Ein Restaurant wie eine Zeitreise

In der noblen Casa Ferlin hinter dem Stampfenbachplatz scheint die Zeit stillzustehen. Die Preise sind gehoben, doch man bekommt viel geboten fürs Geld – nicht nur kulinarisch.

Seit 1955 ist die 1907 gegründete Casa Ferlin in diesen Räumlichkeiten zu Hause.

Seit 1955 ist die 1907 gegründete Casa Ferlin in diesen Räumlichkeiten zu Hause. Bild: Thomas Burla

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Die Casa Ferlin gilt als gleichermassen ausgezeichnetes wie kostspieliges Lokal, dabei ist sie viel mehr als das. Sie ist ein Stück Zürcher Gastronomie­geschichte, ein reizendes Museum mit schweren roten Vorhängen, Kronleuchtern und Tischlampen, die der Kulisse eines Sechziger­jahrefilms entnommen scheinen. Während wir die Speisekarte studieren, flambiert ein Kellner mit rotem Jackett und gelber Fliege am Nebentisch eine Kalbsniere und bereitet gleich noch mit ein paar routinierten Handgriffen die Senfsauce für die Innerei zu. Alleine hierfür könnte man eigentlich Eintritt verlangen.

Unsere Wahl fällt auf das Abendmenü für 108 Franken, das aus zwei Vorspeisen, einer Erfrischung, einem Hauptgang sowie einer Dessertvariation besteht und eine Reihe von Auswahlmöglichkeiten bietet. Sowohl das Rindscarpaccio mit Parmesan und Rucola als auch der halbe Hummer mit fein geschnittenem Salat sind untadelig, die Ravioli mit Kalbfleischfüllung so herausragend wie ihr Ruf. Mehr als ein wenig Butter brauchts als Begleitung zu diesen filigranen Teigtaschen nicht. Wir sind im siebten Pastahimmel.

Vor dem Hauptgang gibts wie in alten Zeiten einen Sgroppino, einen im Proseccoglas servierten Mix aus Zitronensorbet, Wodka und Schaumwein. Wieder ein Grund, dieses auf wundersame Weise aus der Zeit gefallen wirkende Lokal zu lieben.

Dann schlägt die Stunde der Butter: Grosszügigst verteilt, schmiegt sie sich um die herr­lichen tiefgelben Taglierini – sie sind natürlich hausgemacht – und den recht weich gekochten, so aber sehr schmackhaften Broccoli, die beiden Beilagen zu unseren Fleischgerichten. Zum zarten, mit vorbildlicher Kruste versehenen und innen blutigen Rindsfilet gehört eine ordentliche Portion Steinpilze, die delikaten Kalbsfilettran­chen liegen derweil in einer perfekt austarierten Zitronensauce. Das ist natürlich keine innovative oder moderne Küche, aber perfekt, so wie es ist.

Einzig die Dessertvariation – Panna cotta mit gewaltig viel Gelatine und Beerensauce, sehr feste, aber sonst gute Mousse au Chocolat und Cassata (wer zum Teufel mag eigentlich Cassata?) – ist nicht wirklich unser Fall. Dafür ist der Espresso wieder formidabel – und ein besserer Service dürfte in Zürich kaum zu finden sein. Wer rauchen möchte, muss bei schlechter Witterung nicht nach draussen, sondern setzt sich einfach ins gemütliche Fumoir im hinteren Teil des Lokals. Hätten wir die Zeit und das Geld dazu, wir würden wohl jeden Tag in der Casa Ferlin essen.

Stampfenbachstrasse 38, 8006 Zürich wwww.casaferlin.ch (Zueritipp)

Erstellt: 12.04.2017, 15:11 Uhr

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In dieser Serie testen unsere Gastrokritiker alle 14 Tage ein Lokal, das die Leser aus drei Vorschlägen mittels Onlineabstimmung aus­wählen: www.tagesanzeiger.ch/forum

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