Winterthur ist Zürich 15 Jahre voraus

Die Zürcher Velofahrer und Fussgänger liefern sich einen Kleinkrieg. Kurt Egli von Pro Velo Winterthur weiss warum.

Harmonie zwischen Radler und Fussgänger ist möglich: Winterthur machts vor.

Harmonie zwischen Radler und Fussgänger ist möglich: Winterthur machts vor. Bild: zvg

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Während auf Zürichs Strassen eine Fehde zwischen den Fussgängern und den Velofahrern tobt, vermarktet sich die zweitgrösste Stadt des Kantons als Velostadt. Ein Blick nach Winterthur macht aber deutlich, dass es auch in der grössten Fussgängerzone der Schweiz – Winterthurs Altstadt – nicht nur friedlich zu und her geht. Dort herrscht zwar ein generelles Fahrverbot, Fahrräder sind aber zugelassen. Sie geniessen jedoch gegenüber den Passanten keinen Vortritt.

Diese gemischte Zone führt offenbar zu Konflikten. «Da sind bei nicht wenigen Velofahrern happige Aggressionen zu entdecken», schreibt etwa Leserbriefautor Peter Aeschlimann im Winterthurer Blatt «Der Landbote». Er spricht von «Öko-Taliban», die zu allem bereit sind und Rotlichter, Zebrastreifen und Fusswege missachten. Josef Huber doppelt dazu in einem Kommentar nach: «Was denken Eltern, die mit dem Velo auf Fusswegen unterwegs sind, auf denen ein generelles Fahrverbot herrscht, und ihren Nachwuchs ebenfalls per Kinderfahrrad mitfahren lassen, statt sie auf den Sinn der runden Tafeln mit dem roten Rand aufmerksam zu machen?»

Winterthurer sind nicht die besseren Menschen

Anders schätzt Kurt Egli, Geschäftsführer von Pro Velo Winterthur, die Situation ein. Seit den 80er-Jahren lebt er in Winterthur und ist oft mit dem Rad unterwegs: «Das Zusammenleben von Velofahrern und Fussgängern funktioniert grundsätzlich gut. Die Winterthurer sind sich das Nebeneinander gewohnt.» Natürlich gebe es beispielsweise in der Fussgängerzone Ausnahmen. «Das hat aber mit dem Charakter der jeweils involvierten Personen zu tun.»

Egli ist sich indes sicher: «Die Velofahrer in Winterthur sind nicht per se die besseren Menschen als die Zürcher.» Er sieht den massgebenden Unterschied in den Infrastrukturen der beiden Städte: Die Eulachstadt schaffe im Vergleich mit der Limmatstadt bessere Bedingungen für die Radfahrer und damit auch für die Fussgänger. «Ich denke da etwa an Lichtsignale für Fahrräder, die vor denjenigen für die Autos auf Grün wechseln oder an die vielen Radwege und Einspurstrecken.» Das entschärfe den Konflikt zwischen den Fahrradfahrern und den Autolenkern. «Und weil sich die Radler auf den Strassen sicher fühlen, weichen sie nicht ins Revier der Fussgänger aus.»

Abschauen und anordnen klappt nicht

Die Kalamität wurzle in der Gesellschaft: «Es ist akzeptiert, dass ein Velofahrer aufs Trottoir fährt, um sich vor einem potenziell gefährlichen Auto in Sicherheit zu bringen», sagt Egli. Es gebe nur zwei Möglichkeiten, der Anarchie auf den Strassen Zürichs Einhalt zu gebieten: Entweder entschärfe man diese Gefahr oder toleriere das Fehlverhalten der Radler nicht länger. Der Pro-Velo-Geschäftsführer warnt aber: «Die Zürcher können nicht einfach abschauen und anordnen – das funktioniert nicht.» Das Zusammenleben könne nur wachsen, wenn für die Velofahrer auf der Strasse sichere Verhältnisse geschaffen werden. Das brauche Zeit und Geld – und auch die Menschen bräuchten Zeit, sich daran zu gewöhnen. Das Zusammenleben müsse wachsen. Er schätzt: «In 15 Jahren wird Zürich so weit sein, wie wir es heute in Winterthur sind.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2011, 12:58 Uhr

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