«Das Tier ist nicht nur ein Kotelett»

Von Andrea Söldi. Aktualisiert am 02.09.2010 4 Kommentare

Auf dem Rüebisberg in Bachs grasen Kühe mit prächtigen Hörnern. Sie sind jedoch Ausnahmen.

Für sie ist es selbstverständlich, dass ihre Kühe nicht enthornt werden: Walter und Florian Weidmann (rechts).

Für sie ist es selbstverständlich, dass ihre Kühe nicht enthornt werden: Walter und Florian Weidmann (rechts).
Bild: David Bär

Bio-Label

Neben der Nutztierschutz-Organisation KAG Freiland setzen sich auch das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) für behornte Tiere ein, sowie der Schweizerische Demeter-Verband. Demeter-Bauern dürfen nicht enthornen – nicht nur aus Tierschutzgründen, sondern auch, weil die Organisation den Hörnern eine spezielle Funktion im Zusammenhang mit der Verdauung und der Fruchtbarkeit zuschreibt. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft mit dem Demeter-Label basiert auf der Philosophie von Rudolf Steiner. Die Vorschriften gehen über die Biorichtlinien hinaus. Keine Pflicht sind Hörner für die Biozertifizierung. (asö)

Die Kampagne von KAG Freiland hat kürzlich ein grosses Echo ausgelöst. «Horn auf! – Weil das Horn zur Kuh gehört», fordert die Organisation, die sich für eine artgerechte Haltung von Nutztieren einsetzt. Auf dem Bauernbetrieb auf dem Bachser Rüebisberg ist dies eine Selbstverständlichkeit. Im Stall der Familie Weidmann tragen sämtliche 28 Kühe den natürlichen Kopfschmuck.

Je älter und ranghöher eine Kuh ist, desto grösser die Hörner, die sich mit den Jahren spiralartig emporschrauben. An den Ringen ist zu erkennen, wie viele Kälber eine Kuh geboren hat. Bei Yolanda zum Beispiel ist beidseitig an zwei Stellen ein kleiner Wulst zu erkennen. Doch wenn Walter Weidmann nach ihren Hörnern greift, um die Verdickungen zu zeigen, schüttelt sie den Kopf. «Die Tiere sind hier sehr empfindlich», erklärt er. Die Hörner seien gut durchblutet und mit Nervenbahnen ausgestattet. «Wenn mal ein Horn abbricht, blutet es stark.»

Käseproduktion geplant

Der 26-jährige Florian Weidmann bewirtschaftet den Hof zusammen mit seinen Eltern Sabine und Walter Weidmann nach Demeter-Richtlinien (siehe Kasten). Weidmanns müssen ihre Milch jedoch zu konventionellen Preisen verkaufen. Der Rüebisberg rund drei Kilometer ausserhalb von Bachs ist zu abgelegen, als dass die Biomilch separat abgeholt würde. Demnächst wollen sie selber Käse und Joghurt herstellen und als Freiland-Milchprodukte vermarkten.

Bei Weidmanns ist die Beziehung zu den Tieren spürbar. «Wenn man im Tier nur das Kotelett oder das Joghurt sieht, sollte man etwas anderes machen», sagt Sabine Weidmann. Auch bei den Hühnern hat sie sich deshalb für eine Rasse entschieden, die nicht bereits nach einem Jahr geschlachtet werden muss. Ihre Hühner der Rasse Sussex lässt sie nach einem Jahr eine Legepause einschalten. In dieser Phase, der sogenannten «Mauser», verlieren sie Federn und regenerieren. Die Eier der älteren Tiere sind zu gross für die genormte Schachtel. Sie werden im Bachser Restaurant Neuhof für Backwaren verwendet und als grosse Spiegeleier angeboten.

