Zürich

Christliche Dogmen verpackt in Teufelsmusik

Das Solid-Festival 2009 überzeugte mit guter Musik und perfekter Organisation. Die vermittelten Inhalte sind dagegen streitbar.

Rob Beckley, der Leadsänger der Band Pillar, heizt am Solid-Festival in Bülach ein. Auch er hat seinen Weg zu Gott gefunden.

Rob Beckley, der Leadsänger der Band Pillar, heizt am Solid-Festival in Bülach ein. Auch er hat seinen Weg zu Gott gefunden. (Bild: David Baer)

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Die Szene hat etwas Überwältigendes an sich. Wie auf Kommando recken die gut 2000 Jugendlichen, die an diesem Samstagabend ans Solid-Festival in die Bülacher Stadthalle gepilgert sind, ihre Arme in die Höhe und singen zum seichten Gitarrensound der australischen Band Paul Colman: «Fill my cup to the top.» – Fülle meinen Becher bis zum Rand. Es geht nicht um Alkohol. Es geht um Gott, um die Erfüllung, die sich viele in der Stadthalle von diesem Abend erhoffen.

Paul Colman ist einer von acht Headlinern, die die Masse am Solid-Festival von der beeindruckenden Bühne herab mit christlichen Dogmen in moderner musikalischer Verpackung beschallen. Contemporary Christian Music (CCM) nennt sich der Trend, der seine Geburtsstunde in den frühen 70ern in der amerikanischen Metropole Nashville feierte und in immer grösser werdenden Wellen nach Europa überschwappte.

Hymne auf den «Daddy»

Das Bülacher Solid-Festival ist einer der erfolgreichsten CCM-Events des Landes. Nach 2008 konnten sich die Veranstalter auch dieses Jahr über eine restlos ausverkaufte Stadthalle freuen. Hinter dem Anlass steht der von reformierten Vereinigungen und Freikirchen getragene Unterländer Jugendverein Reach our Region. «Mit dem Anlass möchten wir zeigen, dass Christ sein nichts Altes und Verstaubtes ist, sondern modern ausgelebt werden kann», erklärt Festivaldirektor Tom Liesch. Als Bekehrungsevent will er das Solid-Festival nicht verstanden haben. Man wolle die Freiwilligkeit bewahren und Denkanstösse geben. Er gibt aber zu: «Das hier Verbreitete ist teilweise eine starke Vereinfachung christlicher Inhalte. Daher zählen wir auf die kritische Grundhaltung unserer Besucher.»

Der hemmungslose Beifall für die moralisierenden Auftritte in der Stadthalle lässt aber eine kritische Haltung des jugendlichen Publikums vermissen. Zu schön klingen die Versprechungen, mit denen sie berieselt werden. «Gott will uns alle umarmen. Er ist unser perfekter Daddy», ruft Eventprediger Andreas «Boppy» Boppart in die Halle. «Vor ihm könnt ihr nicht davonlaufen. Also gebt ihm eine Chance. Heute schon könnt ihr mit Beten beginnen», predigt Boppy, bevor er der versammelten Jugend ein «megakrasses Solid-Festival» wünscht und die Bühne für den nächsten Headliner räumt. Die Begeisterung des Publikums für die popularisierten christlichen Propagandasprüche ist gross. Wer nicht mitmacht, steht im Abseits.

Einer, der die CCM-Szene bestens kennt, ist der Schweizer Worshipsänger Dave Kull, der nach einer steilen Karriere als Jugendgottesdienst-Musiker beim Solid-Festival als Opening Act verpflichtet wurde. In Auftritten wie jenem von Andreas Boppart sieht er durchaus gewisse Gefahren. «Die jungen Leute kommen mit einer unglaublichen Leichtgläubigkeit hierher», erklärt er kurz nach seiner eigenen Performance. Eine gewisse Modalisierung der biblischen Lehre sei zwar nötig, um mit der Jugend «connecten und relaten» zu können und sie «in eine geile Richtung zu lenken. Von einer kritischen Haltung im Publikum auszugehen, ist aber falsch.»

«Rock'n'Roll in Reinkultur»

Ist es nicht falsch, Rock'n'Roll – wie es mehrere der am Solid-Festival auftretenden Bands taten – ohne Sex und Drugs zu präsentieren und dafür mit christlich-moralischen Inhalten zu füllen? Geht dabei nicht Entscheidendes verloren? Dave Kull widerspricht: «Die Musik ist ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Wenn wir auf der Bühne stehen und Gottes Wort in die Menge schreien, dann ist das Rock'n'Roll in Reinkultur.»

