Zürich
Vom Aufseher zum Gefängnisdirektor
Ernst Rohner hat seinen Arbeitsplatz geräumt und geniesst die Freiheiten eines Pensionierten. (Bild: Nathalie Guinand)
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«Lieber Ernst, müssen wir uns jetzt Sorgen um dich machen?» Die rhetorische Frage stellte der Direktor der Gefängnisse Kanton Zürich Victor Gähwiler bei seiner Abschiedsrede zu Ehren von Ernst Rohner. Die rund 60 geladenen Gäste aus Justiz und Polizei lachten und nahmen noch einen Schluck Prosecco oder ein Fleischbällchen vom Tablett der vorbeihuschenden Bedienung. Doch so falsch ist die Frage nicht. Jeder, der den 60-jährigen Frühpensionär kennt oder während seiner Amtszeit als Leiter des Flughafengefängnisses mit ihm zusammenarbeiten durfte, ist von Ernst Rohners Energie und Engagement begeistert. Die Arbeit bestimmte sein Leben, ohne seine Lebensfreude zu schmälern. Tag und Nacht habe er «gechrampft», so sein Chef, bis Gähwiler ihm verbieten musste, morgens um zwei Uhr E-Mails an die Staatsanwaltschaft zu verschicken.
Bleibende Erlebnisse
Wie wird jemand geprägt, der tagtäglich mit teilweise schweren Straftätern zu tun hat? Er habe sich selber besser kennen gelernt, als er beispielsweise zu Beginn der Achtzigerjahre den Mörder eines Aufsehers in der Strafanstalt Regensdorf überwachen musste. Das sei eine spezielle Situation gewesen: Innerlich habe er die Vergeltung des ungeheuerlichen Verbrechens an seinem Arbeitskollegen diskutiert. Das Selbstgespräch hatte einen erkenntnisreichen Effekt: Der in anderen Kulturkreisen durchaus akzeptierte Ehrenmord hatte in einem Rechtsstaat zwar nichts verloren, doch Rohner konnte nachvollziehen, dass es den fatalen Racheakt gab.
Sein eindrücklichstes Erlebnis hatte der ehemalige Gefängnisleiter Anfang der Neunzigerjahre, als an einem Samstagabend ein Auto beim Gefängnis Dielsdorf vorfuhr, auf dessen Areal er damals in seiner Funktion als Leiter zusammen mit seiner Frau wohnte. Der Fahrzeuglenker war blutverschmiert und beabsichtigte, sich selber einzuweisen, weil er seine Frau umgebracht habe. Neben ihm auf dem Beifahrersitz sass die Gattin, für die jede Hilfe zu spät kam. «Dieses Ereignis geht meiner Frau und mir heute noch unter die Haut.»
Als Leiter des Flughafengefängnisses, der grössten Vollzugseinrichtung der Gefängnisse Kanton Zürich, sei Rohner vor allen Dingen dankbar, dass es während über einer Million Aufenthaltstage keinen einzigen Selbstmord eines Insassen und keine schwerwiegende Verletzung eines Mitarbeitenden zu beklagen gab.
Spannungsfeld Haftanstalt
Ins Gefängnis verschlug es den gelernten Elektromonteur durch Zufall. Rohner wechselte 1976 aufgrund der trüben Wirtschaftslage in den Justizvollzug als Hilfsaufseher und Ablöser in Zürich und Dielsdorf. Eine Tellerwäscherkarriere begann. 1989 wurde Rohner die Leitung des Bezirksgefängnisses Dielsdorf übertragen. Sein innovativer Geist gefiel der Justizdirektion. Rohners Vorschläge zur baulichen und organisatorischen Weiterentwicklung wurden gutgeheissen. Die Umsetzung sollte aber ohne ihn erfolgen. Kurz vor Spatenstich, welchem er euphorisch entgegenblickte, übertrug ihm die Justizdirektion den Auftrag, das Ausschaffungsgefängnis in Kloten aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Am 13. Februar 1995 wurde das Flughafengefängnis vorzeitig eröffnet. Rohner wurde Chef von 28 Mitarbeitenden.
Nach dem Ausbau der zweiten Abteilung für Untersuchungshaft und Strafvollzug betrug die Kapazität 214 Haftplätze. Über beide Abteilungen amtete die erste Direktorin eines Zürcher Gefängnisses Barbara Ludwig. Nach deren Weggang im Jahr 2000 wurde Rohner vom Abteilungs- zum Gesamtleiter des Flughafengefängnisses mit 70 Mitarbeitenden befördert.
Rohner bewegte sich erfolgreich im Spannungsfeld von Ansprüchen und Interessen verschiedener Akteure: die Gefangenen, das Personal, die Politik, das Volk, die Medien, Menschenrechtsorganisationen, die nur Mängel zu sehen glaubten, und Angehörige von Opfern, die Gefängnisse forderten, in denen es nur Eintritte gibt, aber keine Austritte.
Seinem Nachfolger hinterlässt er eine gut organisierte und moderne Haftanstalt. Rohners Terminkalender war stets voll. Jetzt freue er sich auf eine Zeit ohne Fremdbestimmung. Fixe Pläne haben er und seine Frau keine. «Aber eins dürft ihr mir glauben,» versichert er bei seiner Abschiedsfeier, «Sorgen um mich müsst ihr euch keine machen!»
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Erstellt: 10.03.2010, 04:00 Uhr



