, der die Welt hätte staunen lassen. Doch es blieb beim Gewohnten: Büros, Wohnungen, etwas Gastro, Schule und noch ein paar Hallen Denkmalschutz für den Industrie-Chic. Der Courant normal hat es in Zürich so leicht, weil die Stadt gesättigt ist. Sie hat alles ausser einem richtigen Fussballstadion: mehr Theater, als man sich merken kann, ein renommiertes Opernhaus, eine Tonhalle mit exzellenter Akustik und für die härteren Töne das Hallenstadion. Jahrzehntelang hat man für die Kaserne eine neue Nutzung von übergeordnetem Interesse gesucht, doch nichts gefunden. Jetzt zieht halt die Erwachsenenbildung ein.

Die Stadt ist die Attraktion

Anders als Hamburg oder Sydney und Bilbao mit ihren Architektur-Ikonen braucht Zürich kein architektonisches Wahrzeichen. Die Stadt als Ganzes ist die Attraktion mit ihrer Lage an Fluss und See, der Altstadt, den Prachtbauten aus dem Historismus, den Blockrändern in Aussersihl – jedes Quartier ein Spaziergang durch die Bau­ästhetik. Das stimmt ruhig, um nicht zu sagen selbstgefällig. Die Frage, warum Zürich keine Architekturbombe hat, taucht dennoch alle paar Jahre wieder auf. Dann pflegen die Bauvorsteher im Stadtrat und die Direktoren der Bauämter jeweils milde und wissend zu lächeln und antworten: Bomben sind laut und kurzlebig, wir machen in Qualität und Nachhaltigkeit.

Was dabei herauskommt, zeigt der Erweiterungsbau des Kunsthauses. Den Wettbewerb gewann der Londoner Architekt David Chipperfield, der seinen Sandsteinkubus so erklärt: Das Projekt passt zu Zürich, weil es ruhig ist – «Zurich is a solid city, not Barcelona. It’s a Zurich building.» Doch so stark sich Chipperfield auch bemüht hat, sein Museum in Form und Material mit der Umgebung zu verzahnen, der Einwand ist immer der gleiche: zu gross. In Zürich ist den Leuten immer alles zu gross. Deshalb hätten sie die Elbphilharmonie nie bewilligt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 18:46 Uhr

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