Raver im Rollstuhl

Acht Menschen mit Muskeldystrophie zeigen im Stück «Beat - Me - Mich» ihren Alltag und ihre Zukunftsvisionen. Der «Züritipp» hat eine Probe besucht.

Nicht nur die rote Brille ist von HR Giger inspiriert.

Nicht nur die rote Brille ist von HR Giger inspiriert.

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Freitagnachmittag, zwei Wochen vor der Premiere: Die Probe für das Musiktheater «Beat – Me – Mich» wird kurz unterbrochen. Das Ensemble fährt raus an die Sonne. Danach wird Lulzim Plakolli seinen Song üben – und dafür von seinem Beatmungsgerät genommen. Schauspielerin und Pflegerin Sandra Utzinger übernimmt die überlebenswichtige Beatmung mittels Beutel. Die Band spielt, Plakolli singt: «Beatme mich. Deine Hände bewegen sich. Deine Hände bewegen mich.» Das Zischen des Beatmungsgeräts vermischt sich mit der Melodie. Für uns ist das ungewohnt, ja fast beängstigend. Für Plakolli und die anderen Schauspieler ist das Alltag: Sie alle haben progressive Muskeldystrophie und werden beatmet. Die dafür nötigen Geräte und Schläuche sind oft abgedeckt und verstaut. Im Stück werden sie gezeigt. «Es ist gut, wenn die Leute solche Sachen sehen», erklärt Plakolli. Wie das restliche Ensemble möchte er vermitteln: «Unser Leben ist normal. Wir können vieles, was andere auch können – sogar schauspielern.»

Unter der musikalischen Leitung von Jörg Köppl und der Regie von Tim Zulauf führen acht Menschen im Rollstuhl, zwei Performerinnen und das Musikensemble ?Metaanoia «Beat – Me – Mich» auf. Das Stück verknüpft eine Science-Fiction-Geschichte – in einem Labor werden Gene ­manipuliert – mit biografischen und fiktiven Erzäh­lungen. Zulauf selbst war überrascht, wie das Ensemble sein Leben lebt. «Als Nichtbehinderter konnte ich mir beispielsweise nicht vorstellen, dass sie ein eigenes Partylabel haben.» Die Feierlust der jungen Menschen hat auch zum Stück geführt: ­Vor drei Jahren wollten die Freunde und Mitbewohner – fast alle leben im Zürcher Mathilde-Escher-Heim – mit einem eigenen Love-Mobile an die Street-Parade. Die Gestaltung des Gefährts wäre an die biomechanische Kunst von HR Giger angelehnt gewesen.

Eine Idee, für die dieser Interesse signalisierte. Doch Giger verstarb während der Planung. Das Love-Mobile wurde aus Sicherheitsgründen abgelehnt: Die Rollstuhlraver könnten sich zu wenig schnell in Sicherheit bringen, hiess es. Doch die Idee, Mensch, Musik und Maschine künstlerisch miteinander zu verbinden, ist geblieben. Der Künstler und Komponist Jörg Köppl, der Teilzeit im Heim arbeitet, hat sie weiter vorangetrieben – und holt auch HR Giger für eine kurze Szene zurück.

Mittwoch, 20 Uhr, Gessnerallee. (Zueritipp)

Erstellt: 10.05.2017, 15:40 Uhr

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