Freizeitrömer nehmen die Geschichte ernst

Sie kleiden sich in bunte Gewänder und spielen Römerzeit oder Mittelalter. Das nennt sich dann Re-Enactment.

Marco Reist (links) und sein Bruder Claudio üben das Posieren in Uniform. Details sind ihnen wichtig.

Marco Reist (links) und sein Bruder Claudio üben das Posieren in Uniform. Details sind ihnen wichtig. Bild: David Baer

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Die Römer haben das Europa von heute entscheidend beeinflusst und sind dann vor über 1500 Jahren von der Bildfläche verschwunden. In Filmen werden sie als dekadent und blutberauscht gezeigt. «Wir wollen das Hollywoodbild der Römer widerlegen», sagt der Bülacher Marco Reist. Gladiatorenkämpfe seien zum Beispiel anders und bei weitem weniger blutig verlaufen, als man heute meine. Es habe sogar Schiedsrichter gegeben, und Tote seien die Ausnahme gewesen. So sieht Reist einen Fehler nach dem anderen, wenn er Römerfilme schaut. Reist – von Beruf Metallveredler – ist angefressen von der Kultur der Römer.

Deshalb spielt er in seiner Freizeit ein Mitglied der Prätorianergarde, den Optio (Feldweibel) Marcus Alexandros Vibellius Vlator, und er macht mit beim Verein Cultura Romana Vivat («Die römische Kultur lebt»). Seine Einheit, die fünfte Kohorte («COH.VPR»), ist eine von fünf Untergruppen des Vereins. Ihr Ziel: so authentisch wie möglich zu sein. Die Originaltreue geht so weit, dass die Soldaten ihre Schuhe mit genau nachgebildeten Nägeln beschlagen, dass die Ledersandalen richtig geschnürt sind und dass auch Frauen Teil der Truppe sind und die Soldaten bekochen. Denn so sei es wirklich gewesen im «alten» Rom.

Das genaue Nachstellen der Geschichte heisst Re-Enactment und ist ein Trend, der aus den USA nach Europa geschwappt ist. Als Laienschauspieler verstehen sich Reist und seine Freunde nicht. «Wir wollen nicht theatralisch, sondern museal sein», betont Reist. Sie stellen ihre Ausrüstungsgegenstände und Waffen selber her. Alle Schritte lassen sie von Fachleuten kontrollieren. Sie zeigen ihre «Show» auch vor Schulklassen. Und sie arbeiten dauernd an sich selbst, sagt Reist: «Man lernt nie aus.»

Die Garde des Augustus

Die Römer hatten den heute 28-Jährigen schon in seiner Kindheit interessiert. Er verschlang ein Fachbuch nach dem anderen. «Wie schafften sie es, ein so grosses Reich so lange zu halten? Wie funktionierten diese Waffen?», fragte er sich immer wieder. Heute weiss er: «Das waren ganz normale Leute wie wir auch.»

Die Ausrüstung wiegt gegen 20 Kilo. Die Hauptelemente sind die Rüstung, der Helm, das Schild und das Schwert. Die Freizeitrömer lernen auch Kampftaktik: «Es ging darum, dem Gegner die Deckung zu nehmen.» Reist demonstriert, wie mit dem eigenen Schild derjenige des Gegenübers weggestossen wurde, um mit dem Schwert nachzustechen. Der Schild hat einen Kern aus Holz, er ist mit Leder bespannt und kunstvoll verziert. Das Sujet ist ein Skorpion, das Symbol für den Kaiser Augustus, der die Garde ins Leben rief.

Wie es sich für Soldaten gehört, marschieren Reists Kameraden viel. Die Schuhe müssen diese Märsche aushalten. Die modernen Römer passen ihr Schuhwerk an die Form ihrer Füsse an. «Ich kann den ganzen Tag herumlaufen, ohne dass es wehtut.» Fussschweiss kenne er mit seinen geschnürten Ledersandalen auch nicht. Sein Kettenhemd ist an seine Silhouette angepasst.

Zu seinem Verständnis von Authentizität gehört auch die Auseinandersetzung mit der Ausrüstung. Die Beinschienen beispielsweise, die man in vielen Filmen sieht, seien nicht verbürgt. Auch der Unterschied zwischen einem ovalen und dem bekannten Rechteckschild sei einfach: Letztere seien für Belagerungen gemacht, wo der Trupp in geschlossener Formation gegen den Feind vorging. Der ovale Schild diene dem Einzelkampf Mann gegen Mann.

Ein teures Hobby

Der Aufwand für das Hobby ist riesig. Marco Reist hat im Frühling zwei Monate freigenommen, um seine Ausrüstung auf Vordermann zu bringen. Er steckt auch viel Geld in seine Freizeitbeschäftigung. Der Verein hat sich einen Amboss und nachgebaute Sägen zugelegt. Nur schon die Werkzeuge haben gegen 15'000 Franken gekostet. Es sei kaum möglich, in der Schweiz gute Replikate zu finden. Doch: «Wir wollen keine Plastikrömer sein.» So wird sein neuer Helm, den er in Deutschland anfertigen lässt, 1500 Euro kosten. Der Aufwand lohnt sich. Letztes Jahr, als seine Freude am Römersein erwachte, kaufte er sich eine billige Ausrüstung. In Rom notabene. Sie ist ihm aber in kürzester Zeit auseinandergefallen. «Das war alles Schrott.»

Die Frage nach dem Geheimnis des Erfolgs der alten Römer kann Reist noch immer nicht beantworten. Er vermutet, dass die Kultur eine Rolle spielte. Dass die Römer die eroberten Völker nicht vernichteten, sondern ihre Errungenschaften in ihre eigene Kultur aufnahmen und verbesserten. So ist das Kettenhemd eine Entwicklung aus einem keltischen Original, das Schwert iberisch, der Helm griechisch. Nur den Wurfspeer haben wirklich die Römer erfunden. Die Truppe will künftig lernen, die Befehle in lupenreinem Latein zu geben. Keine einfache Aufgabe. Doch Authentizität verpflichtet.

Morgen hat die rund zwölfköpfige Kohorte in Augst BL, dem alten Augusta Raurica, am einzigen Römerfest der Schweiz den nächsten Auftritt. Die Leute reagieren in der Regel unterschiedlich auf sie, weiss Reist: «Die einen schauen erstaunt, andere meinen, wir hätten nicht alle Tassen im Schrank. Aber die meisten finden es toll.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2010, 22:14 Uhr

Eines der wichtigen Details: Eine mobile Sonnenuhr. (Bild: David Baer)

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