Lottoscheine im Taifun

Ein nichtsnutziger Schriftsteller steht im Zentrum dieses Films von Hirokazu Kore-Eda, dem Spezialisten für verkorkste Familien.

Einst war Ryota (l.) ein aussichtsreicher Autor, heutzutage setzt er seine Hoffnungen in Lottoscheine.

Einst war Ryota (l.) ein aussichtsreicher Autor, heutzutage setzt er seine Hoffnungen in Lottoscheine.

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Ryota hat eine grosse Zukunft hinter sich: Gleich sein erster Roman wurde mit einem Preis ausgezeichnet. Doch das ist 15 Jahre her, und danach ist einiges schiefgegangen in seinem Leben: Seine Frau Kyoko hat sich von ihm scheiden lassen, weil er alles Geld, das er verdient, bei Wetten verzockt. Jetzt arbeitet er bei einem Privatdetektiv – wie er sagt, um Material zu sammeln für einen neuen Roman. Aber von dem geplanten Buch gibt es nicht mehr als eine Wand voller Post-it-Zettelchen, auf die Ryota Sätze notiert, die er aufschnappt.

Weil er schon wieder mit dem Geld für seinen Sohn Shingo im Verzug ist, erpresst er Kunden der Detektei und versucht sogar, die eigene Mutter zu bestehlen, die in einem ?Sozialbau wohnt. Dort treffen Ryota, Kyoko und Shingo zusammen, kurz bevor ein Taifun ausbricht.

Wäre «After the Storm» ein amerikanischer Film, würde das Wüten des Sturms wohl dazu führen, dass die Mitglieder dieser zerbrochenen Familie wieder zueinanderfinden. Doch der Film stammt vom ­Japaner Hirokazu Kore-Eda, und der ist Spezialist für kaputte Familien, man denke nur an «Like Father, Like Son» (2013). Die Besetzung ist hervorragend: Ryota wird vom gut aussehenden, 1,89 Meter grossen, höchst sympathischen Hiroshi Abe gespielt, weshalb man diesem Nichtsnutz die Daumen drückt, auch wenn er einen Blödsinn nach dem anderen macht. Kilin Kiki verkörpert die Mutter, die gern hilflos tut, um ihre Kinder umso effizienter manipulieren zu können. Überhaupt zeichnet diesen Film eine stille Komik aus: Sei es, dass die Mutter Ryota vormacht, wie sie ihn als Gespenst heimsuchen wird, falls er ihr keine neue Wohnung kauft. Oder wenn sich Ryota und sein 13-jähriger Sohn während des nächtlichen Taifuns zwecks Förderung ihrer Beziehung auf den Kinderspielplatz stehlen – und dann mitten im Sturm nach verlorenen Lottoscheinen suchen müssen.

Sein Film handle vom Versuch, der Mensch zu werden, der man gern wäre, schreibt Kore-Eda. Ausserdem sei er eine Reaktion auf den Tod seiner Eltern. Sollte er nach seinem eigenen Tod gefragt werden, was er auf Erden getan habe, würde er wohl als Erstes «After the Storm» zeigen. Zu unserem Glück brauchen wir nicht bis nach unserem Tod zu warten, sondern können diesen wunderbaren Film jetzt schon im Kino sehen. (Zueritipp)

Erstellt: 15.03.2017, 16:26 Uhr

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