Die Jagd nach dem stillen Moment

Der renommierte Fotoreporter Dominic Nahr findet in Krisenregionen schöne und stille Momente. Über einen Getriebenen, der auszog, die Realität zu sehen.

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Eigentlich will Dominic Nahr nicht in den Südsudan. Das Land ist kompliziert: das Visum, die Zöllner, die wieder das Gepäck durchsuchen werden, die Regenzeit. Wenn die Strassen und Landepisten überschwemmt sind, kommt man nirgends hin. Oder man kommt hin, aber nicht mehr weg. Ja, eigentlich will er nicht in den Südsudan, aber er weiss: Sobald er dort ist, wird er glücklich sein.

Es ist Ende April, und der Schweizer Fotograf Dominic Nahr wird in wenigen Tagen einen Journalisten in den Südsudan begleiten. 2011 war er schon dort, als der Staat unabhängig wurde. Später erlebte er mit, wie die Euphorie jener Tage Gewalt und Elend wich – der Grenzkrieg mit dem Sudan, der Bürgerkrieg, die Hungersnot. Nahrs Fotos aus diesen Jahren zeigen Mütter, die in der Abenddämmerung mit ihren Kindern durch Sümpfe fliehen; hungernde Flüchtlinge, die sich in Höhlen vor dem Krieg verstecken; einen toten Soldaten, der in einem Ölsee treibt. Dieses Bild brachte ihm 2013 einen World Press Photo Award ein.

Der 33-Jährige gehört derzeit zu den renommiertesten Reportagefotografen. Seit über zehn Jahren berichtet er von den Krisenherden dieser Welt – Haiti nach dem Erdbeben, die Aufstände in Kairo, Fukushima nach Tsunami und Reaktorunglück. Seine Bilder erscheinen in «Time Magazine» oder «National Geographic». 2010 wurde er gar Nominee bei Magnum, der berühmten Agentur.

Leben in der Boomstadt Nairobi

Jetzt bereitet sich Nahr also in Nairobi auf die nächste Reise vor. Seit bald zehn Jahren lebt er nun schon in Kenias Hauptstadt; hat miterlebt, wie über die Jahre mehr und mehr Hochhäuser, Einkaufszentren und Schnellstrassen die grüne Metropole zu prägen begannen. Nairobi ist eine Boomstadt. Dennoch läuft nicht immer alles rund: Telefonverbindungen halten manchmal nicht lange, das schwache Internet lässt Skype-Verbindungen nur ohne Bild zu. Wer dieser Tage mit Nahr spricht, für den ist er lediglich eine sonore Stimme. In dieser schwingen Witz, vor allem aber Enthusiasmus und Ernst mit. Denn was Dominic Nahr antreibt: Er will zeigen, was in Ländern wie dem Südsudan los ist, er will die Menschen in den Industrieländern wachrütteln.

Dominic Nahr ist ein internationaler Mensch, sein Ostschweizer Akzent ist gespickt mit englischen Ausdrücken. 1983 in Heiden, Appenzell Ausserrhoden, als Sohn eines Transportunternehmers und einer Reiseleiterin geboren, wächst Nahr in Hongkong auf; später studiert er Filmwissenschaften und Fotografie in Toronto. Es ist der Fotograf und Pulitzerpreisträger Hubert Van Es – ein Freund der Familie –, der Nahrs Fotos sieht und ihm ein Praktikum bei der «South China Morning Post» verschafft. Zwei Jahre arbeitet Nahr für die Zeitung. Doch er will mehr. Als Jugendlicher hatte er im Foreign Correspondents’ Club in Hongkong die Ikonen gesehen – diese berühmten Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg und Vietnam, die um die Welt gingen. Jetzt will er selbst da hin, wo etwas passiert, wo er die Realität sehen kann. 2006, mit 23 Jahren, reist er zum ersten Mal für eine Reportage in ein Krisengebiet. Osttimor. Dort waren nach Protesten von Soldaten gewaltsame Unruhen ausgebrochen. In der ersten Nacht im Land zieht er los, vorbei an brennenden Häusern. Er schiesst sein erstes starkes Bild, fühlt sich wohl. «Da wusste ich: Der Beruf ist für mich.»

