Zürich

Beim Pflegepersonal braucht es mehr Nachwuchs

Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 29.12.2008

In Spitälern und Heimen wird das Pflegepersonal rar. Grund sind Engpässe in der Ausbildung. Der neue Beruf der Fachfrau Gesundheit ist zwar beliebt, doch es fehlen Lehrstellen.

Fachleute fordern eine Erhöhung der Löhne während der Pflegeausbildung: Eine Pflegefachfrau untersucht die Sensorik und Motorik einer Patientin.

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Bild: Keystone

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Für Amira Pandzic (23) ist Pflegefachfrau der Traumberuf. Doch der Weg dahin ist lang für sie. Just als sie mit der Diplomausbildung beginnen wollte, für welche das Mindestalter 18 galt, wurde die Pflegeausbildung landesweit reformiert. Neu gibt es eine Lehre (Fachfrau oder Fachmann Gesundheit, kurz Fage); sie schliesst an die Volksschule an. Und es gibt die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachfrau, für die eine Lehre oder die Matur Voraussetzung sind. Schliesslich können Maturandinnen auch an der Fachhochschule Pflege studieren. Amira Pandzic gehört zum zweiten Fage-Jahrgang, sie fing 2004 an. Und hatte Glück: Im Kantonsspital Winterthur bekam sie eine der damals noch raren Lehrstellen, und erst noch in ihrer Wunschklinik, der Chirurgie.

Patient merkt keinen Unterschied

Am Anfang war es der vifen jungen Frau etwas langweilig: «Im ersten Jahr durfte ich fast nichts selber machen, ich lief immer mit einer Diplomierten mit.» Heute ist das ganz anders. Amira Pandzic ist in in ihrem Element. Im Sommer 2007 hat sie die Lehre abgeschlossen und ist danach auf ihrer Abteilung geblieben.

An dem Morgen, als wir sie begleiten, ist sie für drei Patienten zuständig. Herr B. hatte einen Narbenbruch, drei Tage nach der Operation hängen noch zahlreiche Schläuche an seinem Körper, was ihm gar nicht gefällt. Amira Pandzic schaut nach, wie viel Blut und Wundflüssigkeit über Nacht aus dem Bauch abgeflossen ist. Später, auf der Visite, wird sie mit der Assistenzärztin besprechen, wann sie diesen Schlauch entfernen kann. Herr B. witzelt: «Wenn Sie ihn ziehen, dann ziehe ich auch Leine!»

Die ausgelernte Fage darf an den Patienten sehr vieles machen, was auch die Pflegefachfrau macht: Blut nehmen, Katheter entfernen, Verbände wechseln, bei der Körperpflege helfen. Dennoch will Amira Pandzic weiter lernen; sie beginnt im Februar die höhere Fachausbildung. «Fage ist eine gute Grundausbildung», sagt sie, «ich persönlich möchte aber mehr selbstverantwortlich arbeiten können.» Denn auch wenn für die Patienten kaum ein Unterschied zwischen Fage und Pflegefachfrau erkennbar ist: Die Verantwortung bleibt letztlich immer bei den Diplomierten, wie Pflegedienst-Direktor Markus Wittwer sagt. Diese sind zuständig für die Anamnese (Einschätzung der Patienten) und für die Pflegeplanung.

Wittwer möchte mittelfristig etwa einen Drittel der Pflegestellen durch Fage, Studierende und Pflegeassistentinnen abdecken, zwei Drittel durch Pflegefachleute. Im Waidspital sieht der Stellenschlüssel ähnlich aus. Die anfänglichen Befürchtungen der Diplomierten, sie würden im grossen Stil durch «billige Arbeitskräfte» ersetzt, werden damit nicht bestätigt - abgesehen davon, dass eine Fage mit rund 4300 Franken nach der Lehre nur 1000 Franken weniger verdient als eine Diplomierte.

Viele Pflegefachfrauen hatten auf den neuen Beruf der Fage skeptisch bis abwehrend reagiert. Sabrina Born, die Lehrlingsbetreuerin von Amira Pandzic, räumt das freimütig ein: «Wir wussten am Anfang nicht, was die Fage dürfen. Wir hatten Angst, dass wir Diplomierte nur noch im Büro tätig sein würden.» Die Realität ist zum Glück eine andere. Born und Pandzic arbeiten Hand in Hand, die Stimmung im Team ist gut, alle helfen einander. Um zehn kommt ein Anruf aus dem Operationssaal: Patient S. ist abholbereit. Er hatte einen Leistenbruch. Amira Pandzic ist für ihn zuständig, doch sie darf den jungen Mann nicht allein holen. Sabrina Born muss mit. Vorschrift ist auch, dass sie einen Notfall-Rucksack trägt – falls es dem Patienten auf dem Weg plötzlich schlecht gehen sollte.

