Christliche Dogmen verpackt in Teufelsmusik

Von Samuel Schumacher. Aktualisiert am 02.11.2009 16 Kommentare

Das Solid-Festival 2009 überzeugte mit guter Musik und perfekter Organisation. Die vermittelten Inhalte sind dagegen streitbar.

Rob Beckley, der Leadsänger der Band Pillar, heizt am Solid-Festival in Bülach ein. Auch er hat seinen Weg zu Gott gefunden.

Rob Beckley, der Leadsänger der Band Pillar, heizt am Solid-Festival in Bülach ein. Auch er hat seinen Weg zu Gott gefunden. (Bild: David Baer)

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Die Szene hat etwas Überwältigendes an sich. Wie auf Kommando recken die gut 2000 Jugendlichen, die an diesem Samstagabend ans Solid-Festival in die Bülacher Stadthalle gepilgert sind, ihre Arme in die Höhe und singen zum seichten Gitarrensound der australischen Band Paul Colman: «Fill my cup to the top.» – Fülle meinen Becher bis zum Rand. Es geht nicht um Alkohol. Es geht um Gott, um die Erfüllung, die sich viele in der Stadthalle von diesem Abend erhoffen.

Paul Colman ist einer von acht Headlinern, die die Masse am Solid-Festival von der beeindruckenden Bühne herab mit christlichen Dogmen in moderner musikalischer Verpackung beschallen. Contemporary Christian Music (CCM) nennt sich der Trend, der seine Geburtsstunde in den frühen 70ern in der amerikanischen Metropole Nashville feierte und in immer grösser werdenden Wellen nach Europa überschwappte.

Hymne auf den «Daddy»

Das Bülacher Solid-Festival ist einer der erfolgreichsten CCM-Events des Landes. Nach 2008 konnten sich die Veranstalter auch dieses Jahr über eine restlos ausverkaufte Stadthalle freuen. Hinter dem Anlass steht der von reformierten Vereinigungen und Freikirchen getragene Unterländer Jugendverein Reach our Region. «Mit dem Anlass möchten wir zeigen, dass Christ sein nichts Altes und Verstaubtes ist, sondern modern ausgelebt werden kann», erklärt Festivaldirektor Tom Liesch. Als Bekehrungsevent will er das Solid-Festival nicht verstanden haben. Man wolle die Freiwilligkeit bewahren und Denkanstösse geben. Er gibt aber zu: «Das hier Verbreitete ist teilweise eine starke Vereinfachung christlicher Inhalte. Daher zählen wir auf die kritische Grundhaltung unserer Besucher.»

Der hemmungslose Beifall für die moralisierenden Auftritte in der Stadthalle lässt aber eine kritische Haltung des jugendlichen Publikums vermissen. Zu schön klingen die Versprechungen, mit denen sie berieselt werden. «Gott will uns alle umarmen. Er ist unser perfekter Daddy», ruft Eventprediger Andreas «Boppy» Boppart in die Halle. «Vor ihm könnt ihr nicht davonlaufen. Also gebt ihm eine Chance. Heute schon könnt ihr mit Beten beginnen», predigt Boppy, bevor er der versammelten Jugend ein «megakrasses Solid-Festival» wünscht und die Bühne für den nächsten Headliner räumt. Die Begeisterung des Publikums für die popularisierten christlichen Propagandasprüche ist gross. Wer nicht mitmacht, steht im Abseits.

Einer, der die CCM-Szene bestens kennt, ist der Schweizer Worshipsänger Dave Kull, der nach einer steilen Karriere als Jugendgottesdienst-Musiker beim Solid-Festival als Opening Act verpflichtet wurde. In Auftritten wie jenem von Andreas Boppart sieht er durchaus gewisse Gefahren. «Die jungen Leute kommen mit einer unglaublichen Leichtgläubigkeit hierher», erklärt er kurz nach seiner eigenen Performance. Eine gewisse Modalisierung der biblischen Lehre sei zwar nötig, um mit der Jugend «connecten und relaten» zu können und sie «in eine geile Richtung zu lenken. Von einer kritischen Haltung im Publikum auszugehen, ist aber falsch.»

«Rock'n'Roll in Reinkultur»

Ist es nicht falsch, Rock'n'Roll – wie es mehrere der am Solid-Festival auftretenden Bands taten – ohne Sex und Drugs zu präsentieren und dafür mit christlich-moralischen Inhalten zu füllen? Geht dabei nicht Entscheidendes verloren? Dave Kull widerspricht: «Die Musik ist ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Wenn wir auf der Bühne stehen und Gottes Wort in die Menge schreien, dann ist das Rock'n'Roll in Reinkultur.»

Dennoch, die eigenmächtige Adaption des Rock-Genres für einfach formulierte christliche Grundsatzwerte wirft Fragen auf. Wenn zu harten Gitarrenriffs Lobgesänge auf einen liebenden «Daddy» im Himmel ertönen, wirkt das irritierend. Noch befremdender ist es, wenn Slipknot-T-Shirt-tragende Teenager in die «God is Great»-Hymnen einstimmen und sich neochristlichen Dogmen hingeben.

Das Solid-Festival 2009 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das strikte Suchtmittelkonzept, die perfekte Organisation und der freiwillige Einsatz der rund 150 Helfer sind lobenswert. Es bleibt die Frage, ob die populär formulierten Inhalte nicht genau die gesellschaftlichen Gefahren bergen, die einst der Verruchtheit des klassischen Rock'n'Roll zugeschrieben wurden.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2009, 04:00 Uhr

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16 Kommentare

Gianin May

02.11.2009, 16:25 Uhr
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Ich bezweifle, dass Teenies die nicht gläubig sind mehr denken als solche die es sind. Falls es nämlich so wäre, würde vieles anders sein. Antworten


Marc-Etienne Berney

02.11.2009, 09:56 Uhr
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Auch wenn solche Konzerte nicht ganz meiner Kultur entsprechen, bin ich froh, dass Sex und Drogen durch christliche Inhalten erwetzt werden. Wenn Gott der Schöpfer ist, dann hat er auch die Musik geschaffen und wir sollen ihn damit loben. Im Gegensatz zu anderen Konzerten und Fussballmatchs gingen nach diesem Konzert wohl alle zufrieden und friedlich nach Hause. Antworten



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