Primarschüler tanzen über den Röstigraben
Von Richard Diethelm, Genf. Aktualisiert am 08.06.2011 1 Kommentar
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Sonja und Melvin sind vor Beginn des Tanzturniers Farben des Regenbogens nervös. Die beiden wurden von ihrer 5. Klasse der Schule Tambourin aus Carouge auserwählt, um in der Kategorie Swing gegen Tanzpaare der Primarschule Mettlen aus Opfikon und gegen solche aus anderen Genfer Schulhäusern anzutreten. Melvin zupft Pierre Dulaine, einen älteren, rundlichen Herrn mit grauem Haar, am Ärmel: «Wie oft muss sich nun Sonja um ihre Achse drehen?» Dulaine sagt: «Machts vor!», und gibt im Vorraum der Aula, wo gestern das Tanzturnier stattfand, letzte Anweisungen.
Der 66-jährige Dulaine ist Profi in Gesellschaftstänzen. Er und seine Tanzpartnerin Yvonne Marceau entwickelten vor zwölf Jahren das Programm «Dancing Classrooms». In Nordamerika und anderen Ländern unterrichten inzwischen mehr als 500 Schulen nach diesem Programm die Gesellschaftstänze Merengue, Rumba, Foxtrott, Swing, Tango, Walzer, Polka und Line Dances. In der Schweiz führten Genfer Primarschulen als Erste die «Dancing Classrooms» ein. In der Deutschschweiz ging Opfikon dank der Initiative der Jugendarbeiterin und ehemaligen Primarlehrerin Susanne Schnorf mit dem Beispiel voran. Die Schülerinnen und Schüler der 4. und 5. Klassen lernen die Gesellschaftstänze während 10 Wochen im Rahmen des regulären Unterrichts.
Respekt und Höflichkeit lernen
«Wir hoffen, Kinder durchs Tanzen zu motivieren, sich gut zu benehmen, sich gegenseitig zu respektieren und stolz zu sein», erläutert der Erfinder der tanzenden Klassenzimmer seine Absicht. Beim Tanzen bauen sich Spannungen oder Hemmungen zwischen Knaben und Mädchen ab. Die Kinder erwerben auf spielerische Art ein selbstsicheres Auftreten. «Mir ist egal, ob sie später noch Tango oder Rumba tanzen können», sagt Dulaine. «Hauptsache ist, die Kinder gewinnen so Achtung vor dem andern – das verlernen sie nicht mehr.» Kürzlich gelang es ihm gar, palästinensische und jüdische Schüler an einem Regenbogen-Turnier in seiner Geburtsstadt Jaffa zum Paartanz aufzufordern. Vergleichsweise harmlos waren die kulturellen Barrieren, die es in Genf zwischen Welschen und Deutschschweizern im Schulalter zu überwinden galt.
«Meine Schüler fieberten auf diesen Wettbewerb hin. Einige fragten zwar ängstlich: ‹Wie werden wir uns mit den Opfikern verständigen?›», sagt Raphaël Polier, der in Carouge in einer 5. und 6. Klasse unterrichtet. Auf der Bühne des Turniers in Genf wird aber nicht geschwatzt, sondern getanzt. Ein dunkelhäutiges Mädchen überragt ihren Partner um Kopflänge und schwingt ihn im Swing-Wettbewerb übers Parkett. Ein kleiner Gigolo tritt ganz in Weiss zum Rumba an; die Partnerin wippt im kleinen Schwarzen mit den Hüften. In den fünf Wettbewerbstänzen feuert jede Klasse ihr Paar auf der Bühne frenetisch an.
Zweimal Gold für Opfikon
Vor der zweitägigen Reise nach Genf übten in der Opfiker Schulklasse von Sandra Jnglin vor allem die Mädchen auch zu Hause und auf dem Pausenplatz die Tänze. «Meine Klasse war schon vorher gut und unkompliziert», sagt die Lehrerin, «aber durch dieses Projekt sind Knaben und Mädchen noch näher zusammengerückt. Sie hatten ein gemeinsames Ziel: in Genf gewinnen!» Am Ende des Turniers übertönt der Jubel die Musik. Aus dem Schulhaus Mettlen holen die Klassen Jnglin und Keller in Genf Gold, die Klasse Moret Bronze. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.06.2011, 23:52 Uhr
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