Bei S. besteht keine Gefahr, er ist bereits recht munter. Im Zimmer angekommen, hängt Amira Pandzic die Infusionen auf und misst Blutdruck und Puls sowie die Sauerstoffsättigung des Blutes. Und sie fragt den Patienten, ob er schon etwas zu Mittag essen mag – er mag. Danach studiert sie im Stationszimmer das Verordnungsblatt, auf dem die operierende Ärztin eingetragen hat, welche Medikamente S. bekommen muss oder darf. Zum Beispiel Morphin, falls er starke Schmerzen hat. Auch das darf eine Fage machen: Medikamente richten.

Nur 400 statt 575 neue Lehrlinge

Im Kantonsspital Winterthur arbeiten derzeit erst eine Hand voll ausgebildeter Fage. In einigen Jahren sollen es 50 bis 75 sein. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, auch wenn das Spital relativ viele Fage selber ausbildet: 72 insgesamt, wovon ein Drittel dieses Jahr die Lehre begonnen hat. Die (noch kurze) Erfahrung zeigt, dass etwa die Hälfte nachher weitermacht an der höheren Fachschule. Das ist durchaus gewollt: Die Fage sind die wichtigste Rekrutierungsbasis für die Pflege-Fachschulen.

Das Problem ist nur, dass es noch zu wenig Fage gibt. Der Beruf ist zwar beliebt bei den jungen Leuten, doch es fehlt an Lehrstellen. Viele Betriebe zögerten, weil es lange Zeit unklar war, wie die Fage eingesetzt werden. 2007 sollten gemäss Prognose der Bildungsdirektion 480 Lehrlinge anfangen, effektiv waren es 120 weniger. 2008 waren 575 geplant, 400 starteten tatsächlich. Laut Christina Vögtli von der Bildungsdirektion liegt es an allen Betrieben, noch mehr Stellen zu schaffen: Spitäler, Kliniken, Heime und Spitex. Vergleichsweise sehr wenig Lehrstellen bieten bis jetzt die Privatspitäler an. Und auch die Spitex hinkt hintennach.

2010 tut sich eine grosse Lücke auf

Die Situation bei den Fage wirkt sich auf die höheren Fachschulen aus: Sowohl am Careum in Zürich wie am ZAG in Winterthur blieben die Anmeldungen zur Pflegeausbildung bisher weit unter den Erwartungen. Eine Rolle spielte dabei auch die Umstellung der ganzen Bildungssystematik, wie Careum-Direktor Christian Schär sagt: «Wer sich für einen Pflegeberuf interessierte, musste sich neu orientieren. Das brauchte Zeit. Bis das System zu spielen begann, gingen Jahre ins Land.»

2007 waren die Zahlen erstmals zufriedenstellend. Mit insgesamt 240 Anfängerinnen konnte der Plan laut Christina Vögtli eingehalten werden. Doch 2008 sah es wieder schlecht aus: Nur 210 junge Leute begannen die Pflegeausbildung, geplant waren 360. Vögtli hat keine abschliessende Erklärung für diesen Einbruch. Ein möglicher Grund sei, dass viele Interessentinnen den Ausbildungsbeginn um ein Jahr verschoben, weil sie zuerst noch Geld auf die Seite legen müssen. Denn in der neuen Pflegefachausbildung verdient man mit rund 1000 Franken pro Monat nicht genug zum Leben. Früher war der Lohn höher, vor allem für Lernende ab 25 Jahren; diese bekamen rund 3000 Franken. Fachleute fordern eine Erhöhung, nicht zuletzt damit der Pflegeberuf auch für Quereinsteigerinnen eine Option ist. Die Kosten müsste der Kanton tragen.

Ein Personalmangel ist absehbar. 2009 werden die letzten Absolventinnen des alten Diplomlehrgangs ihre Ausbildung beenden. Danach tut sich eine Lücke auf. Amira Pandzic muss sich keine Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Sie wird gebraucht werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2008, 07:13 Uhr

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