Gefunden: Öl auf Leinwand

In Verkehrsmitteln vergessen wir Schirme und Jacken. Aber nicht nur: Eine Ausstellung am Talacker zeigt Kunstwerke, die in Bahn, Bus und Flugzeug liegen gelassen wurden.

Die Einsamkeit einer Zurückgelassenen: Das Porträt «Anna» lebt schon lange in diesem Keller.

Die Einsamkeit einer Zurückgelassenen: Das Porträt «Anna» lebt schon lange in diesem Keller.

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Nehmen wir an, sie heisst tatsächlich Anna. Wie es die Schrift auf der Rückseite des Bilds behauptet. Und nehmen wir an, jemand hat sie verletzt. Ihr Blick ist vom Betrachter abgewandt, ihre Augen wirken traurig. Anna, die Verlassene? Auf gewisse Weise schon. Denn sie verbrachte die letzten Jahre im Fundsachenverkauf in Wollishofen.

Hinten links im Laden führt eine schmale Treppe in den Keller. Dort, hinter allerlei Kisten und Karsumpel, in einem Stapel von Bildern auf einer Palette, lag sie: matte Gelb-, Braun- und Rottöne auf Zeichenpapier, Format A2, abgegeben am 1.4.99. Sie ist eines von 105 nicht signierten Porträts aus einer schwarzen Künstlermappe. Jemand hatte diese im Zug liegen lassen.

Alessa Widmer entdeckte Anna und die anderen vor zwei Jahren. Die Tochter der Betreiber des Fundsachenverkaufs studiert Kunstgeschichte. Mit ihrer Kommilitonin Carla Peca durchstöberte sie eines Tages die Stapel von Bildern im Keller. Und stiess auf die schwarze Mappe. «Bravo, irgendwelche schlechten Skizzen», dachte Widmer im ersten Moment. Doch dann sah sie die Porträts, und die Idee für eine Ausstellung mit verlorenen Kunstwerken war da.

Im Fundsachenverkauf bei der Haltestelle Morgental landet alles, was Reisende in Bus, Zug und Flugzeug so liegen lassen. Und sie lassen vieles liegen: Langlaufski, Kinderwagen, Uhren. Und Kunst. Die meisten der Gegenstände finden früher oder später wieder einen Besitzer. Nur mit den Bildern ist es so eine Sache. In den Fundsachenverkauf kommt, wer eine günstige Sonnenbrille sucht; kaum, wer Kunst kaufen will. In etwas mehr als zehn Jahren hat sich so einiges angesammelt – Skizzen, Fotos, sogar Ölgemälde namhafter Künstler.

Vor einem Jahr begannen Widmer und Peca mit ihren Kommilitonen Annina Kapferer und Joel Spiegelberg die Ausstellung zu planen. Dazu mussten sich die vier zunächst einmal einen Überblick verschaffen. In unzähligen Arbeitsstunden entzifferten sie Signaturen, recherchierten Namen in Archiven, konsultierten Stilexperten. Über hundert Werke erfassten sie so. Und immer machten sie sich Gedanken über die Geschichten hinter den verloren gegangenen Bildern. «Vor allem bei Werken, die uns gefallen, stellten wir oft Überlegungen bezüglich der Herkunft an», sagt Widmer.

Nicht immer, aber immer wieder lüfteten sie Geheimnisse. Da gibt es etwa das kleine Holzbild, auf dessen Rückseite «For Dan» steht. Die vier machten den Künstler ausfindig und erfuhren, dass der es für seinen Freund Dan aus Malaysia ­angefertigt hatte. Doch Dan wurde auf dem Weg zum Flughafen der Rucksack gestohlen. Mitsamt dem Bild. Nach der Ausstellung wird er es endlich zurückerhalten.

Solchen und ähnlichen Geschichten soll auch die Fundkunst-Ausstellung gerecht werden. In einem leer stehenden Ladenlokal am Talacker wird ein Teil der Bilder an aufgetürmten Palettboxen hängen – eine Anspielung auf den Keller, in dem sie lagerten. Besucher können sich am Entziffern der Künstlersignatur versuchen. An einem Abend werden Autoren erfundene Geschichten zu den verlorenen Werken erzählen. Und natürlich sollen möglichst viele der Bilder ein neues Zuhause finden. Was ausgestellt ist, steht zum Verkauf oder wird am Schluss versteigert. In der Ausstellung hängen wird auch Anna. Vielleicht erhält auch sie ihre Geschichte. Oder noch besser: Vielleicht weiss ein Besucher, wer sie war, wer sie malte, die Traurige aus dem Keller im Fundsachenverkauf.

Talacker 42.
Vernissage, Fr 18 – 21 Uhr
www.fundkunst.ch (Zueritipp)

Erstellt: 15.03.2017, 17:21 Uhr

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