Wo es von unten leuchtet

Das unabhängige Kino aus China zeigt subversive Alltagsbilder, denn seine Helden sind Wanderarbeiter oder frustrierte Teenager. Bis Mitte Februar präsentiert eine Reihe im Filmpodium 15 Beispiele aus den letzten Jahren.

Dieses Mädchen ist fasziniert vom Glamour, den ihr das Handy zeigt («Out of Focus»).

Dieses Mädchen ist fasziniert vom Glamour, den ihr das Handy zeigt («Out of Focus»).

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Eine Grundschule in der chinesischen Grossstadt Wuhan. Die Lehrerin gibt ihren Schützlingen das Thema für die folgende Unterrichtsstunde vor: «Wir lieben unsere Heimat.» Sie sollen ein Haus malen, aber nicht ein solches wie das, in dem sie mit ihren Eltern wohnen, sondern ein Haus auf dem Land. Ein hübsches Gebäude auf einem Hügel, viel Grün drum­herum, und bitte den adretten Schornstein nicht vergessen. Der Dokumentarfilm «Out of Focus» beendet diese Szene mit einem harten Schnitt auf das, was in Wuhan Heimat tatsächlich heisst: ein vielstöckiges Miethaus, vergitterte Fenster, Sperrmüll auf der Strasse, keine Spur von grünen Bäumen, nicht einmal von blauem Himmel.

Für den grössten Teil seiner Laufzeit bleibt «Out of Focus» im Innern eines solchen Hauses. Der erste abendfüllende Film der Regisseurin Zhu Shengzhe dokumentiert in langen Einstellungen den Alltag der 13-jährigen Qin, die mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in einer überfüllten Wohnung lebt. Und die sich nach einem anderen Leben sehnt. Nicht nach einem Haus im Grünen, sondern nach dem urbanen Glamour, an den sie über den Bildschirm ihres Mobiltelefons angeschlossen ist. Wieder und wieder beugt sie sich über das leuchtende Gerät, wie versteinert steht sie da, während um sie herum die von ihr verachtete Mutter mit Hausarbeiten beschäftigt ist. «Out of Focus» ist eine von vielen Entdeckungen in der Reihe China Independent 2017, die das Filmpodium bis Mitte Februar zeigt. Das Programm versammelt 15 Werke aus den letzten Jahren. Die Mach- und Tonart ist unterschiedlich – allerdings fällt auf, dass auch die fiktionalen Filme mit Alltagsbeobachtungen und einer rohen Ästhetik arbeiten. Das Herz des unabhängigen chinesischen Kinos schlägt dokumentarisch. Und seine zentralen Protagonisten sind die normalerweise unsichtbaren Abgehängten des chinesischen Wirtschaftswunders: die verarmte Landbevölkerung, von Ort zu Ort driftende Wanderarbeiter – oder einfach nur frustrierte Teenager wie eben Qin, die erkennen müssen, dass die kapitalistischen Versprechungen längst nicht für alle gelten.

Auch den technischen Minimalismus vieler Filme des Programms kann man als politisches Statement verstehen: gegen die glänzenden Oberflächen sowohl der staatlichen Propaganda als auch der neuen schönen Medienwelt. Besonders eindrücklich ist das im Werk Wang Bings, der mit gleich drei Arbeiten im Programm vertreten ist. Um seine oft vielstündigen Filme zu erschaffen, benötigt er nicht mehr als eine handelsübliche Digitalkamera, ein paar Speicherkarten und viel Geduld. In dem umwerfenden «Ta’ang» sitzt er gemeinsam mit Flüchtlingen aus Burma, die im Süden Chinas ein Leben in maximaler Unsicherheit leben, am Lagerfeuer. Dessen ?flackerndes Licht verbreitet bald auch im Kinosaal eine hypnotische Atmosphäre.

Noch radikaler ist nur «Welcome» von Zhu Rikun. Der Regisseur wird während Recherchearbeiten für ein künftiges Projekt von einem Behördenvertreter festgehalten. Der ist so versessen darauf, das Bildmaterial, in dem er subversive Botschaften vermutet, in die Hände zu bekommen, dass er ein verborgenes Mikrofon übersieht. Mit dessen Hilfe zeichnet Zhu ein mäanderndes, in seiner Absurdität oft schreiend komisches, zwischen leutseligen Essenseinladungen und kaum verhohlenen Drohungen hin- und herpendelndes Gespräch auf.

Die Leinwand bleibt derweil konsequenterweise fast durchweg schwarz. Ein Film, der zeigt, dass gutes dokumentarisches Kino im Ernstfall nicht einmal auf Bilder angewiesen ist.

Bis 12.2, Filmpodium. www.filmpodium.ch (tipp)

Erstellt: 10.01.2017, 15:25 Uhr

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