Wunderbares Arbeiten in Zürich

Gestresste Zürcher reiben sich die Augen: Eine Amerikanerin vermisst die Schweiz – wegen der paradiesischen Arbeitsbedingungen.

Begeistert von den Arbeitsbedingungen für Teilzeit-Angestellte: Die Autorin Chantal Panozzo nach der Geburt ihrer Tochter 2011 in der Schweiz.

Begeistert von den Arbeitsbedingungen für Teilzeit-Angestellte: Die Autorin Chantal Panozzo nach der Geburt ihrer Tochter 2011 in der Schweiz. Bild: writerabroad.com

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Chantal Panozzo ist hoch motiviert, als sie nach ihrem Masterstudium in Kommunikation ins Berufsleben einsteigt. Für ihren Traumjob, Texterin in einer amerikanischen Werbeagentur, akzeptiert sie einen Jahresverdienst von 30'000 Dollar und unbezahlte Überstunden, auch in den Ferien und an Wochenenden. Solche Arbeitsbedingungen sind in der US-Werbebranche üblich. «Kreative nehmen keine Ferien» lautet ein Bonmot.

Ständig muss die junge Texterin erreichbar sein, gemeinsame Abendessen mit dem Ehemann sind selten. Panozzo hält durch, weil sie sich einredet, dass sie nur so weiterkommt. Dann erhält ihr Ehemann ein Stellenangebot in der Schweiz. Als die damals 28-Jährige ihren Job in der Agentur kündigt, fühlt sie sich wie ein «Häftling, der freigelassen wird». 2006 zieht die Amerikanerin mit ihrem Mann nach Baden («a spa town near Zürich») und wird zum Expat – bis sie 2014 aus familiären Gründen in ihre Heimat zurückkehrt.

Die Nachbarin und der Wäschetrockner

Vielen Ehepartnern von Mitarbeitern, die ins Ausland entsandt wurden, droht ein Leben als «trailing spouse», als Anhängsel ohne Arbeitserlaubnis. Nicht so Panozzo. Ihr Glück: Es gibt in der Schweiz einen Arbeitsmarkt für englischsprachige Texter. Bald findet sie eine Stelle in einer Werbeagentur, die sie beim Antrag auf ein Visum in der Schweiz unterstützt. Daneben schreibt sie Artikel für amerikanische Zeitungen und veröffentlicht 2014 das Buch «Schweizer Leben: 30 Dinge, die ich gerne gewusst hätte».

In ihren Texten setzt sich die Expat-Autorin mit der Schweiz auseinander, erzählt von den Alphornkursen ihres Mannes und Begegnungen mit ihrer Nachbarin Regula, die sie regelmässig belehrt habe, wie man den Wäschetrockner richtig entfluse. Die Schweiz kommt dabei nicht nur gut weg (hohe Preise, Sprachbarriere, weniger Emanzipation). Das hiesige Arbeitsleben aber ist das Paradies, glaubt man der Autorin.

Werbung für die Schweiz

In einem kürzlich erschienenen Artikel in der «New York Times» singt Panozzo eine Lobeshymne auf das Schweizer Modell. Denn statt sich wie in Amerika für wenig Geld abzuschuften, konnte Panozzo als Texterin in der Schweiz auch Teilzeit arbeiten – und verdiente dabei mehr als für eine Vollzeitstelle in den USA. Wenn sie Überstunden leistete, zahlte ihre Agentur sie dafür. Anstelle von zwei Wochen hatte die Texterin fünf Wochen Ferien.

«Statt mich wegen Wochenenden und Ferien voller Arbeit zu sorgen, plante ich Ausflüge wie meine Arbeitskollegen: Paris. Prag. Zermatt. Zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben hatte ich das Gefühl, tatsächlich zu leben. Meine Kreativität blühte auf. Ich hatte Zeit und Geld, und weil ich echte Freizeit hatte, war ich produktiver, während ich arbeitete», schreibt die Werbetexterin, die schon für Swiss oder Julius Bär gearbeitet hat.

Panozzos Werbung für die Schweiz ist auch Kritik an Amerika. Nach fast zehn Jahren ist sie jetzt zurück in den USA, arbeitet als freischaffende Autorin und Texterin und sucht nach einer Festanstellung. Sie schildert, wie sie in Anstellungsgesprächen mit ihren «radikalen Schweizer Ideen» anstosse. Amerika scheint nicht bereit für vier Wochen Ferien oder Teilzeitarbeit.

«Amerikaner leben, um zu arbeiten. Das ist kulturell tief verwurzelt. Wenn wir nicht beschäftigt sind, sind wir nichts wert», schreibt Panozzo. Wie lange sie noch am amerikanischen Arbeitsleben teilnehmen werde, weiss die Autorin nicht. Sie bewirbt sich auch um Stellen in Europa. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.10.2015, 16:54 Uhr)

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Chantal Panozzo.

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