Zürich

«Ich bin tot, überglücklich...»

Interview: Pia Wertheimer. Aktualisiert am 10.10.2011 7 Kommentare

Zwölf Sportler beendeten gestern Sonntag den zehnfachen Ironman. Unter ihnen Daniel Meier aus Winterthur. Er legte 38 Km schwimmend, 1800 Km radelnd und 422 Km laufend in gut 124 Stunden zurück.

1/14 Noch ein Schritt fehlte dem 38-Jährigen Extremsportler aus Winterthur gestern Sonntag kurz vor Mitternacht, ...
zvg

   

Die zehntägige Tortur am Deca-Ironman in Sizilien. (Video: zvg)

Daniel Meier

Der 38-Jährige ist medizinischer Masseur und führt in Winterthur eine eigene Praxis. Er ist Mitglied des Winterthurer Triathlonclubs Finishers und bestritt zahlreiche Ironman-Wettkämpfe, darunter im Jahr 2009 den dreifachen Ironman Lensahn (D), 2010 die doppelten Ironman-Wettkämpfe in Neulengbach (A) und Murska (Slovenien). In Sizilien trat er erstmals zu einem zehnfachen Ironman an, der zehn Tage lang dauert. Bei diesem Wettkampf muss Daniel Meier täglich 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und 42 Kilometer laufen. (pia)

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Herr Meier, zehn Tage lang absolvierten Sie täglich je einen Ironman. Gestern Sonntag kurz vor Mitternacht liefen sie durchs Ziel. Wie fühlen Sie sich?
(Antwortet mit schleppender Stimme.) Ich bin noch völlig groggy, meine Füsse und Beine schmerzen tierisch und mein Gesicht spannt von den durchgestandenen Wetterkapriolen. Ich bin aber hauptsächlich ein unsagbar glücklicher Mensch.

Warum tun Sie sich solche Strapazen an?
(Schweigt lange.) Es hat verschiedene Gründe. Es geht mir einerseits um die sportliche Herausforderung. Ich lote aus, was mein Körper erträgt - ohne ihn dabei zu zerstören. Es fasziniert mich zu erkunden, wie ich meinen Organismus dafür hinsichtlich Schlaf, Ernährung und Training rüsten kann. Es geht andererseits aber auch um die Neugierde, wozu ich mental in der Lage bin. Letztlich geht es auch darum, die Gemeinschaft zu spüren. Man ist zwar Einzelkämpfer, aber muss es nicht alleine durchstehen. Die Athleten helfen einander ins Ziel.

Wie das?
Es sind bedeutungsvolle Kleinigkeiten. Ein Lächeln, ein erhobener Daumen, ein ‹weiter so› im Vorbeifahren. Die Sportler leiden mit, wenn einer aufgeben muss.

Sie sind jeden Tag 3,8 Kilometer geschwommen, 180 Kilometer Rad gefahren und 42,2 Kilometer gelaufen. Was war für Sie während des Wettkampfs das grösste Übel?
Das Wetter. Es stellte uns immer wieder vor grosse Herausforderungen. Wir haben von Hitze über Stürme bis hin zum Hagel alles abgekriegt, was Petrus zu bieten hat. Es ist bei so schnellen Wetterumschwüngen schwierig, den richtigen Griff in die Kleiderkiste zu machen. Stehen bleiben kommt nicht infrage, weil dann die Muskeln erkalten und sich zusammenziehen - dann heisst es ‹Game Over›. Jedes Hagelkorn schmerzte, der kalte Wind reizte meine Luftröhre. Zudem forderte uns der Asphalt auf der Velostrecke.

Warum?
Er war sehr rauh. Das bedeutet auf dem Rad mehr Schläge und um diese abzufangen, braucht man Kraft.

Sie legten jeweils die 180 Kilometer in 5-Kilometer-Runden zurück - dreht man da nicht durch?
Offensichtlich nicht (lacht). Die Monotonie ist zermürbend. Es gilt die Nerven nicht zu verlieren. Die mentale Frische verfliegt dadurch und das macht mich langsamer. Dagegen hilft aber die Konzentration. Je erschöpfter ich war, desto wichtiger war es, meine Gedanken nicht ganz abschweifen zu lassen. Sonst wäre jede Kurve zu gefährlich. Auch beim Schwimmen war das ein grosses Thema, weil es die 3,8 Kilometer auf 25-Meter-Bahnen zurückzulegen galt. Ich bin aber 50-Meter-Längen gewohnt. Ich schlug mehrmals den Kopf an, weil ich nicht aufmerksam war und nicht damit rechnete, dass die Bahn schon fertig ist.

Womit hatten Sie persönlich in den vergangenen zehn Tagen am meisten zu kämpfen?
Mit Angst. Angst, dass ein körperliches Problem, das ich nicht beeinflussen kann, mein Abenteuer beendet. Ich durchlebte beim Schwimmen am siebten Tag einen Schreckmoment, als Wärme von meinem Nacken her über meinen Kopf bis zur Stirn kroch. ‹Das ist Blut› durchfuhr es mich. Als mir an den Kopf griff merkte ich, dass meine Badkappe zerrissen war und es das Wasser war, dass sich am Kopf so anfühlte.

Sie haben lange und hart dafür trainiert - kommt jetzt das grosse Loch?
Das glaub ich nicht. Ich freue mich wieder gemütlich am Tisch zu sitzen, dabei richtig zu essen und über etwas anderes zu sprechen, als über diesen Wettkampf.

Sie steigerten sich von einem Ironman, zur doppelten dann zur dreifachen Distanz. Sie haben gestern Sonntag den zehnfachen hinter sich gebracht. Was kommt danach?
Das weiss ich jetzt noch nicht. Es gibt nichts Längeres. Ich kann mir vorstellen, das nochmals zu machen, zum Beispiel den Deca-Ironman von Mexico - allerdings nicht unbedingt nächstes Jahr (lacht).

Und wieder auf die kürzeren Distanzen umsteigen?
Die sind mir inzwischen zu schnell geworden.

Während dem ganzen Gespräch entfahren Ihnen immer wieder tiefe Seufzer.

Ich bin tot... ich bin überglücklich... (Mit stockender Stimme) Ich hab es geschafft... ich bin ein Deca. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2011, 13:18 Uhr

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7 Kommentare

Urs Dubach

10.10.2011, 15:01 Uhr
Melden 9 Empfehlung

naja so gesund, würde ich das nicht bezeichnen. Sport ist wirklich gut und gesund, aber den Körper so zu "überfordern" kehrt das ins Gegenteilige. Aber gratulation! Antworten


Ursi Brock

10.10.2011, 15:11 Uhr
Melden

Puh, ja ich denke geschätzt über alles würde ich so knapp 5% davon in 20% der Zeit schaffen... ohne Training. Obwohl im Schwimmen und Radfahren bin ich ganz gut, ohne Training, aber beim rennen sieht's eher übel aus... zügig laufen würde eher passen. Antworten



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