Atommüllgegner machen mobil
Von Andrea Söldi. Aktualisiert am 27.05.2010
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Viele Unterländer entnahmen ihrem Briefkasten am Dienstag eine ungewohnte Lektüre: Der vierseitige «Atommüll Anzeiger» ist vom Layout her dem «Tages-Anzeiger» nachempfunden; statt des Zürcher Wappens prangt in der Mitte des Zeitungsnamens jedoch ein Fragezeichen mit dem Symbol für radioaktive Strahlung auf gelbem Hintergrund.
Herausgeberin ist die Schweizerische Energie-Stiftung (SES), eine Umweltorganisation mit Schwerpunkt Energiepolitik. «Uns geht es darum, Gegeninformationen zur Kampagne der Nagra zu streuen», sagt Sabine von Stockar, Projektleiterin Atomenergie bei der SES. Die Nationale Gesellschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) unterschlage der Bevölkerung, welche Schwierigkeiten im Zusammenhang mit einem Endlager auftreten könnten. Indem die Nagra weder eine längerfristige Überwachung des Lagers noch die Möglichkeit einer Rückholung des strahlenden Materials vorsehe, arbeite sie «nach dem Prinzip Hoffnung». Die Organisation verteilte die Zeitung in den Schweizer Gemeinden rund um die sechs Standorte, die für ein künftiges Tiefenlager infrage kommen. Mit Ausnahme des Gebiets um den Wellenberg: Dort leiste die Bevölkerung sowieso bereits starken Widerstand, erklärt von Stockar.
Lienhart an Info-Veranstaltung
Rund um den möglichen Standort «Nördlich Lägern» wurde die Schrift im ganzen Gebiet zwischen Embrach, Rafz, Niederhasli und dem aargauischen Endingen verteilt. Im aargauischen Schneisingen, das direkt im geologischen Standortgebiet liegt, findet am 8. Juni (Dienstag, 20 Uhr) eine Informationsveranstaltung statt, bei der auch Hanspeter Lienhart aus Bülach, Präsident des Forums Lägern-Nord, spricht.
Das Forum, in dem Behördenmitglieder der betroffenen Gemeinden vertreten sind, will die Standortfindung kritisch begleiten. Es vertritt die Haltung, die Region müsse mit Fluglärm und Kiesabbau bereits genügend Belastungen tragen. «Aber wir wollen im Findungsprozess nach dem besten Standort für ein Tiefenlager kooperieren», sagt Lienhart. An der Veranstaltung in Schneisingen, bei der auch Sabine von Stockar sowie der Regionalplaner des Bezirks Zurzach, Felix Binder, sprechen, will Lienhart genau diese Haltung des Forums Lägern-Nord vertreten.
Keine Widerstandsbewegung
Die Positionen der SES teile er als Präsident des Forums nicht uneingeschränkt, sagt Lienhart. Zum Beispiel habe er nie den Eindruck gehabt, die Nagra orientiere unsachlich. «Aber natürlich ist die Nagra Partei.» Die Organisation habe den Auftrag, eine Lösung für die radioaktiven Abfälle zu finden und verfüge über ein beachtliches Budget für die Öffentlichkeitsarbeit. So war sie etwa an der Gewerbeausstellung in Eglisau vertreten und informierte im letzten Sommer vor dem Bülacher Einkaufszentrum Sonnenhof.
Die Region «Nördlich Lägern» sei die einzige der sechs möglichen Standort-Regionen, die über keine eigentliche Widerstandsorganisation verfüge, bedauert von Stockar. Die SES wolle ein Atomendlager jedoch weder per se verhindern, um den Bau neuer Atomkraftwerke zu torpedieren, sagt von Stockar, noch wolle ihre Organisation die Regionen gegeneinander ausspielen. «Es geht uns lediglich darum, ein unsicheres Atommüll-Lager zu verhindern.»
Auch einen Zusammenhang zu den praktisch zeitgleichen Anti-AKW-Aktionen in den letzten Tagen stellt die SES-Projektleiterin in Abrede. Am Wochenende wurde in Gösgen gegen den Bau neuer Atomkraftwerke demonstriert; am Dienstag legten sich Greenpeace-Aktivisten in Zürich auf die Strasse, um auf die Gefahr eines Reaktorunfalls aufmerksam zu machen; und Greenpeace-Mitglieder fanden am gleichen Tag eine Zeitschrift im Briefkasten, die sie mit den Gefahren eines Super-Gaus konfrontiert. Der Erscheinungszeitpunkt des «Atommüll Anzeigers» habe indes mit der Vernehmlassung zu tun, die das Bundesamt für Energie auf den Spätsommer angesetzt hat, sagt von Stockar.
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Erstellt: 26.05.2010, 20:48 Uhr