Dennoch, die eigenmächtige Adaption des Rock-Genres für einfach formulierte christliche Grundsatzwerte wirft Fragen auf. Wenn zu harten Gitarrenriffs Lobgesänge auf einen liebenden «Daddy» im Himmel ertönen, wirkt das irritierend. Noch befremdender ist es, wenn Slipknot-T-Shirt-tragende Teenager in die «God is Great»-Hymnen einstimmen und sich neochristlichen Dogmen hingeben.

Das Solid-Festival 2009 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das strikte Suchtmittelkonzept, die perfekte Organisation und der freiwillige Einsatz der rund 150 Helfer sind lobenswert. Es bleibt die Frage, ob die populär formulierten Inhalte nicht genau die gesellschaftlichen Gefahren bergen, die einst der Verruchtheit des klassischen Rock'n'Roll zugeschrieben wurden.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2009, 04:00 Uhr

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16 Kommentare

markus kleiner

06.11.2009, 08:54 Uhr
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lieber samuel schumacher, Wo liegt IHR Problem? Menschen kommen zusammen, um eine gute Zeit miteinander zu haben und sie problematisieren den Umstand, dass Rock 'n'Roll nicht mit Sex und Drugs dafür aber mit dem Glauben an Gott in Zusammenhang gebracht wird. Was ist daran falsch? Why should the Devil have all the good music? Liebe Grüsse Markus Kleiner Antworten


Bircher Andy

05.11.2009, 22:24 Uhr
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Bei AC/DC oder Rammstein wo es offensichtlich ist was für Texte sie in die Welt prangern gibt es auch nie ein Aufstand in der Zeitung. Da steht nur was für ein erfolg das war etc. Ich war selber das erste mal am Solid Festival und wahr sehr begeistert. Ich denke auch, dass man den Unterschied zwischen einem Christlichen Rock/Metal Konzerten und anderen Rock/Metal Konzerten schon deutlich sieht. Antworten


Bircher Andy

05.11.2009, 22:16 Uhr
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@ Axel Brunner Zitat: Das gefährliche daran ist, wenn die "jungen Christen" dann den Auftrag bekommen Freunde und Bekannte dazu zu bewegen zu solchen Konzerten zu kommen um sich einlullen zu lassen! Ich frage mich ob wenn du an ein AC/DC Konzert gehst nicht auch Freunde einlädst??? Warum gibt es so ein Aufstand wenn ein Christliches Konzert ist? Antworten


Fabien Hiltebrand

04.11.2009, 13:55 Uhr
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Ich denke, wir alle sollen uns darüber im Bewussten sein, dass dieser Artikel bloss von einer subjektiven Perspektive geschrieben wurde. Leider war der Autor dieses Artikels nicht in der Lage, seine persönliche Meinung vom eigentlichen Inhalt, dem Festival, zu trennen. Ich frage mich, ob nicht auch gerade dies eine Infiltrierung gegenüber denjenigen Lesern ist, die nicht wissen, worum es geht. Antworten


Balthazar Fischer

03.11.2009, 13:10 Uhr
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Auch ich als nicht Christ sondern rein religiöser Mensch ohne solche Bezeichnungen, kann bei solchen Events nur gratulieren. Warum sollen wir dem Höchsten nicht mit Rock, Reagge oder MPB unsere Ehrbietung zeigen. Warum ist dies nicht verständlich und wird kritisiert? Kann es sein, dass diese Personen keine Beziehung zum Höchsten haben? Antworten


Brigitte Stoffel

02.11.2009, 20:23 Uhr
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Frage@Axel Brunner, Wie oft und in welchen Freikirchen sind Sie bereits gewesen? Oder wie kommen Sie dazu uns Freikirchler alle als Vollblutschafe zu bezeichnen? Im Gegenteil, in der röm.kath. Landeskirche wo ich herkomme, war eine Messe eine "One-Men-Show" und Otto Normalkirchgänger hat konsumiert! In der Freikirche habe auch Junge Gläubige die Möglichkeit, sich einzubringen und mitzugestalten! Antworten


