«Ausgrabungen sind wie Chirurgie»

Der Archäologe Franck Goddio taucht seit Jahrzehnten nach Spuren alter Kulturen. Seine Funde sind nun in Zürich zu sehen.

Ganz so zugänglich dürften sich die Fundgegenstände Franck Goddios Team nicht präsentiert haben.

Ganz so zugänglich dürften sich die Fundgegenstände Franck Goddios Team nicht präsentiert haben.

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Franck Goddio, Sie suchen seit dreissig Jahren auf dem Meeresgrund nach Spuren der Vergangenheit und scheinen begeistert wie am ersten Tag. Wie machen Sie das?
Es war schon immer mein Traum, Nachrichten aus der Vergangenheit zu finden und zu entschlüsseln. Ich möchte möglichst genau verstehen, wie die Menschen in der jeweiligen Zeit gelebt haben. Das begeistert mich heute noch genauso wie zu Anfang.

Wie gut ist es möglich, das Alltagsleben der Menschen im alten Ägypten zu rekonstruieren?
Die Wohnhäuser der normalen Bevölkerung existieren nicht mehr, denn die Leute bauten ihre Häuser aus Lehmziegeln, die die lange Zeit im Wasser nicht überdauert haben. Nur die Bauten aus Stein, wie beispielsweise die Tempelanlagen, stehen noch. Aber auch Gegenstände aus Metall oder Holz können uns viel über das Leben der alten Ägypter verraten.

Bitte, erzählen Sie.
Wir haben die Überreste von 70 antiken Schiffen gefunden. Sie zeigen, dass Thonis-?He­raklion ein wichtiger Hafen für den Handel im Mittelmeerraum war. Verschiedene Kulturen kamen hier zusammen. Und es fanden bedeutende religiöse Zeremonien statt.

Zu Ehren von Osiris, der im Mittelpunkt der Ausstellung steht?
Ja. Jedes Jahr fand eine Zeremonie statt, die einerseits die Herrschaft des amtierenden Pharaos zementieren sollte und andererseits Osiris ehrte. So wollten die Menschen sicherstellen, dass die Fluten des Nils das Land fruchtbar machten. Denn Osiris war auch der Gott des Nils.

Weiss man, wie diese Zeremonien abliefen?
Es gab eine Prozession entlang des Kanals, welcher die beiden Städte Thonis-Heraklion und Kanopus miteinander verband. Auf der Strecke stellten die alten Ägypter die Legende des Osiris nach. Dieser zufolge wurde Osiris von seinem Bruder Seth ermordet, aber anschliessend von seiner Schwester und Geliebten Isis wieder zum ?Leben erweckt. Wir sind bei unseren Tauchgängen auf eine Barke gestossen, die Teil dieses ?Rituals war, sie lag tief im Sand vergraben. Ausserdem haben wir Öllampen gefunden und kleine Bleimodelle von Schiffen, deren genaue Funktion wir derzeit aber noch nicht kennen.

Wie weit lagen die beiden Städte Kanopus und Thonis-Heraklion denn auseinander?
Es sind nur wenige Kilometer. Kanopus liegt näher an der heutigen Küste, Thonis-Heraklion ist rund 6,5 Kilometer vom Land entfernt. Kanopus galt in späteren Zeiten übrigens als Stadt der Sünde, verschiedene römische Quellen berichten davon, wie in der Stadt ausgiebigst gefeiert wurde. Die Christen bauten dort später ein Kloster.

Warum sanken die Städte überhaupt auf den Meeresgrund? Und wann?
Vor fast 1200 Jahren. Sie waren im Nil­delta auf unsicherem Grund gebaut worden. Ein schweres Erdbeben im neunten Jahrhundert nach Christus löste eine Flutwelle aus, und die legendären Orte versanken im Meer.

Wie schwierig sind die Grabungen unter Wasser?
Wir müssen sehr langsam vorgehen und versuchen, die Fundstelle jeweils so wenig wie möglich zu stören. Gleichzeitig müssen wir mit einer Art Staubsauger den ganzen Sand rund um die Funde entfernen. Ich würde es mit der Schlüsselloch-Chirurgie in der Medizin vergleichen. Auch die Bergung vor allem schwerer Objekte stellt uns vor Herausforderungen. Unter Wasser sind die tonnenschweren Statuen viel leichter.

Graben Sie das ganze Jahr?
Nein, die Bedingungen sind jeweils im Mai und im Juni sowie von September bis November am besten. Weil die Fundstätte vor Alexandria nicht allzu tief liegt, können wir am Vormittag zwei Stunden und am Nachmittag zweieinhalb Stunden tauchen.

Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr Bis 16. Juli im Museum Rietberg. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2017, 16:09 Uhr

Zur Ausstellung

Die Hintergründe
Die Ausstellung Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens basiert auf Franck Goddios Entdeckung der antiken Städte Heraklion und Kanopus in der Bucht von Abukir im Jahr 2000. Die Ausstellung wurde zuvor im Institut du monde arabe in Paris (2015) sowie im British Museum in London (2016) gezeigt.

Die Ausstellungsstücke
Neben einer Vielzahl an Alltagsgegenständen aus der ägyptischen Spät- bzw. griechisch-römischen Zeit gibt es auch eine mehrere Meter hohe Statue des Gottes Osiris zu sehen – und Goddios Lieblingsfund: eine Schrifttafel, die offenbarte, dass die zuvor nicht zu lokalisierende Stadt Thonis identisch mit Heraklion ist.

Das Rahmenprogramm
Führungen (ca. 60 Min., im Eintrittsticket inbegriffen): immer Mi 18 Uhr/Do 12.15 Uhr. Weitere Infos unter www.osiris-zuerich.ch

Franck Goddio, (70), stand mitten im Berufsleben als Finanz­berater, als er 1985 beschloss, sich fortan der Unterwasserarchäologie zu widmen. Seither führt der Franzose rund um den Erdball Tauchgänge im Auftrag verschiedener Nationen durch. 2009 wurde Goddio mit dem französischen Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet, seit demselben Jahr ist er Dozent am Archäologischen Institut der Oxford University. Goddio lebt in Paris und Madrid.(ZT)

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