Das Ende einer Legende

Jahrelang hat Harry Sprenger mit seiner Agentur «Free & Virgin» die Konzertszene in der Schweiz mitgeprägt. Jetzt ist er wegen Misswirtschaft und Betrugs verurteilt worden.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Harry Sprenger 2008.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Harry Sprenger 2008. Bild: Sophie Stieger

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Wer in den achtziger und neunziger Jahren als musikinteressierter Teenager in der Schweiz aufgewachsen ist, der kam um den Namen nicht herum: «Free & Virgin». Die Agentur war die zweitgrösste Konzertveranstalterin der Schweiz, sie brachte immer wieder grosse Bands in unser Land, vor allem im Hardrock-Bereich. Doch das Ende war unrühmlich. Am 3. Oktober 2011 musste Gründer und Geschäftsführer Harry Sprenger Konkurs anmelden, nachdem die Agentur ab der Jahrtausendwende tiefer und tiefer in die roten Zahlen gerutscht war.

Konkurse ziehen immer genauere Nachforschungen nach sich – und was im Fall von «Free & Virgin» ans Licht kam, rief die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Sie wirft Harry Sprenger unter anderem gewerbsmässigen Betrug, Misswirtschaft und ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Sprenger soll den Konkurs seiner Agentur «billigend im Kauf genommen» haben. Dafür soll er 20 Monate ins Gefängnis. Gestern Mittwoch musste er sich vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten.

Wechselseitiges Löcher-Stopfen

Mitverantwortlich für das finanzielle Aus von «Free & Virgin» war ein Open-Air-Hardrock-Festival namens «Sonisphere». Schon dessen erste Ausgabe im Juni 2010 in Jonschwil SG geriet in die Schlagzeilen. Kurz vor dem Anlass war ein Unwetter über das Festivalgelände gezogen, alles stand unter Wasser, die Gemeinde musste einen Krisenstab einsetzen. Zwar konnte der Anlass stattfinden, aber die 47'000 Besucher verwandelten das durchweichte Gelände in eine Schlammwüste. Und das riss ein Loch in die Kasse des Veranstalters.

«Sonisphere» wurde nicht von «Free & Virgin», sondern von einer zweiten Firma Sprengers, der «OP outfield productions gmbh», organisiert. Die beiden Firmen waren nicht nur über ihren Geschäftsführer verbandelt, sondern halfen sich gegenseitig immer wieder bei finanziellen Engpässen aus. So geschah es auch, als die zweite Ausgabe von «Sonisphere» anstand. Nach den negativen Erfahrungen im Vorjahr lief der Vorverkauf 2011 miserabel, zwei Wochen vor dem Open Air war noch nicht einmal die Hälfte der 30'000 Tickets weg. «Sonisphere» und damit die «outfield productions» standen vor dem Aus.

Absage wäre noch schlimmer gewesen

Es kam zu Krisengesprächen, zu denen gar der härteste Konkurrent Sprengers, André Béchir von «Good News», zugezogen wurde. Schliesslich überwies «Free & Virgin» Mitte Juni 2011 der Schwesterfirma mindestens eine Viertelmillion Franken, damit «outfield productions» die Rechnungen zahlen konnte. Es war ein hohes Risiko, aber Harry Sprenger sagte dem Gericht: «Wir gingen davon aus, dass wir mit den Ticketeinnahmen kurz vor dem Festival und mit den Einnahmen aus Getränken und Verpflegung den Break-Even schaffen würden.» Er habe damals keine Wahl gehabt, hätte er das Festival platzen lassen, wäre auch «Free & Virgin» am Ende gewesen. Denn die Künstler, Manager und Agenten, mit denen die beiden Agenturen geschäfteten, seien die selben gewesen.

Die riskante Strategie ging nicht auf, im Oktober mussten Sprengers Agenturen Konkurs anmelden. Für den Staatsanwalt ist das nicht einfach Pech. Sprenger habe im Gegenteil genau gewusst, dass das Hardrockfestival nie und nimmer habe rentieren können: «Das einzig Richtige wäre eine Absage des Festivals gewesen. Der Beschuldigte hat mit seinem Vorgehen den Konkurs billigend in Kauf genommen.» Er wirft Sprenger Misswirtschaft und ungetreue Geschäftsbesorgung vor.