Tobias Schläpfer

02.11.2009, 18:33 Uhr
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Klingt für mich nach: Christen müssen artig sein, gehören ins Kloster und sollen doch bei klassischen Hymnen bleiben... Doch das hat doch absolut nichts mit dem Glauben zu tun?! Wie dieser Glaube ausgelebt wird ist jedem überlassen, auch Gitarrenriffe können der Anbetung dienen. Und ob jemand die erfahrbare Liebe Gottes annimmt ist jeden morgen eine neue Entscheidung und nicht festivalabhängig. Antworten


Francisco Serrano

02.11.2009, 17:58 Uhr
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Was die Christen der Freikirchen auch immer machen, es ist immer der gleiche zynische Unterton. Was ist schlecht wenn Christen das Leben geniessen und Party mit Gott feiern können ? He Gott ist im Fall erfahrbar und er liebt es wenn Jugendliche Party feiern ! Hat Jesus nicht Wasser in Wein verwaldelt ? Ueber die Jugend wird genug negativ berichtet ! Liebe Medien seid doch endlich mal positiv. Antworten


Valentin Gerber

02.11.2009, 17:55 Uhr
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Dieser Artikel hat eindeutig jemand geschriben, der an einem anderen Konzert war als am Solidfestival!! Das Festival hatte überhaut nicht's mit "Teufelsmusik" oder sonstigen spirituellem "Zeugs" am Hut! Es war ein Festival mit 2000 Jungentlichen, die an einen Gott glauben und diesen mit Musik, die nicht aus dem Gesangsbuch gesungen werden, angebetet und gefeiert hatten! Boppis Input war der hammer Antworten


Gianin May

02.11.2009, 16:25 Uhr
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Ich bezweifle, dass Teenies die nicht gläubig sind mehr denken als solche die es sind. Falls es nämlich so wäre, würde vieles anders sein. Antworten


Axel Brunner

02.11.2009, 15:54 Uhr
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Gegen das alkohol-, rauch- und gewaltfreie ist nichts einzuwenden, aber mir ist ein AC/DC Fan der selbständig denkt lieber als ein frommes Schaf das blind seinem Hirten folgt. Klar gibt es überall Mitläufer, aber um ein Mitglieder einer Freikirche zu sein muss man schon ein Vollblutschaf sein. Und ich will keine Gesellschaft die zu 99,99% aus Schafen besteht. Das hatten wir lange genug. Antworten


Roger Lustenberger

02.11.2009, 15:01 Uhr
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ausverkauftes Rockfestival mit 2000, meist jugendlichen, Besuchern, grosse Partystimmung, kein Alkohol, rauchfrei und keine negativen Zwischenfälle - für mich ein absolut Lobenswerter Anlass! Antworten


Hans Keller

02.11.2009, 13:20 Uhr
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Kann mich noch an die 80er erinnern: "Hey, an dieses Konzert (AC/DC) musst Du un-be-dingt kommen! Jeder geht doch hin!" Diese Aufforderung übt doch auch massiven Druck aus, oder? Nur reklamierte damals keiner. Wahrscheinlich weil AC/DC nicht christlich und deshalb "cool" waren, obwohl die Aufforderung ihr Konzert zu besuchen, als genauso "fanatisch" bezeichnet werden kann. Witzig, nicht wahr? Antworten


Axel Brunner

02.11.2009, 12:34 Uhr
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Grundsätzlich finde ich, sollte jeder tun dürfen was er will, solange er Anderen nicht schadet. Das gefährliche daran ist, wenn die "jungen Christen" dann den Auftrag bekommen Freunde und Bekannte dazu zu bewegen zu solchen Konzerten zu kommen um sich einlullen zu lassen von der ach so einfachen Welt in der jemand Anders das denken für einen übernimmt. Das selbständige Denken muss gefördert werde Antworten


Fabienne Studer

02.11.2009, 11:43 Uhr
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Ach ja? Lobgesänge auf Gott zu Rockmusik sind irritierend?! Aber Glorifizierungen von Sex und Drogen zu Rockmusik sind gut oder was? Was hat sich der Autor dieses Artikels bei solchen Aussagen eigentlich gedacht? Antworten


Marc-Etienne Berney

02.11.2009, 09:56 Uhr
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Auch wenn solche Konzerte nicht ganz meiner Kultur entsprechen, bin ich froh, dass Sex und Drogen durch christliche Inhalten erwetzt werden. Wenn Gott der Schöpfer ist, dann hat er auch die Musik geschaffen und wir sollen ihn damit loben. Im Gegensatz zu anderen Konzerten und Fussballmatchs gingen nach diesem Konzert wohl alle zufrieden und friedlich nach Hause. Antworten



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