Trotz vollem Einsatz kein Happy End
Von Karin Wenger. Aktualisiert am 04.02.2011 1 Kommentar
Tierrettungsdienst sucht Freiwillige
Der Grosstier-Rettungsdienst (GTRD) entstand aus dem Verein für Pferdesamariter und Pferderettungswesen. 1997 brach das Rettungswesen mangels Freiwilliger zusammen. Ruedi Keller wollte die Sache jedoch nicht sterben lassen. Die Ausbildung sollte professionalisiert werden. Ein Rettungsdienst nach dem Vorbild des Notrufs 144 schwebte ihm vor. Der GTRD wurde gegründet. Die medizinischen Ausbildungsmodule werden seither von Tierärzten des Tierspitals Zürich angeboten. Die Bergungstechniken wurden vom Grosstier-Rettungsdienst selber entwickelt teilweise in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich, der kantonalen Feuerwehr, Bergführern und Tauchlehrern. Die Einsatzbereiche reichen vom Ambulanzfahrer über den Rettungstechniker bis zum Grosstier-Rettungssanitäter. Bis ein Freiwilliger zum Rettungssanitäter ausgebildet ist, durchläuft er 23 Ausbildungsmodule.
Finanziert wird der GTRD einerseits durch Spenden. Andrerseits wird bei den Einsätzen Rechnung für Material, Kilometer und Entschädigung für die Freiwilligen gestellt. Diese erhalten im Schnitt 50 Franken pro Stunde. Personen, die sich für eine Mitarbeit beim GTRD interessieren, können sich bei Ruedi Keller melden, Telefon 079 406 40 41, E-Mail info@gtrd.ch. Sie müssen zwingend Erfahrung im Umgang mit Pferden haben. Medizinische Vorkenntnisse sind nicht nötig. Weitere Informationen sind unter www.gtrd.ch abrufbar.(wek)
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Bei Ruedi Keller vom Grosstier-Rettungsdienst (GTRD) in Embrach klingelt das Notruftelefon. Ein Pferd hat sich auf dem Paddock, einem eingezäunten Auslauf, verletzt und muss sofort ins Tierspital Zürich gebracht werden. Dieses ist spezialisiert auf Knochenbrüche bei Pferden. Ruedi Keller steigt in die Ambulanz, unterwegs holt er Rettungssanitäterin Céline Blaser in Neftenbach ab. Dann geht es los Richtung deutsche Grenze.
Es ist einer von rund 200 jährlichen Rettungseinsätzen der Crew des Stützpunkts Embrach. Doch dieser Einsatz ist nicht alltäglich. Die zehnjährige Stute hat einen offenen Beinbruch, sie steht rund 180 Kilometer von Embrach entfernt, bald beginnt der Feierabendverkehr und es schneit. Fünf bis sechs Stunden werde der Einsatz sicher dauern, schätzt Keller, während er die Nummer der Tierärztin vor Ort wählt. Das Pferd sei notdürftig gegipst worden, erzählt diese. Wahrscheinlich sei es auf dem Paddock von einem anderen Pferd getreten worden. Es habe Schmerz- und Beruhigungsmittel erhalten. Keller gibt die Informationen an den Arzt im Tierspital weiter.
«Die Überlebenschancen bei einem offenen Beinbruch stehen schlecht», sagt Keller. Pferde seien äusserst anfällig für Infektionen. Die Stute hat ein sieben Wochen altes Fohlen. «Das erhöht die Chancen, weil die Mutter mehr Überlebenswillen hat.»
Täglich auf Abruf
Ruedi Keller hat den GTRD vor 13 Jahren gegründet. Wer für den Rettungsdienst arbeitet, tut dies ehrenamtlich. Fünf Personen sind dem Stützpunkt Embrach angeschlossen. Sie sind rund um die Uhr während sieben Tagen die Woche auf Abruf, was von ihren regulären Arbeitgebern grosse Flexibilität fordert. «Es ist eine immense Belastung. Es wäre schön, wenn wir die Einsätze auf mehr Schultern verteilen könnten», sagt der 40-Jährige. Er sucht deshalb Leute, die zu Rettungssanitätern ausgebildet werden können (siehe Kasten). Sechs Stützpunkte gibt es inzwischen in der Schweiz. Die medizinische Leitung obliegt dem Tierspital Zürich.
Auch Keller arbeitet ehrenamtlich. Der gelernte Schiffbauer hat sich beruflich selbstständig gemacht. Er rüstet Ambulanzfahrzeuge aus, entwickelt Rettungsgeräte und macht Spezialanfertigungen für den Veterinärbedarf, beispielsweise für das Tierspital.
Unglück unterwegs
Die Ambulanz des GTRD biegt auf den Hof des Gestüts im Allgäu ein. Der Stallbesitzer und sein Team sind ausser sich vor Sorge und führen die Rettungssanitäter zur Box des verletzten Pferdes. Zitternd steht die schöne Araberstute auf drei Beinen. Der Gipsverband konnte am stehenden Pferd nur notdürftig angelegt werden. Er sitzt viel zu locker. Das Hinterbein steht bereits wieder in einem unnatürlichen Winkel ab. In der Ecke steht das völlig verstörte Fohlen.