Betrug mit Suisa-Gebühren?

Aber nicht nur das, Sprenger hat sich in den Augen des Staatsanwalts auch des gewerbsmässigen Betrugs schuldig gemacht, und zwar mit falschen Angaben gegenüber der Suisa. Die Suisa kassiert für sämtliche öffentlichen Musikaufführungen Urheberrechtsgebühren. Dafür müssen Veranstalter der Suisa für jeden Anlass Besucherzahl und Ticketeinnahmen melden.

Unstrittig ist, dass es Sprenger mit beiden Agenturen bei der Abrechnung mit der Suisa spätestens ab 2009 nicht so genau nahm. Allein bei einem Konzert der Band «Muse» deklarierte er Einnahmen von mehr als 1,5 Millionen Franken nicht, wodurch der Suisa laut Anklageschrift mindestens 113'000 Franken entgingen. Insgesamt soll die Gesellschaft um mehr als eine halbe Million Franken geprellt worden sein. Für den Staatsanwalt ist das Betrug, Sprenger habe wegen der desolaten Finanzlage seiner Agenturen überall die Kosten drücken wollen. Er habe genau gewusst, dass die Suisa die Abrechnungen nur mit besonderem Aufwand hätte kontrollieren können.

Überforderung, nicht Arglist

Sprenger selbst erklärte dem Gericht das Versäumnis mit dem immer stärkeren Druck, unter dem er gestanden habe: «Das ist ein unglaublich schnelles Geschäft, und wir waren immer mehr in die Enge getrieben und überfordert.» Zeit, Abrechnungen genau zu prüfen, habe er nicht gehabt; er habe einfach jeweils die erstbesten Verkaufszahlen gemeldet, ohne auf die Endabrechnung der Vorverkaufsstellen, namentlich von Ticketcorner, zu warten.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch. Sprenger habe die Suisa nicht arglistig und vorsätzlich getäuscht. Zudem hätte die Gesellschaft die Abrechnungen durchaus prüfen können – zumal ihr nachweislich bekannt war, dass bei «Free & Virgin» ein Chaos in der Administration herrschte und Harry Sprenger damit überfordert war. Damit fehlten die notwendigen Voraussetzungen für eine Verurteilung. Der Versuch, «outfield productions» zu retten, werde dadurch, dass er gescheitert sei, nicht unrechtmässig: «Das Vorgehen mag sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben. Aber es war nicht leichtsinnig oder pflichtwidrig, sondern aufgrund zahlreicher Gespräche sorgfältig abgewogen. Und es hätte funktionieren können.»

Desaster vorausgesehen

Das Gericht mochte den Ausführungen des Verteidigers nichts abgewinnen. Es folgte in fast allen Punkten der Argumentation des Staatsanwalts. So habe Sprenger gemäss eigenen Aussagen in der Untersuchung beim «Sonisphere»-Festival ein finanzielles Desaster vorausgesehen. Dennoch habe er ohne Sicherheiten und ohne Vertrag alle liquiden Mittel aus «Free & Virgin» abgezogen und in «outfield productions» gesteckt. Das sei Misswirtschaft. Auch sei es schlicht unwahrscheinlich, dass Sprenger bei den Suisa-Abrechnungen bloss Fehler gemacht habe: «Dann wäre es auch zu Fehlern zu Gunsten der Suisa gekommen. Das war aber nicht der Fall.» Sprenger habe das Vertrauensverhältnis, das er als langjähriger Organisator bei der Suisa hatte, ausgenutzt.

Das Gericht hielt Sprenger aber immerhin zu Gute, nicht in persönlicher Bereicherungsabsicht gehandelt zu haben, daher sei der Betrug nicht als gewerbsmässig zu qualifizieren. Auf die Strafe hatte das letztlich aber kaum Auswirkungen: Das Gericht folgte auch hier dem Antrag des Staatsanwalts und verurteilte den 66-jährigen zu einer bedingten Strafe von 20 Monaten. Die zu wenig bezahlten Gebühren muss er samt Zinsen zurückerstatten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.03.2016, 16:37 Uhr)

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