Mit Strom für 400 Franken rund um die Welt

Mit Solarstrom und null Emissionen fährt ein vollverschalter Winterthurer Hightech-Töff in 80 Tagen um die Erde.

Etappensieg in Winterthur: Die Piloten Tobias Wülser (l.), Frank Loacker und Stadtpräsident Ernst Wohlwend.

Etappensieg in Winterthur: Die Piloten Tobias Wülser (l.), Frank Loacker und Stadtpräsident Ernst Wohlwend. Bild: Beat Marti

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«Nein, Geschwindigkeitsbussen hatten wir bisher noch nicht», sagt Bordmechaniker Frank Loacker (31) aus Freienstein. Er war gestern auf dem hinteren der beiden Schalensitze auf der Etappe von St. Gallen nach Winterthur als Co-Pilot des roten Zerotracers dabei. «Auf der Autobahn sind wir gemütlich 120 gefahren», erzählt er. Auch bei diesem Tempo erlebt die Crew allerhand Amüsantes. Regelmässig wird die aerodynamische, eierförmige Mischung aus Töff und Auto überholt. «Damit uns die Leute mit dem Handy fotografieren können.»

Rasereien liegen für die beiden Piloten nicht drin, auch wenn die Veranstaltung «The Zero Race» lautet. Schliesslich will keiner schon am dritten von 80 Tagen seinen Fahrausweis verlieren. Zudem gehts selten um Geschwindigkeit, sondern viel eher um Zuverlässigkeit und Effizienz. Eingestreut sind Geschicklichkeitstests. Aber auch ein währschaftes Bergrennen wie zum Prolog am Grimsel.

Koreaner hatten eine Panne

Die Wettfahrt steht Fahrzeugen offen, die klimaneutral unterwegs sind und 500 Kilometer am Tag zurücklegen können. Statt neun Fahrzeugen sind nur noch vier am Start. Die anderen hatten technische oder finanzielle Probleme. Der amerikanische Konkurrent verlor sein Gefährt beim Brand eines Lagerschuppens.

Um 12 Uhr fuhr der rote Winterthurer Zerotracer als Erster auf dem Neumarkt ein, beglückwünscht von Stadtpräsident Ernst Wohlwend. Mit etwas Verspätung traf der giftgrüne dreirädrige Renner aus Australien ein, gefolgt von einer deutschen Pilotin auf einem Elektroroller. Der bullige südkoreanische Karbonrenner hatte Probleme mit der Batterieelektronik und musste ausserhalb von Winterthur aufgeladen und auf den Neumarkt transportiert werden.

Zerotracer ist fast wartungsfrei

Am Abend ging das Rennen durch den Schwarzwald bis vor Stuttgart. Via Brüssel, Berlin, Wien, Budapest, Kiew und Moskau führt der Ökowettkampf weiter quer durch Russland, Kasachstan und China bis an die Weltausstellung nach Shanghai. Dort werden die vier Renner – sofern es alle bis dorthin schaffen – auf ein Schiff verladen und über den Pazifik nach Vancouver verfrachtet – natürlich klimakompensiert. Dann führt das Rennen quer durch Kanada, Amerika und Mexiko nach Cancún, wo im Dezember die Klimakonferenz stattfindet. Von dort folgt wieder eine Schiffsetappe nach Lissabon. Ziel ist am 22. Januar Genf.

In 80 Tages-Etappen stoppen die Teams in 150 Städten in 16 Ländern.Was wartet auf Bordmechaniker und Co-Pilot Frank Loacker während 30'000 Kilometern? «Hoffentlich nur Batterieaufladen», sagt er. Grundsätzlich ist der Zerotracer fast wartungsfrei. Der Ölwechsel entfällt ebenso wie das Erneuern von Bremsen. Die Scheibenbremsen sind nur für den Notfall. Sonst bremst der Zerotracer elektrisch, indem er Strom produziert. Immerhin führt das Team vier Reifensätze mit.

Auch beim Energieverbrauch gibt sich der Zerotracer mit dem absoluten Minimum zufrieden. Mit einer Batterieladung kann er 350 Kilometer weit fahren. Die Schnellaufladung auf 80 Prozent der Kapazität dauert bloss 30 Minuten, «die Zeit, um zwei Cappuccino zu trinken», scherzt die Crew. Der Verbrauch in Zahlen ist eindrücklich. Pro 100 Kilometer konsumiert der Zerotracer 8 Kilowattstunden. Auf den Energiegehalt von Benzin umgerechnet wären das 0,8 Liter. Auf 30'000 Kilometer verbraucht der rote Flitzer also etwa 2400 Kilowattstunden, was bei einem Strompreis von 15 Rappen 360 Franken macht.

Rasanter als ein Porsche

Den Strom zapfen die vier Fahrzeuge rund um die Welt aus normalen Steckdosen, weil sie keine Windturbinen und Solarzellen mitschleppen können. Jedes Team ist aber verpflichtet, den verbrauchten Strom zu Hause aus alternativen Quellen zu produzieren – Solar, Wind, Erdwärme. Das Schweizer Team wird von der Solarsparte des Oerlikon-Konzerns gesponsert. Der Strom stammt aus einer Solaranlage in Trübbach SG.

Hinter dem Rennen steht der 38-jährige Luzerner Louis Palmer. 2007 hatte er die Welt als Erster in einem Solarfahrzeug umrundet. «Das ist das grünste Rennen der Welt», sagte er gestern auf dem Winterthurer Neumarkt. Er wolle mit dem Anlass zeigen, dass es Lösungen für die CO2-Problematik gebe. «Die Zeit für benzinbetriebene Autos ist vorbei.»

Entwicklung kostete gegen 200'000 Franken

Der rote Zerotracer ist ein Hightech-Gefährt, das sich Normalverbraucher (noch) nicht leisten können. Die Entwicklung hat 150'000 bis 200'000 Franken gekostet. Der Flitzer basiert auf dem Monotracer-Kabinenmotorrad der Winterthurer Firma Peraves. Die Firma Designwerk um Teamchef und Pilot Tobias Wülser, ebenfalls aus Winterthur, hat den verschalten Benzintöff auf Elektroantrieb umgebaut. Bei langsamem Fahren und auf Strassen in schlechtem Zustand werden hydraulisch zwei Stützräder ausgefahren wie beim Kindervelo.

Trotz – oder gerade wegen – des Elektroantriebs ist die Leistung eindrücklich: Der Zerotracer beschleunigt von 0 auf 100 schneller als ein Porsche 911. Bei Tempo 240 wird der Motor elektronisch abgeregelt. Rein rechnerisch liegt die Maximalgeschwindigkeit bei weit über 300 Kilometern pro Stunde. Grund für diese Werte sind die gute Aerodynamik (Cw-Wert 0,18), der kleine Rollwiderstand und der hohe Wirkungsgrad des elektrischen Antriebs von über 90 Prozent. Die Firma Peraves will den E-Tracer ab 2011 serienmässig produzieren. Preis: rund 110'000 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2010, 22:42 Uhr

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