«Dieser Gips muss runter», sagt Keller. Für den Transport muss das Bein gerichtet und neu gegipst werden – viel straffer und bis zum Knie. Dazu muss die Stute ins Entlastungsgeschirr der Ambulanz gebracht und sediert werden. Es sind nur ein paar Schritte bis zum Pferdetransporter, doch auf dem Weg dorthin rutscht die Stute aus und fällt zu Boden. Hektik bricht aus. «Drückt sie runter!», ruft Keller. «Sie darf auf gar keinen Fall versuchen, allein aufzustehen.» Decken werden geholt und unter die Stute geschoben, die nun im Freien liegt. Das Pferd wird sofort mit einem Medikament beruhigt. Als der Gips weg ist, zeigt sich die ganze Tragweite der Verletzung. Weiss glänzend hat sich der Knochen durch die Haut getrieben.
Exotische Patienten
Die meisten Einsätze des GTRD sind Transporte, Pferde mit Koliken, die schnell ins Spital müssen, oder Knochenbrüchen. Ein Drittel sind Bergungen von Pferden oder Kühen, die in ein Güllenloch gefallen sind. «Diese Einsätze sind abgesehen vom Gestank sehr dankbar», sagt Keller. Meist seien diese Tiere nur leicht verletzt. Im Tauchanzug muss Keller jeweils das Rettungsgeschirr in der Gülle anlegen. Manchmal kann auch der Rettungsdienst nichts mehr ausrichten. «Erst kürzlich hatten wir ein Pferd, das aus einem Gehege ausgebrochen war, über einen Bach sprang und kopfvoran gegen einen Baum rannte.» Es musste vor Ort vom Tierarzt eingeschläfert werden. Zu 97 Prozent sind es Pferde, Esel oder Maultiere, die transportiert werden. Aber auch Exoten wie Bisons, Kamele und ein entlaufenes Stachelschwein waren schon unter den Patienten.
Mit ruhiger Hand richten und gipsen Ruedi Keller und Céline Blaser das Bein. Ein Transportnetz wird unter den Pferdebauch geschoben. Mit dem Teleskoplader wird das Tier vorsichtig in die aufrechte Haltung gehoben. Schlaff hängt es im Netz. «Komm Pferdchen, aufwachen», sagt Ruedi Keller und klopft aufmunternd auf den braunen Hals. Langsam wird die Stute gesenkt, damit sie wieder festen Boden unter den Hufen spürt. Sie ist vom Gips, der bis unter ihren Bauch reicht, jedoch völlig irritiert und will nicht auf den Beinen stehen. Das muss sie aber, denn mit dem Vorderlader kann sie nur bis an die Ambulanz gebracht werden. Die letzten zwei Meter in den Anhänger hinein muss sie selber gehen. Erst dort kann sie im Entlastungsgeschirr fixiert werden und muss ihre 470 Kilogramm Gewicht nicht mehr selber tragen.
Fohlen soll Mutter ermuntern
Das Fohlen wird zum Transporter gebracht. Es soll seine Mutter ermuntern, ihm zu folgen. Doch das grosse Pferd hängt immer noch schlaff im Tragnetz. «Ich glaube, sie hat aufgegeben», sagt der Stallbesitzer bekümmert. Doch Keller und Blaser geben nicht auf. Endlich kehrt Leben in das Pferd zurück. Zentimeter um Zentimeter schieben die Helfer die Stute die Rampe hoch. Nach eineinhalb Stunden sind die zwei Meter geschafft. Um 23 Uhr kann die Fahrt Richtung Tierspital Zürich losgehen.
Die Formalitäten am Zoll sind schnell gemacht. Im Schneetreiben geht es auf der Autobahn A 1 in Richtung Zürich. «Kannst du bitte langsamer fahren? Es holpert ziemlich hier hinten», sagt Keller, der im Anhänger Stute und Fohlen überwacht, über Funk. Céline Blaser drosselt das Tempo. «Bei solchen Einsätzen muss man sich 100 Prozent aufeinander verlassen können», sagt sie. Seit fünf Jahren ist die 25-Jährige bei der Grosstierrettung dabei. Bereits als Kind lernte sie reiten und besitzt heute drei Pferde. Sie arbeitet in einem 60-Prozent-Pensum im kaufmännischen Bereich. Muss sie auf Rettungseinsatz, kann sie die Arbeit im Büro auf den nächsten Tag verschieben.
Die Ambulanz trifft im Tierspital Zürich ein. Das Röntgenbild macht die letzten Hoffnungen zunichte. Der Röhrenknochen ist nicht nur komplett entzwei, sondern mehrere Fragmente sind abgesplittert. «Ein schwieriger Bruch. Die Chancen für das Pferd sind sehr klein», sagt der Tierarzt. «Der Besitzer wird entscheiden müssen, ob wir doch noch operieren sollen.» Nach über zwölf Stunden ist die Arbeit der Rettungssanitäter getan. Keller geht ein letztes Mal zur Araberstute und streicht ihr über den Rücken. Zitternd und schwer atmend steht sie da. «Schlaf gut», ist alles was er über die Lippen bringt. Wenige Stunden später musste das Pferd eingeschläfert werden. Das Fohlen wurde am Nachmittag von den Besitzern abgeholt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2011, 20:42 Uhr
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1 Kommentar
Wenn ein freiwilliger MA des GTRD 50.-/Std. erhält (Spalte links), dann arbeitet er nicht ehrenamtlich wie oben geschrieben. Trotzdem verdient der Einsatz dieser Leute Bewunderung. Man kann sich kaum vorstellen wie man nach so einem Nachteinsatz am anderen Tag seinen normalen Job macht. Das braucht viel Flexibilität des Arbeitgebers. Antworten



