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Pendeln unter Nachtschwärmern

Mitte Dezember hat der ZVV die Verbindungen während der Nacht ausgebaut. Davon profitieren auch die Unterländer. Szenen einer Pendelfahrt auf der SN 5.

Szenen der Nacht: Die in gelben Westen gekleideten Transportpolizisten sollen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Christoph Kaminski

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Als ich in der Nacht auf Sonntag mit meinem Fahrrad den Bahnhof Rafz erreiche, liegt das Dorf im Dunkeln. Nur die Veloständer sind beleuchtet. Eine gedrungene Person, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, inspiziert die Fahrräder und erstarrt, als ich mir einen Abstellplatz aussuche. Ich schliesse mein Velo ab, klopfe aufs Sitzpolster und sage still adieu.

01.20 Uhr, Rafz–Zürich:

Die Schienen künden die Ankunft des «Thurbo» aus Schaffhausen an. Drei leuchtende Augen brechen durch die Nebelwand. Ich bin der Einzige, der in Rafz zusteigt. Ausser den beiden Zugbegleiterinnen sind die zwei Abteile leer. «Das zusätzliche Angebot muss sich erst noch herumsprechen», sagt eine. Erst in Bülach steigen Passagiere zu. Etwa 50 mehrheitlich junge Heimkehrer stürmen den «Thurbo», der nun wieder zurück in den Norden fährt.

Die SN 5, der Anschlusszug nach Zürich, ist spärlich besetzt. Zwei junge Frauen liegen, mit Mänteln zugedeckt, einander gegenüber und teilen eine Literflasche Eistee. Die eine liest der anderen Szenen eines Theaterstücks vor. Eine Zugbegleiterin stellt sich vor mich hin und verlangt nach meinem Abo und dem Nachtzuschlag-Billett. «Oh, schön, einer der alles hat», sagt sie und lacht.

Das Zugfenster spiegelt die blauen Sitze und die gelben Wände. Der Blick ins dunkle Unterland hinaus bleibt an ihnen hängen. Je näher die Stadt, je mehr Menschen steigen zu, je tiefer ihre Stimmen, je schallender ihr Gelächter.

Am Hauptbahnhof Zürich steht den Aussteigenden ein Empfangskomitee mit McDonalds-Tüten und Bierbüchsen Spalier. Die Tür geht auf. Der Geruch aus tausend Flaschen Schnaps schlägt einem entgegen, als habe eine Armee Sturzbetrunkener gleichzeitig ausgeatmet. Ich steige die Rolltreppe hoch zur grossen Bahnhofhalle. Vor dem Kiosk nippe ich an einer Cola und blicke zur Anzeigetafel. Drei gutgelaunte Jungs wanken vorbei. Ein Stoss in die Rippen lässt mich zwei Meter weit wegstraucheln. Ein Angriff gegen die Nüchternheit, denke ich.

03:02 Uhr, Zürich–Bülach–Zürich, Stichkontrolle:

In der Zwischenetage des Hauptbahnhofs treffe ich den Transportpolizisten Peter Rüegg und drei seiner Kollegen. Ausgebildet wie Kantonspolizisten, wissen sie mit ihrem Mehrzweckstock und Pfefferspray umzugehen. Nur eine Schusswaffe tragen sie nicht. Ihre Aufgabe besteht in erster Linie darin, auf den Zügen ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln. Alle Fahrten können sie aber längst nicht abdecken

In dieser Nacht begleiten sie drei in zivil gekleidete Billettkontrolleure nach Bülach und zurück. Diese sogenannten Stichkontrolleure ergänzen die beiden uniformierten Zugbegleiter und sind darin geschult, heikle Situationen im Gespräch zu entschärfen. Ihr Job ist es, die Einnahmen zu sichern und bei Bedarf Zuschläge einzufordern. Wer sein Abo vergessen hat, kommt in der Regel mit 5 Franken davon. Wer ohne Ticket fährt, zahlt 80 Franken.

Die SN 5 nach Bülach ist bereit zur Abfahrt. Auf dem Perron winkt ein Zugbegleiter Peter Rüegg herbei. «Ein Missbrauch», ruft er. Ein Fahrgast hat das Abo eines Freundes benutzt. Erst als der Polizist hinzustösst, gibt der Passagier seine Personalien preis.

Die Plätze im Zug sind besetzt. Die Tonlage ist ruhiger als vor Unterrichtsbeginn in der Primarschule. Während der Fahrt behält Peter Rüegg die Stichkontrolleure im Auge. Stoppt der Zug, steigt er kurz aus. «Die Fahrgäste sollen gleich sehen, dass wir hier sind.» Es kann vorkommen, dass der Zug ohne sie weiterfährt. Wenn es Streit am Bahnhof gibt oder jemand medizinische Betreuung braucht.

In Bülach wünscht Peter Rüegg den Aussteigenden eine gute Nacht. Auch auf der Rückfahrt nach Zürich kann die Stichkontrolleurin Kata Reimann in Ruhe ihre Arbeit verrichten. Seit 20 Jahren arbeitet sie auf den Zügen. Noch nie ist sie angegriffen worden. Was sie an ihrem Job liebt? «Dieses Spiel mit den Kunden, bei dem es aber nicht ums Gewinnen, sondern um Fairness geht.»

05:04 Uhr, Zürich–Rafz:

In den drei Zugabteilen ist es ruhiger und sauberer als nach Feierabend. Keine Gratiszeitung liegt herum, in der Sitzreihe vor mir flüstern zwei junge Männer, weiter vorne lugen Turnschuhpaare in den Gang.

Oerlikon: Ein junger Mann steht auf, bückt sich über einen Schlafenden und bellt: «Buh! Aussteigen!» Doch der rührt sich nicht.

Glattbrugg: Die Tür geht auf, zum ersten Mal in dieser Nacht sehe ich Erbrochenes.

Rümlang: «Nächster Halt . . .», ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher, die auch nicht über die Einsamkeit hinwegzutrösten vermag.

Oberglatt: Ein halbes Dutzend Velos liegen um das Bahnhofsgebäude herum.

Bülach: Ein Mann in oranger Weste stochert nach Abfällen.

Glattfelden: Ein Ort wie geschaffen für eine Geldübergabe.

Eglisau: Rote Lichter beleuchten die Veloständer.

Rafz: 05:44 Uhr, ich und drei weitere Fahrgäste steigen aus. Ein Mann mit Fussballtasche löst ein Billett. Mein Velo, es ist noch da.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2010, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

Markus Frutiger

08.02.2010, 06:50 Uhr
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Sehr interessanter Bericht, merci. Antworten



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