«Einzelpraxen sind ein Auslaufmodell»
Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 08.05.2010
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Sie sind alleinerziehende Mutter und Ärztin. Wie machen Sie das?
Mein Sohn ist jetzt zwölf, er besucht an vier Wochentagen den Mittagstisch in der Schule.
Ärztinnen arbeiten unregelmässig, im Spital auch Schicht. Decken Krippen und Horte dies ab?
Nein, man muss selbst eine Betreuerin finden. Das war mit ein Grund, weshalb ich im Unispital aufhörte, als mein Kind geboren wurde. Über eine Freundin kam ich in die HMO-Praxis in Wiedikon, wo ich dann zwölf Jahre blieb.
Inzwischen sind rund 60 Prozent der Medizin Studierenden Frauen. Was hat das für Auswirkungen?
Frauen, die während der Studienzeit schwanger werden, hängen das Studium oft an den Nagel. Zu meiner Zeit gab es etliche solche Fälle, und heute ist es wohl nicht anders. Viele Frauen scheiden auch während der Weiterbildungszeit am Spital aus, wenn sie ein Kind bekommen. Oberärztinnen oder gar Chefärztinnen gibts nur wenige. Wegen der leider nach wie vor schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Was würde dagegen helfen?
Es braucht Verständnis von den Verantwortlichen. Die Männer müssen eingebunden werden in die familiären Verpflichtungen. Und die Betreuungsplätze müssten auch auf Eltern ausgerichtet sein, die unregelmässig arbeiten.
Verständnis von Chefs: Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?
Ich hatte gerade die Facharztausbildung fertig und wäre gern als Oberärztin im Uni-Spital geblieben. Doch meine Chefs auf der Inneren Medizin sagten, Jobsharing komme nicht infrage. In der Forschung hätte ich arbeiten können, doch ich sah meine Stärke klar in der Klinik. Später bekam ich dann zwar Angebote für Oberarztstellen in andern Spitälern, doch zog ich die Tätigkeit in der Gruppenpraxis vor. Dort war ich flexibler, konnte Arbeit und Familie einigermassen gut unter ein Dach bringen.
Teilzeit ist das Modell der Zukunft, da es immer mehr Ärztinnen gibt und auch Ärzte, die sich an der Kinderbetreuung beteiligen. Wie funktioniert es in der Praxis?
Ich habe in zwölf Jahren nur gute Erfahrungen gemacht. Man ist in einem Team, hat Zeiten, zu denen man überlappend anwesend ist, man kann sich austauschen, die Patienten haben immer eine Ansprechperson . . .
. . . aber nicht immer die gleiche?
Nicht unbedingt. Aber auch mit einem einzigen Hausarzt muss man in Kauf nehmen, dass der mal weg ist. Für nicht notfallmässige Besuche können die Patienten auch in einer Gruppenpraxis immer dieselbe Ärztin wählen. Übrigens ist es ganz gut, wenn mal ein Kollege einen Blick auf «meine» Patienten wirft.
Die Schweiz kann ihren Bedarf an Ärzten nur dank Ausländern decken. Mit der zunehmenden Feminisierung des Berufs wird sich der Mangel noch verschärfen. Was raten Sie, in dieser Situation zu tun?
Den grössten Teil der ambulanten Grundversorgung decken die Hausärztinnen und Hausärzte ab. Hier sollte die Politik ansetzen und die finanziellen Rahmenbedingungen verbessern. Dann würden wieder mehr Junge die Hausarztmedizin wählen. Ich höre von unseren Praktikanten, dass sie besorgt sind, ob die Hausarztmedizin ihnen eine Zukunft bietet. Sie wählen lieber eine chirurgische Disziplin oder ein Spezialfach. Oder sie bleiben im Spital, weil sie dort eine sichere Existenz sehen.
Aus rein finanziellen Überlegungen?
Ja. Wenn man für alles selber aufkommen muss: Mietkosten, Personal, Labor, EKG, Röntgen, Ultraschall, die ganze Infrastruktur - wenn man all dies amortisieren muss, ist das mit einem Teilzeitpensum unmöglich.
Haben Teilzeit-Ärztinnen keine andere Wahl als die Gruppenpraxis?
Das ist so. Angesichts der vielen Frauen in der Medizin muss ich sagen: Einzelpraxen sind ein Auslaufmodell. In der Stadt sowieso, aber auch auf dem Land. Warum nicht ein Jobsharing von zwei Ärztinnen in einem Bergdorf? In einem Skiort kann man in der Saison rund um die Uhr arbeiten, da beugt das Jobsharing einem Burn-out vor.
Die Politik will die Versicherten dazu bewegen, in Ärztenetzwerke zu gehen, die mit einem Globalbudget arbeiten. Wer dies nicht tut, soll künftig 20 Prozent Selbstbehalt zahlen statt wie heute 10 Prozent. Sie arbeiteten zwölf Jahre in einer HMO-Praxis. Hat Sie der Kostenrahmen eingeschränkt?
Ich habe immer die Medizin praktiziert, die ich angemessen fand. Auch wenn jemand schwer krank war und teure Behandlungen brauchte, gabs keine Limitierung. Qualität geht vor. Man macht zwar gewisse Analysen. Aber es wurde nie eine gute Behandlung aus finanziellen Gründen verweigert.
Wo liegt denn das Sparpotenzial, wenn nicht in der Behandlung? Denn ums Sparen geht es ja.
In grossen Praxen kann man viel bei der Infrastruktur sparen, indem man das Personal, die Mietkosten, das Labor, Apparate und anderes teilt. Gespart wird nicht an der Medizin, sondern bei den Alltagsausgaben. Und indem die Leute nicht von einem Spezialisten zum andern rennen, weil ein Arzt oder eine Ärztin alles koordiniert.
Wo wird in der Medizin sonst zu viel Geld ausgegeben?
Ich habe erlebt, dass bei unheilbar Kranken bis zum letzten Atemzug alles probiert wird. Chemotherapeutika haben zum Teil horrende Preise. Da habe ich mich oft gefragt, ob der Patient in seinen letzten Tagen ohne die Behandlung nicht eine bessere Lebensqualität hätte, weniger Nebenwirkungen und mehr Zeit mit seinen Angehörigen. Ich verstehe aber auch, dass der Onkologe alles anbieten möchte und Patienten und Angehörige jedes Mittel dankbar nehmen. Es ist ein Dilemma. Wo sicher nicht zu viel Geld ausgegeben wird, ist in der Grundversorgung. Da braucht es Ressourcen: Zeit, Zuwendung, eine gewisse Infrastruktur. Hier wurde schon zu viel zusammengespart.
Meinen Sie die tieferen Labortarife?
Zum Beispiel. Oder der niedrige Tarif für Hausbesuche.
Gehen Sie selber auf Hausbesuch?
Ja, oft über Mittag und vorzugsweise mit dem Velo.
Was sind das für Patienten, die Sie zu Hause besuchen?
Zum Beispiel schwer kranke Herzpatienten in ihren letzten Monaten oder Wochen, die es nicht mehr schaffen, in die Praxis zu gehen. Oder ein Mann mit einer neurologischen Krankheit, beidem ich abends auf dem Nachhauseweg vorbeigehe, um zu schauen, wies geht. Seine Frau betreut ihn Tag und Nacht. Im Stadtquartier hat es sehr viele betagte Menschen. Sie wollen in ihrer Wohnung bleiben, schaffen es aber nicht mehr, aus dem 4. Stock runter oder in ein Taxi zu steigen. Diese Menschen schätzen es sehr, dass ich vorbeikomme. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.05.2010, 07:57 Uhr


