Ungeliebter Begriff Kriegsfotograf

Zwei Jahre später arbeitet Dominic Nahr zum ersten Mal in Afrika. Es ist der Boden, der ihn auf dem Kontinent halten wird: dieses dunkle, intensive Rot der Erde im Osten des riesigen Kongo. Der Schweizer war in das zentralafrikanische Land gereist, um den verheerenden Bürgerkrieg zu dokumentieren. Damals packt ihn diese Region und lässt ihn nicht mehr los. Kurz nach der Reportage zieht er nach Nairobi. Sein Schaffen fokussiert er seither auf Somalia, Mali, die Demokratische Republik Kongo und den Südsudan. Wenn Dominic Nahr von diesen Ländern erzählt, werden seine Sätze schneller, erhält seine Stimme mehr Druck. Aus westlicher Sicht sind diese Staaten gescheitert, doch die Menschen dort bestreiten alle einen Alltag. Sie müssen funktionieren, leben, überleben. Das will Dominic Nahr zeigen.

Er mag denn auch die Bezeichnung Kriegsfotograf nicht: «Mich interessiert nicht der Moment des Konflikts; mich interessiert, was drumherum geschieht – die quiet moments.» Da ist zum Beispiel der Mann, der im Hafen von Mogadiscio ins Wasser springt. Oder das Pferd in Mali, das hinter einer Mauer hervorlugt, auf die jemand ein Pferd gezeichnet hat. Was diese Fotos ausmachen: Sie sind unaufgeregt, berührend, ja, manchmal sogar humorvoll. «Ich empfinde eine Liebe für diese Länder», sagt Nahr, «ich will ihre Magie abbilden, ihre Schönheit.»

Damit solche Fotos entstehen können, muss sich Nahr ganz dem Moment hingeben. Denn ein gutes Bild braucht Intimität, das sagte schon der legendäre Fotograf Robert Capa. Dominic Nahr hat gelernt, den Menschen einfach zuzuhören, ohne Vorurteile auf sie zuzugehen. «Ich lese die Menschen, ihre Körperhaltung, wie sich ihre Augen bewegen. Und ich lese meine Umgebung, das Wetter, das Auto, das gerade an mir vorbeifährt – das bedeutet, Fotograf zu sein.» Und er hat auch gelernt, sich Zeit zu nehmen. Bei der kleinen Leica, mit der er arbeitet, muss er Fokus, Belichtung und Blende manuell einstellen. Das entschleunigt, lässt ihn sein Arbeitsgerät spüren – und lässt ihn die beschwerlichen Seiten seines Berufes vergessen. Zum Beispiel die Frage, wie er von A nach B kommt, welche Unterkunft wohl sicher ist, wo es sauberes Wasser gibt. Auch hier hat er sich über die Jahre Strategien zurechtgelegt. Stets packt er genügend Batterien für seine Kameras ein. Für jeden Tag, den er unterwegs ist, hat er einen Müesliriegel dabei. Und: Rehydrationssalz, WC-Papier, Malariapillen, Schmerzmittel. Nahr weiss blind, wo sich welcher Gegenstand in seinem Koffer befindet. Packen ist sein Ritual.

Im Zickzack gehen

Es ist jetzt Anfang Mai. Dominic Nahr ist noch immer in Nairobi. Die Reise in den Südsudan fiel in letzter Minute ins Wasser – die afrikanische Bürokratie. Zwei Wochen Vorbereitungen waren umsonst. Nahr ist frustriert, auch wenn er weiss: Auf diesem Kontinent führen gerade Linien oft nicht ans Ziel. Wer ankommen will, muss im Zickzack gehen. Trotz seiner Liebe zu Afrika spielt der Fotograf seit einiger Zeit mit dem Gedanken, aus Nairobi wegzuziehen. Er fühlt sich in der Stadt nicht mehr so zu Hause. Als Fotograf sollte man zudem immer mal wieder den Ort wechseln, weiss Dominic Nahr. Neue Perspektiven eröffnen. Was er aber auch weiss: Wohin auch immer es ihn verschlägt, fotografieren wird er immer in Afrika.

Fotostiftung Schweiz Winterthur Vernissage: Freitag, 18 Uhr. Bis 8.10. (Zueritipp)

Erstellt: 17.05.2017, 14:57 Uhr

Zur Ausstellung

Seit fast einem Jahrzehnt fotografiert Dominic Nahr auf dem afrikanischen Kontinent: Südsudan, Somalia, Mali und die Demokratische Republik Kongo. Im Westen sind die Konflikte in diesen Ländern oft nur Randnotizen. Mit seinen Bildern versucht Nahr den Blick auf die Region zu schärfen. Ja, hier gibt es Hunger und Tod, aber es gibt eben auch die magischen Momente im Alltag. Die Afrika-Retrospektive «Blind Spots» stellt die Fragen: Was kann eine Fotografie bewirken? Sollen wir hinschauen oder wegschauen? Und darf ein schreckliches Bild schön sein?

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