Zürich

Der Ost-Block

Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 14.01.2011 40 Kommentare

Die Wohnungen sind bezahlbar, deshalb leben die drei ETH-Studenten gern im Block in Regensdorf – als einzige Schweizer. Was sie dort erleben, ist der ganz alltägliche Zusammenprall der Kulturen.

1/7 Fast eine südosteuropäische Enklave: Der Block in Regensdorf.

   

Andreas Koller*, 23, ging mit einem Sack voll Dreckwäsche in den Keller. Ein Mann, der in der Waschküche mit Reparaturen beschäftigt war, sprach Koller an: «Bist du Deutscher?» Der ETH-Student verneinte, er sei Schweizer. «Was, Schwiizer? Du chasch doch nöd do wohne!» – Wieso nicht, fragte Koller. – «Ja lueg de Block doch mal aa! Du bisch Schwiizer!»

Koller wusste natürlich, dass er und seine Mitbewohner in diesem heruntergekommenen 50er-Jahre-Block in Regensdorf in der Minderheit waren. Dass die Grundstücksgrenze auch eine Landesgrenze ist, scheint den Bewohnern klar zu sein. Draussen, dort sind die properen Einfamilienhäuser und die modernen Wohnüberbauungen, dort leben Schweizer und Deutsche, zugezogene Pendler und alteingesessene Regensdorfer. Drinnen leben Mazedonier, Türken, Albaner. Meist tun sie es in Eintracht. Immer wieder spüren die drei Schweizer aber, dass in diesem Block andere Werte gelten.

Ihre Nachbarn fühlen sich für ihre Wohnung verantwortlich, mehr nicht. Wenn sich unter der Treppe und im Velokeller der Sperrmüll stapelt, scheint das niemanden zu stören – bis der Hausabwart irgendwann genug hat. Die Bewohner erhalten ein Ultimatum: Bis morgen muss der Abfall weg sein, ansonsten wird die Verwaltung den Abfall selbst wegschaffen und die Entsorgung den Verursachern in Rechnung stellen. Die Drohung wurde gelesen – und die Bewohner handelten: «In dieser Nacht haben sie noch mehr Ramsch deponiert», erinnert sich Jan Aebersold, einer der Studenten.

Aebersold schmunzelt, wenn er Episoden wie diese erzählt. Der 24-Jährige versucht, sich auch nicht zu ärgern, wenn er beim Verlassen des Hauses über einen Berg von Reklame, Gratis-Anzeigern und Bettelbriefe steigen muss. «Sie verstehen halt kein Deutsch und können mit der Werbung nichts anfangen. Also schmeissen sie alles auf den Boden.»

Tatort Keller

Kürzlich fand der Student sein Velo mit zerstochenen Pneus vor. Aebersold war nicht das einzige Opfer. Auch die Reifen der anderen Blockbewohner waren zerstört. Nachdem Aebersold noch vom Velokeller aus die Polizei angerufen hatte, kam eine Albanerin auf ihn zu. Die Mazedonierin aus dem zweiten Stock sei es gewesen, behauptete sie. Nur Minuten später klingelte es an der Wohnungstür von Aebersold. Es war die Mazedonierin, und auch sie wollte den Täter kennen: Die Albanerin.

Lange hatten Koller und Aebersold keinen Bedarf nach Stauraum im Keller, überdies schienen sämtliche Abteile belegt zu sein. Als sie das Kellerabteil, das zu ihrer Wohnung gehört, dennoch einmal nutzen wollten, fanden sie Beutegut, das irgendeiner der Blockbewohner im leerstehenden Abteil der WG zwischengelagert hatte: «Es waren Velokomponenten, Sattelstützen, Federgabeln, Lenkstangen, alle schon gebraucht», sagt Aebersold. «Man hätte daraus ein teures Bike zusammenstellen können.»

Der Flaschenhalter, der an Aebersolds abgeschlossenem Velo abgeschraubt wurde, fand sich dennoch nicht. Die beiden ETH-Studenten nehmen es gelassen. «Das ist halt ein Ghetto-Block», meint Koller. Dennoch ist er mit seiner Wohnsituation zufrieden. Mit Velo und S-Bahn sei er in einer halben Stunde an der Uni, die Läden im Einkaufszentrum sind nah, ebenso die Naherholungsgebiete, wo er joggen geht. «Wir bezahlen pro Monat 1500 Franken, dafür ist es okay.»

Schimmel im Kinderzimmer

Nicht erwarten können die Studenten Respekt vor Privateigentum. Betroffen davon ist auch die örtliche Migros-Filiale: Immer wieder stehen Einkaufswagen vor dem Haus, mit denen jemand seine Einkäufe nach Hause schiebt – sogar als das Google-Auto vorbeifuhr, stand ein Wägeli in der Wiese. «Ich frage mich eigentlich mehr, wie die jeweils wieder wegkommen», sagt Aebersold.

Die Hausverwaltung kann es kaum sein, die aufräumt. Sie liess auch einen ganzen Winter verstreichen, als bei einer portugiesischen Familie die Heizung des Kinderzimmers ausgefallen war. Der Vater bat Aebersold um Hilfe, da er Deutsch könne. Der Student half gerne. «Ich schrieb der Hauseigentümerin einen Brief und bat darum, dass die Heizung geflickt wird.» So geschah es, der Radiator lief bald wieder.

Als Aebersold das Kinderzimmer erneut betrat, raubte es ihm fast den Atem: «Es war feucht und warm wie in einer Sauna, die Wände voller Schimmel.» Die Portugiesen hatten das Zimmer verrammelt und lüfteten nie. Aebersold schüttelt den Kopf. «Vielleicht haben sie es gern warm.»

* Namen geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.01.2011, 12:09 Uhr

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40 Kommentare

Gion Saram

14.01.2011, 12:19 Uhr
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Wenn man so liest wie in diesem Haus die Verhältnisse sind ist es eigentlich nicht verwunderlich warum gewisse Nationalitäten Mühe haben Wohnraum zu finden und ihre eingeborenen Nachbarn rasch ausziehen wenn solche Leute eingezogen sind. Ich hätte auch keine Lust drauf mir meine Fahrräder klauen oder demolieren zu lassen. Sicherheit kommt vor Multikultiromantik Antworten


Urs Brock

14.01.2011, 12:30 Uhr
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1500.- Sfr. für eine solche Immobilie aus den 50' bereits mehrfach und doppelt abgeschrieben... 1500.- Sfr. sind viel zu viel für das gebotene. Die Wohnsituation in Teilen der Schweiz sieht wirklich mehr als übel aus. 1500.- Sfr. für eine komplett veraltete Immobilie. 1500.- man gewöhnt sich sogar an solche Räubereien und die jungen Menschen werden damit so richtig in's Erwachsenenleben eingeführt Antworten



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