Klischees auflösen

Eine neue, starke Stimme gesellt sich zu den amerikanischen Autorinnen afrikanischer Herkunft. Die 34-Jährige Imbolo Mbue hat den Roman der Stunde geschrieben.

Die gbürtige Kamerunerin lebt und arbeitet in New York.

Die gbürtige Kamerunerin lebt und arbeitet in New York.

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Jende und Neni Jonga sind zu Beginn des Romans ein glückliches Paar. Trotz seines prekären Status als Asylbewerber in den USA hat Jende einen Job als Chauffeur gefunden; er fährt den Wallstreet-Banker Clark Edwards und seine Familie zu Meetings und Empfängen, zur Schule und in die Klavierstunde. Der reiche New Yorker und der ehrgeizige Immigrant aus Kamerun verstehen sich blendend, und bald kann Neni da und dort im Haushalt der Edwards aushelfen und sich bei den abgelegten Designerkleidern der Dame des Hauses bedienen. Am Horizont sehen die Jongas ein Einfamilienhaus und den Sohn, der Medizin studiert. Doch als die Lehman Brothers kollabieren, bricht das schöne Leben zusammen wie ein Dominospiel.

Imbolo Mbue, 1982 in Kamerun geboren und seit zehn Jahren in New York ansässig, orientiert sich bei der Schilderung der beiden Familien auf den ersten Blick ganz am Klischee von Arm und Reich, Schwarz und Weiss. Die Jongas sind trotz harter Arbeit voller Lebensfreude, während die Edwards erstarrt sind in ihrer Angst vor dem Statusverlust. Doch ganz allmählich lösen sich die Klischees auf. Dahinter offenbart sich eine kluge Romankonstruktion, deren Prinzip in der Auflösung aller konfektionierten Träume und vermeintlichen Wahrheiten besteht. Die Figuren müssen radikal ihren eigenen Weg suchen, und der führt in ungeahnte Dunkelheiten. Die Autorin begleitet sie dabei immer mit einem liebevollen Blick, lässt sie über weite Strecken selbst zu Wort kommen und urteilt nie.

Imbolo Mbue hat mit ihrem Debüt «Das geträumte Land» den Roman der Stunde geschrieben. Gerade weil sie ganz bei den Figuren bleibt und sich, anders als ihre nigerianisch-amerikanische Kollegin Chimamanda Ngozi Adichie nicht für explizite Reflexion und Analyse interessiert, macht sie die Verhärtung der amerikanischen Gesellschaft unter Trump bis in ihre feinsten Verästelungen greifbar.

Donnerstag, 19.30 Uhr, Literaturhaus. (Zueritipp)

Erstellt: 15.03.2017, 17:02 Uhr

Noch mehr starke Stimmen

Chimamanda Ngozi Adichie
977 in Nigeria geboren, ist die bekannteste unter den Autorinnen afrikanischer Herkunft. Ihr Blick auf Globalisierung und Migration ist dezidiert feministisch.

Taiye Selasie
1979 in London geboren, hat den Begriff der «Afropolitin» geprägt für Autorinnen, die zwischen den Kontinenten unterwegs sind.

NoViolet Bulawayo
1981 in Zimbabwe geboren, hat mit «Wir brauchen neue Namen» (Suhrkamp 2014) eins der literarisch aufregendsten Bücher über afrikanisch-amerikanische Identität geschrieben.

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