«Zürich ist nicht unser Vorbild»
Von René Donzé. Aktualisiert am 03.09.2010 1 Kommentar
Ernst Wohlwend ist seit 8 Jahren Stadtpräsident von Winterthur und oberster Chef der Stadtentwicklung.
Sind Sie neidisch auf die Baufirma Implenia, die diese Woche von Sulzer 400 000 Quadratmeter Land für nur 82 Millionen erworben hat?
(lacht) Es wäre schön, wenn unsere finanziellen Verhältnisse eine solche Investition zulassen würden. Das ist nicht möglich. Wir können nur dort investieren, wo wir Eigenbedarf haben oder besondere strategische Interessen.
Stadtentwicklung wäre einfacher, wenn die Stadt mehr Land besässe.
Natürlich können wir auf eigenem Land die Entwicklung am besten steuern.
Hatten Sie auch mit Sulzer überdas Land verhandelt?
Wir haben alle Optionen geprüft.
War denn ein Kauf auch eine Option?
Wir haben auch daran gedacht, als bekannt wurde, dass unser bisheriger Partner Sulzer das Schiff verlässt. Wir fragten uns: Was können wir tun, damit wir die weitere Entwicklung der Stadt im Griff haben? Uns war aber schnell klar, dass wir nicht genügend Geld haben, um das Land zu erwerben und es anschliessend zu entwicklen. Das ist ja auch nicht unsere Kernaufgabe. Wir sind keine Liegenschaftenhändler.
Wie wollen Sie nun auf die weitere Entwicklung Einfluss nehmen?
Wir haben für Neuhegi eine Planungszone beantragt und verfügt bekommen. Damit erhalten wir Zeit, um die nötigen Rechtsgrundlagen für eine gesunde Entwicklung zu schaffen.
Was ist eine gesunde Entwicklung?
Das Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten muss ausgewogen bleiben. Winterthur zählt heute 100 000 Einwohner und 52 000 Arbeitsplätze. Dieser Mix von zwei zu eins darf sich nicht verschlechtern. In Neuhegi soll ein neuer Stadtteil mit hoher Lebensqualität entstehen.
Verschlechterung hiesse . . .
. . . wenn es überproportional viele neue Wohnungen gäbe. Das ist heute schon ein Konflikt. Investoren und Grundstückbesitzer haben ein grosses Interesse daran, dass Industriezonen in Wohnzonen umgewandelt werden. In diesem Bereich ist der Nachfragedruck riesig. In der Stadtmitte mag es sinnvoll sein, noch mehr Wohnungen zu erstellen, aber in Oberwinterthur wollen wir auch genügend Platz für Industrie und Gewerbe schaffen.
Sonst entstünde eine Schlafstadt.
Das wollen wir unbedingt vermeiden.
In den letzten Jahren wurden in Oberwinterthur schon einige grosse Wohnüberbauungen hochgezogen.
Darauf hatten wir wenig Einfluss, weil das Land bereits eingezont war. Genau darum wollen wir jetzt nicht mehr viele neue Wohnzonen. Der grosse Rest, der noch frei ist, muss zur Verfügung stehen für bestehende und neue Firmen.
Was wünscht sich Winterthurin wirtschaftlicher Hinsicht?
Wir wünschen uns vor allem neue Firmen in den Bereichen Hightech und Medizinaltechnologie. Das sind zukunftsträchtige Branchen. Wir wollen möglichst breit aufgestellt sein mit verschiedenen Firmen. Früher hatten wir eine Monokultur mit wenigen Konzernen. Wenn es diesen gut ging, gings der Stadt ebenfalls gut. Aber sobald diese husteten, bekam die Stadt eine Grippe.
Neue Firmen stehen kaum Schlange.
Die Nachfrage ist gross. Wir besitzen ein Stück Land, das wir schon ein paarmal hätten verkaufen können. Doch wir sind wählerisch und achten darauf, dass wir Firmen mit hoher Wertschöpfung und vielen Arbeitsplätzen ansiedeln können.
Was braucht Winterthur nicht?
Wir haben im Moment genug Grossverteiler, Bau- und andere Fachmärkte.
Implenia will wohl dennoch möglichst viele Wohnungen bauen.
Wir hatten schon vor dem Landhandel Gespräche mit Implenia-Vertretern geführt und klar gesagt, was unsere Ziele sind. Implenia kann nicht davon ausgehen, dass es im grossen Stil zu Einzonung von Wohnbauland kommen wird. Die ersten Begegnungen lassen mich hoffen, dass es zu einer ähnlich guten Partnerschaft kommt, wie wir es mit Sulzer hatten. Es wurde uns zugesichert, dass auch Implenia an einer nachhaltigen Stadtentwicklung interessiert ist: ökologisch, ökonomisch und sozial.
Bis wann werden die rund 230 000 Quadratmeter Entwicklungsland von Implenia überbaut sein?
Die Firma sagt, sie wolle innert sieben bis zwölf Jahren beide Areale entwickelt haben. Das ist ein ziemlich ehrgeiziger Zeitplan. Wir werden sehen.
Winterthur ist seit zwanzig Jahren am Entwickeln. In Zürich sind in Oerlikon und im Kreis 5 in dieser Zeit ganze Quartiere entstanden.
Zürich ist nicht unser Vorbild. Wir haben einen anderen Weg eingeschlagen. Im Stadtzentrum kombinieren wir Alt und Neu. Wir achten darauf, dass ein belebter neuer Stadtteil entsteht. Und in Oberwinterthur wollen wir neben Wohnungen und dem neuen Eulachpark auch genug Land für Industrie und Gewerbe haben. Wir wollen in Winterthur keine seelenlose Ansammlung von Bürobauten und Wohnblöcken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2010, 20:45 Uhr
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1 Kommentar
Schade, dass Winterthur das Land nicht gekauf hat. Nur beim Eigentum kann man wirklich steuern - sonst ist das kaum Möglic. Nun profitiert Implenia von der Bodenrente und den Planungsmehrwerten anstatt die Steuerzahlenden von Winterthur. Refinanziert hätte man das Land dann durch Abgabe an Baugenossenschaften im Baurecht. Eine verpasste Chance, die Winterthur einmal stark bereuen wird. Antworten


