Stier Igor kennt seine Kühe

Auch ein Besamer kommt bei Weidmanns nicht auf den Hof. Für Nachwuchs sorgt der dreijährige Stier Igor. «Er merkt viel früher als wir, wenn eine Kuh stierig wird», sagt Walter Weidmann, der mit dem massigen Tier umzugehen weiss. Um Kühe mit Hörnern und einen Stier zu halten, müsse man Ruhe ausstrahlen und ihnen mehr Platz zur Verfügung stellen. Im Laufstall, der nach Empfehlungen von KAG Freiland umgebaut wurde, ist ein breiter Trog angebracht. Wenn mehrere Tiere gleichzeitig trinken können, ist die Verletzungsgefahr kleiner. Sonst würden die ranghöheren Kühe die jüngeren abdrängen.

Bisher sei es jedoch noch nie zu schlimmeren Verletzungen gekommen, sagt Florian Weidmann: «Höchstens zu kleinen Kratzern.» Wenn man sich in der Nähe der Tiere aufhalte, müsse man aber aufpassen: Eine Kuh kann plötzlich den Kopf drehen, um etwa eine Fliege vom Rücken zu verscheuchen oder sich mit dem Horn zu kratzen.

Reich werden Weidmanns mit ihren Prinzipien nicht. Der Aufwand für die artgerechte Tierhaltung ist grösser als in konventionellen Betrieben. Die Tiere können weniger dicht gehalten werden, und das Ausmisten des Stalls gibt mehr Arbeit. Zudem haben sich Weidmanns für eine Art Kühe entschieden, die mit rund 20 Litern täglich nur etwa halb so viel Milch geben wie Hochleistungskühe. Dafür kommen die Tiere mit Gras und Heu aus. Der Kauf von Getreide und Soya, die zu einem grossen Teil aus dem Ausland importiert werden, erübrigt sich, sodass die Kosten tiefer ausfallen. Neben der Tierhaltung bauen Weidmanns Beeren und Hochstammobst an.

Ein Missstand neben vielen

Ihren natürlichen Kopfschmuck tragen ebenfalls die 40 Kühe auf dem Biohof von Kaspar Günthardt in Dällikon. Dank grosszügigem Laufstall ist es auch dort noch nie zu einem nennenswerten Unfall gekommen. Ebenso wenig bei den 6 Kühen mit Jungtieren von Peter Marthaler in Hüttikon – obwohl Mutterkuhhaltung wegen des Beschützerinstinkts der Mutterkühe heikel sein kann. «Regelmässiger Kontakt mit den Tieren ist wichtig, damit die Menschen für Leittiere gehalten werden», sagt Marthaler.

Für Denise Marty von KAG Freiland ist es stossend, dass die Hörner bei 90 Prozent der Kühe entfernt werden – sogar in Anbindeställen. Das grösste Problem in der Tierhaltung sei es nicht, räumt sie ein: «Es gibt andere Zustände, die für das Tier einschneidender sind.»

Nur jede zehnte Kuh darf ihre Hörner behalten. Bei etwa 200 000 Kälbern jährlich werden die Hörneransätze im Alter von drei Monaten entfernt. Sie werden mit einer Art Lötkolben ausgebrannt. Der Eingriff ist in der Schweiz nur unter Betäubung erlaubt.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 21:44 Uhr

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4 Kommentare

Nadia Hiltebrand

02.09.2010, 08:28 Uhr
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Wunderbar, dass es noch Bauern gibt, die Ihre Tiere wertschätzen! Alle Bauern sollten sich daran ein grosses Vorbild nehmen! Wir wollen Kühe mit Hörnern, welche auch artgerecht leben dürfen. Bauern, die Ihre Tiere anbinden und durch übertriebene Milch- und Kälberproduktion auspressen wollen wir nicht! Antworten


Sibylle Weiss

02.09.2010, 13:04 Uhr
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Herzliche Gratulation an Sie Herr Weidmann und Ihre Familie. Sie gehen bereits mit sehr gutem Beispiel voran und beweisen zudem, dass es auch ANDERS geht! Jetzt ist zu hoffen,dass dies anderen Bauern auffällt und diese Ihrem Beispiel folgen werden! Die Bauernfamilie kann logisch denken,wo sich mancher ein Stück davon abschneiden kann/muss! Antworten



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