Zürich

Wie der Weber zur Taylor kam

Von Heinz Zürcher. Aktualisiert am 29.06.2010

Unter dem Künstlernamen Heinz Riva hat ein Walliseller in den 60er-Jahren die Modewelt schockiert. Ab Sonntag wird ihm im Ortsmuseum eine Ausstellung gewidmet.

Heinz Riva 1967 mit einem Mannequin im Abendkleid auf der Terrasse seines Römer Ateliers. (PD)

Die hektische Modewelt hat Heinz Riva weit hinter sich gelassen. Dabei beherrschte sie ihn mehr als ein halbes Leben lang. «Er wird am Sonntag zur Eröffnung nicht hier sein», sagt Albert Grimm vom Ortsmuseum Wallisellen. Heinz Weber, wie Riva mit bürgerlichem Namen heisst, meide öffentliche Auftritte. Kaum gesagt, steht der 74-jährige Walliseller zufälligerweise mitten im Ausstellungsraum – und verwandelt ihn in seine Bühne.

In leichten Sommerschuhen tanzt er durch den Raum, zeigt auf seine ersten Entwürfe, auf Originalskizzen aus seiner Römer Zeit, auf einen aufgehängten Artikel in der «New York Times», auf ein Foto von sich: eine blonde Version von Alain Delon. Die Augen – sie scheinen selbst auf Schwarzweissporträts blau zu leuchten. Und er zeigt auf ein Bild von Elizabeth Taylor. «Liz habe ich sie nennen dürfen», sagt Heinz Weber und streicht mit den Fingern über dem Ohr durchs Haar.

«Ich war elektrisiert»

Weber wächst im beschaulichen Ortsteil Rieden, direkt neben dem heutigen Ortsmuseum, in einem Bauernhaus auf. Albert Grimm erinnert sich, wie er mit dem kleinen Heinz die Kühe gehütet hat. Doch den interessiert das bäuerliche Leben wenig. Die Schule langweilt ihn. Nur wenn der Lehrer seine Zeichnungen aufhängt, kommt Freude auf.

Wohl fühlt er sich im Atelier seiner Mutter, einer erfolgreichen Schneiderin, wo er inmitten von Mustern und Modejournalen seine Fantasie auslebt und aus Stoffresten seine ersten Kleidungsstücke entwirft. Oder im Theater. Mit fünf besucht er im Zürcher Stadttheater – der heutigen Oper – die Aufführung eines Wintermärchens. «Ich war elektrisiert», erinnert er sich. «Diese Prinzessinnen, Dornröschen, Schneewittchen... Alle so hübsch eingekleidet.» Ein weiteres Schlüsselerlebnis bringt eine Reise nach Paris, wo er im Alter von 15 Jahren mit seiner Mutter die Modeschau des spanischen Couturiers Chris­to­bal Balenciaga besucht. «Ich war in Trance versetzt, als die Mannequins die farbenprächtigen Kreationen präsentierten», sagt Weber. Nachdem er in der Zürcher Modeschule von Paula Brünn das Modezeichnen erlernt hat, erhält er in Zürich eine erste Anstellung. Doch das Vergrössern von Schnittmustern langweilt ihn. Die Monotonie seiner Arbeit durchbricht er mit Besuchen im Stadttheater, wo er oft die Kostüme und Ausstattungen kritisiert. Für die Aufführung der «Carmen» entwirft er in seiner Freizeit Kostüme. Aber die Kreationen finden bei den Zuständigen keinen Anklang. Erst als er während seiner Ausbildung an der renommierten École Chambre Syndicale de La Couture Parisienne dieselben Entwürfe noch einmal schickt, hat der damals 21-Jährige mit seinen Vorschlägen einen ersten grossen Erfolg.

Arbeiten für die Prinzessin

Lilo Schmidt, ein weiteres Mitglied der Ortsmuseumskommission, betritt den Raum, und schafft es gar, den Redefluss ihres ehemaligen Klassenkameraden zu unterbrechen. Ob sie seine Karriere verfolgt habe? «Nein», sagt sie, «er war ja die ganze Zeit weg.» 1958 zieht es den jungen Modeschöpfer nach London. Beim renommierten Konfektionshaus Vogue hat er Gelegenheit, an Modeschauen teilzunehmen und seine Ideen einzubringen. Die erfolgreiche Arbeit belohnt sein Chef mit einem Flug nach Rom, wo Weber es schafft, statt der Touristenattraktionen mit einer Zeichenmappe unter dem Arm die russische Prinzessin Irene Galitzine zu besuchen. Beeindruckt von seiner Kreativität, engagiert ihn die Adelige. Nicht aber, ohne ihm eine Namensänderung zu verpassen. «Weber, das klingt zu bünzlig für eine internationale Modekarriere», sagt Weber, als er seine damalige Arbeitgeberin naserümpfend imitiert. Schliesslich landet er bei Riva, dem Nachnamen von entfernten Verwandten. Sein Engagement für die Berühmtheit aus Russland spricht sich herum. Und so sind ihm genügend Aufträge gewiss, als er 1966 mitten in Rom unter dem Label Heinz Riva sein eigenes Atelier gründet. Den endgültigen Durchbruch erlangt er, als er 1967 an einer Modeschau in Rom seine Mannequins in Miniröcken laufen lässt und die italienische Modebranche schockiert. Frech sollte sein Stil sein, elektrisierend, herausfordernd. «Zu mir kam niemand wegen eines netten Kleids», sagt Weber. Es folgen Aufträge für Estée Lauder, Prinzessin Soraya von Persien und Rose Kennedy, die Mutter von John F. Kennedy. Und Elizabeth Taylor klopft an.

Liz Taylors Busen

Die Diva weilt für die Filmaufnahmen von «Identikit» in Rom. Weber erinnert sich an die Anprobe im Hotel Vier Jahreszeiten: «Ich hatte sie mir schlanker und grösser vorgestellt. Immer wieder mussten wir die Arbeit unterbrechen. Die Taylor begann zu meckern, weil ihr die Busenpartie nicht passte. Ich erklärte ihr knallhart, dass ich nur mit eingenähten, stützenden Korsettstäbchen ihre grosse Brust abdecken kann. Meine Gangart schien sie zu beeindrucken. Fortan durfte ich sie Liz nennen.» In den Folgejahren wuchs Webers Unternehmen. 93 Mitarbeiter beschäftigte er, als er der hektischen Branche überdrüssig wurde und das Atelier 1992 schloss. Mittlerweile wohnt er in Nordafrika und Portugal. Gerne kehrt er aber immer wieder nach Wallisellen in sein Elternhaus zurück. In seiner Freizeit reist er gerne, besucht Museen oder karikiert gelegentlich. Seiner einst geliebten Branche hat er den Rücken gekehrt. Der heutigen Modewelt fehle es an Meistern, findet er. «Da schaue ich mir doch lieber Tierfilme an.» Heinz Riva, ein Walliseller erobert die Modewelt. Ausstellung im Ortsmuseum Wallisellen, Riedenerstrasse 75. Sonntag, 4. Juli, 13.30 bis 16 Uhr. Die Vernissage findet um 14 Uhr statt.

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Erstellt: 28.06.2010, 20:23 Uhr

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