Zürich

Ein Hoch des Stadtrats auf den Rausch

Von René Donzé. Aktualisiert am 03.06.2011

Winterthurs Sozialvorsteher Nicolas Galladé (SP) stösst mit seinem Lob auf den Rauschzustand auf Kritik.

Gern mit einem Bier in der Hand: Nicolas Galladé an einem Match des FC Winterthur.

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Bild: Stefan Schaufelberger

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Die Aussage erstaunt und polarisiert: «Selbst der Rausch hat positive Seiten», sagte Winterthurs Stadtrat Nicolas Galladé (SP) in einem Interview im «Landboten» vom Mittwoch. Der Sozialvorsteher, der auch für Prävention und Suchthilfe in der Stadt zuständig ist, sprach freimütig über «Sonnenseiten und Schattenseiten des Alkoholkonsums» und darüber, dass die Menschheit schon immer den Rausch gesucht habe.

«Steilpass zum Rauschtrinken»

So hätte das Galladés Vorgängerin im Stadtrat, Nationalrätin Maja Ingold (EVP), niemals gesagt. «Das kann als Steilpass zum Rauschtrinken verstanden werden», sagt sie und verweist auf das Jugendschutzkonzept Winterthurs, das einen «risikoarmen Alkoholkonsum» postuliert. «Ein Rausch ist auf jeden Fall riskant. Der Betroffene gefährdet sich selbst und eventuell Dritte.»

Auch Stefan Kunz, Geschäftsführer des Blauen Kreuzes Zürich, sieht in «98 Prozent der Fälle keine positiven Seiten eines Rausches». Übermässiger Alkoholkonsum schädige die Gesundheit und führe oft zum Absturz. Positiv sei höchstens, wenn ein Jugendlicher nach einem solchen Erlebnis gescheiter werde und eine Lehre fürs Leben daraus ziehe. «Die Aussage von Herrn Galladé ist so gesehen unglücklich», sagt Kunz.

Etwas nüchterner fällt das Urteil von Psychologe Stephan Germundson von der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme aus. Das Statement sei «etwas ungeschickt», meint er. Zwar könne ein Rausch durchaus auch ein schönes Erlebnis für den Einzelnen bedeuten, doch müsste man als Politiker in der Öffentlichkeit «gerade beim Alkoholrausch eher auf die Gefahren hinweisen als auf die Chancen», sagt Germundson.

Kreativ dank Bier

Nicolas Galladé sieht seine Aussage aus dem Zusammenhang gerissen. Das Interview erfolgte als Abschluss der «Dialogwoche Alkohol», bei der erstmals Alkoholproduzenten und Suchtfachleute bis hin zum Blauen Kreuz miteinander öffentlich diskutierten. «Bisher wurde der Alkohol entweder glorifiziert, verteufelt oder verharmlost.» Aus diesem Muster wollte er ausbrechen.

Kulturhistorisch habe der Rausch in allen Gesellschaften eine Rolle gespielt. Ein leichter Rausch könne zu einer gelösten Stimmung führen. Mit subjektiv positiven Seiten für den Einzelnen: «Manch kreative Idee entsteht nicht im Sitzungszimmer, sondern in einer lockeren Runde bei einem Bier», so Galladé. Oder im Ausgang würde oft getrunken, um Hemmungen abzulegen und leichter auf andere zuzugehen. «Das ist aber keinesfalls eine Aussage für Koma-, Kampf- und Rauschtrinken», betont Galladé. Und auch die Alterslimiten zweifle er überhaupt nicht an. «Ich bin für einen ehrlichen Umgang mit dem Thema – nur so bin ich als Politiker und Mensch auch glaubwürdig», sagt der 35-jährige Stadtrat, der noch immer gerne nach Feierabend mit Freunden in der Stadt bei einem Glas Bier philosophiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2011, 22:05 Uhr

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