Unter die Nähmaschine statt in den Kehricht
Von Andrea Söldi. Aktualisiert am 06.03.2010
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«Taschen aus Kaffeesäcken abzugeben, alle Grössen und Sorten», pries kürzlich ein Zeitungsinserat an. Wer die angegebene Telefonnummer wählte und sich für eine dieser speziellen Taschen aus Recycling-Material interessierte, sprach mit einer etwas langsamen und umständlichen Männerstimme. Josef Gruber hat vor einem Jahr einen Schlaganfall erlitten. Seither kann er sich nur noch langsam in seinem Haus in Rümlang fortbewegen und sein Pensionsalter nicht so aktiv gestalten, wie er sich das vorgestellt hat. Aber er hat eine neue Beschäftigung entdeckt: Er ist jetzt der Manager seiner Frau.
Hüllen und Tüten sammeln
Elvira Gruber hat schon immer gerne Handarbeiten gemacht. Früher klöppelte sie leidenschaftlich. Seit vier Jahren näht sie Taschen in allen Grössen und Formen. Das erste Mal sah sie eine aus leeren Verpackungen gefertigte Tasche am Stand des Frauenvereins und kaufte sie gleich. Seither kommt bei ihr zu Hause keine Kaffeepackung mehr in den Kehricht. Und auch Bekannte haben angefangen, Kaffeetüten und andere Hüllen für sie zu sammeln. Eine slowenische Freundin hebt für die Taschennäherin besonders schmucke Tüten von slowenischem Kaffee auf. Und eine andere Bekannte, die ihren Dackel über alles liebt, lieferte ihr Hundefutterpackungen – mit dem Auftrag, ihr daraus eine spezielle Tasche anzufertigen.
Nach dem Waschen schneidet Gruber die Verpackungen auf und näht sie zusammen. Damit aus dem Abfallprodukt wirklich stabile Einkaufstaschen entstehen, verwendet sie die Hüllen gleich vierfach. Für die Träger hingegen kauft sie neue, starke Riemen. Die Verstärkungen für den Boden schneidet ihr Mann aus Karton zu.
Die ersten selbst genähten Taschen verschenkte die Rümlangerin an Freunde und Bekannte. «Das waren ideale Weihnachtsgeschenke.» Für ihre Enkel produzierte sie kleinere Täschchen aus den farbigen Tüten von Capri-Sonne-Getränken. Je mehr sie herstellte, desto grösser wurde die Nachfrage von Bekannten und Bekannten von Bekannten. Einmal bestellte eine Käuferin gleich 31 Exemplare. Meist verkauft Gruber jedoch rund 20 Stück pro Jahr zu 25 Franken.
Marketingchef und Buchhalter
Über den kleinen Nebenerwerb führt ihr Mann ganz genau Buch. In einem Heft hat er alle Einkünfte und Auslagen aufgelistet. Auf die Fähigkeiten seiner Frau ist er stolz: «Sie ist eine Hobby-Künstlerin. Man sollte ihre Kunstwerke ausstellen, damit die Leute sie sehen.» Josef Gruber freut sich, dass die Kreationen seiner Frau nun sogar in der Zeitung gezeigt werden.
Ob danach das Telefon öfter klingeln wird? Elvira Gruber wehrt ab. «Ich habe gar keine Zeit, viel mehr zu produzieren.» Pro Tasche sitze sie bestimmt einen halben Nachmittag vor der Nähmaschine. Und schliesslich arbeitet sie immer noch 50 Prozent auswärts.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2010, 04:00 Uhr


































