Nackte Haut und Waffen in der alten Spinnerei
Von Adis Merdzanovic. Aktualisiert am 02.06.2009
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Die Frau hat langes, hellblondes Haar und ist auf dem Bild nur von hinten zu sehen. In der einen Hand hält sie ein Sturmgewehr, die andere ist in die Höhe gestreckt. Abgesehen von einem Munitionsgürtel um die Hüfte steht sie hüllenlos da. Dieses Bild wird voraussichtlich die Titelseite des Armeekalenders 2010 zieren, für welchen am vergangenen Samstag auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei Jakobstal in Bülach die letzten Fotos geschossen wurden.
Der Kalender zeigt leicht bekleidete Frauen, die entweder mit Waffen posieren oder sich auf einem Armeefahrzeug in Pose setzen. «Erotik und Armee sind eng miteinander verbunden», sagt Markus Kohler, Initiant des Kalenders. «Beide üben eine gewisse Macht auf Männer aus.»
«Girls» und «geile Bilder»
Die Idee zur Verknüpfung von Erotik und Armee hatte Kohler im Jahr 2006. Anfangs stiess er damit vielerorts auf Missfallen, insbesondere bei der Schweizer Armee. Der damalige Verteidigungsminister Samuel Schmid musste sich im Parlament zum Kalender äussern, und sein Departement reichte Klage gegen Kohler ein. Doch das Gericht erlaubte ihm, das Projekt weiter zu betreiben.
«Die Armee verkauft ausgemustertes Material, und wir dürfen es kaufen und für unsere Fotos gebrauchen.» Erfreut ist man bei der Armee über das Projekt immer noch nicht, und man distanziert sich entschieden davon. «Der Kalender wird von Privaten gemacht», stellt Mediensprecher Christoph Brunner klar. «Über Stil und Inhalt des Kalenders geben wir keine Kommentare ab.»
Auf eine Inhaltsdebatte lässt sich indes Markus Kohler ein. «Eine gewisse Erotik gehört heute zum Alltag», sagt er zur Kritik an seinem Kalender. «Man sieht im Vorabendprogramm des Fernsehens mehr Sex als bei uns.» Auf der Webseite wird allerdings unter anderem mit dem Slogan «So scharf wie ein Schweizer Taschenmesser» für den Kalender geworben, und auch am Set ist ein Klima spürbar, das für den unbeteiligten Beobachter befremdend wirkt. Die im Durchschnitt 22 Jahre alten Models werden beinahe konsequent als «Girls» bezeichnet und die Bilder regelmässig als «geil». Kohler sieht darin kein Problem. «Letztlich zeigt unser Kalender junge, hübsche Frauen und die heissen im Englischen eben Girls.» Er betont, die Modelle würden respektvoll behandelt, auch wenn seine Formulierung aufhorchen lässt: «Wir behandeln sie wie Frauen.»
Den Fotomodellen, die mit rund 600 Franken und den Bildrechten entschädigt werden, scheint dieser Umgang nichts auszumachen. «Die Atmosphäre am Set finde ist gut», sagt etwa Marta Pires aus Hombrechtikon, die einzige Zürcherin unter den Models. Auf ihr Foto, auf dem sie oben unbekleidet und mit Sturmgewehr in der Hand auf einem Armee-Töff sitzt, ist die 18-jährige Callcenter-Mitarbeiterin stolz. Dass sie durch solche Aufnahmen einen für ihre Zukunft unvorteilhaften Weg einschlägt, glaubt sie nicht. «Auf den Fotos sieht man schon viel nackte Haut, aber es sind ja keine Akt-Bilder.» Durch die Teilnahme erhofft sie sich, im Modelbusiness Fuss fassen zu können.
Hauptabsatzmarkt Deutschland
Aus reinem Vergnügen nimmt hingegen die Zugerin Michelle Seitz am Kalender-Shooting teil. «Ich erhoffe mir nichts», sagt die 24-jährige Arztgehilfin. «Mich vor der Kamera zu zeigen, macht mir einfach Spass, und ich bin stolz auf meine Bilder.» Sie sei mit dem Thema Militär grossgeworden und oft an Panzerausstellungen gegangen, erzählt sie. Auch mit dem Sturmgewehr wisse sie als Mitglied eines Schützenvereins umzugehen. «Ich habe das Gefühl, dass besonders ältere Generationen mit den Fotos ein Problem haben. Doch wenn man sich wohl in seinem Körper fühlt, soll man das doch auch zeigen.»
Jährlich werden zwischen 2500 und 3000 Armee-Kalender in die ganze Welt verkauft, Hauptabsatzmarkt ist Deutschland. «Unser Zielpublikum besteht zu einem grossen Teil aus Armeefreunden», sagt Markus Kohler. «Hinzu kommen auch noch diejenigen, die einfach gerne erotische Fotos sehen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.06.2009, 08:33 Uhr


































