«Wenn du kopierst, bist du ein Toy!»

Die Beginner aus Hamburg sind mit dem Album «Advanced Chemistry» zurück. Ein Gespräch über das Ungute am einstigen Phrasendreschen und das Gute am heutigen Hip-Hop.

Die Füchse von der Elbe, die Beginner aus Hamburg (v.l.): Denyo, Eizi Eiz aka Jan Delay, DJ Mad.

Die Füchse von der Elbe, die Beginner aus Hamburg (v.l.): Denyo, Eizi Eiz aka Jan Delay, DJ Mad.

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Ihr macht seit 25 Jahren zusammen Musik. Wie pflegt ihr eure Freundschaft? Ruft der eine den anderen an und fragt: «Kommst du ins Kino?»
Denyo: Nein. Wir gehen nicht miteinander ins Kino.
Eizi Eiz: Aber wir gehen auch mit niemandem sonst hin. Wir gehen einfach nie ins Kino.
Denyo: Wir haben Familie und nicht so viel Zeit. Uns vereint das Musikmachen. Früher haben alle immer mit Konsolen gespielt. Wir haben auch gespielt, aber mit der Musik am Computer, und bei uns ist dann noch was Geiles entstanden. Das ist immer noch so, und das ist ja wie gemeinsam ins Kino gehen. Nur, dass wir gleichzeitig auch selbst den Blockbuster machen.

Und wie hat sich in der Zwischenzeit die Zusammenarbeit verändert?
Eizi Eiz: Das Schöne an Hip-Hop ist ja, dass du das überall machen kannst. Rhymebook raus und schreiben. Und heute geht das noch besser als früher. Jetzt packst du den Laptop aus und kannst gleich was über einen Beat texten. Egal, ob ich in Berlin bei Denyo oder Denyo bei mir und Mad in Hamburg ist. Wir sind mobiler als früher. Aber letztlich ist es das gleiche Zusammenkommen.

Ist das der einzige Unterschied zu früher?
Eizi Eiz: Bei der Produktion läufts mittlerweile natürlich auch anders. Nicht mehr so wie früher, als Bands wie zum Beispiel The Roots einfach ein exklusives Studio mieteten, das pro Stunde zwei-, dreihundert Dollar kostet, gemütlich beisammensassen, und dann gings am ersten Tag los mit «Ja, lass uns mal einen Beat machen» und «Ja, lass uns mal einen Text schreiben». Und hinten tickte die Uhr. Das ist der Wahnsinn.
DJ Mad: Das ist auch viel zu ineffizient. Bei unseren ersten Aufnahmen sass ich, während die beiden in der Kiste waren, um die Texte einzurappen, irgendwo in der Ecke und zockte auf meinem Game-Gear von Sega.

Wie habt ihrs geschafft, mit dem neuen Album nicht altbacken zu wirken, wie etwa Public Enemy, die Helden eurer Jugendzeit, mit ihrem neuen Projekt Prophets of Rage?
Denyo: Das ist die Antwort auf die Frage, warum wir beinahe 13 Jahre am Album hatten. Wir wollten nicht mit so halb garem, hängen gebliebenem Zeugs kommen.
Eizi Eiz: Wir sind ja Fans von der Musik und auch Fans von dem, was es jetzt aktuell zu hören gibt. Da wollten wir mithalten können. Deshalb ist unser Anspruch auch hoch gewesen.
Denyo: Wir haben auf ganz viele Details geachtet. Was ist zeitgemäss? Was ist zu zeitgeistig? Wir wollten einen geilen Twist aus Alt und Neu hinbekommen. Nur aus dem einen Grund: dass wir uns selber flashen.

Welchen Teil, denkt ihr, habt ihr zum Deutschrap beigetragen?
Eizi Eiz: Das ist eine Frage, die andere beantworten müssen. Käme ja derbe arrogant rüber, wenn wir da was sagen würden.
Denyo: Vielleicht kann man das anders fragen: Was war uns wichtig, in das Game mit reinzupacken?
Eizi Eiz: Das ist mal eine gute Frage! Da war anfänglich natürlich schon der Wille da, Politisches einzubringen. Unsere Vorbilder waren eben Public Enemy oder die deutsche Version davon: Advanced Chemistry.
Denyo: Irgendwann hat das dann die ganze Szene gemacht, es ging nur noch um die politische Phrase, hatte keinen Flow mehr. Wir wollten noch andere Leute erreichen als die, die selber diese Phrasen droschen. Wir wollten was mit Hand und Fuss. Eine lupenreine, unterhaltsame, echte Hip-Hop-Platte, wo jede Line stimmt. DJ Mad: Wir waren ja ein Teil dieser Golden Era, zusammen mit Freundeskreis, Fünf Sterne, Dynamite Deluxe und so weiter. Wir haben einen hochwertigen Standard mitentwickelt, der dann irgendwann Hip-Hop greifbar machte und einen Haufen Leute in eine Richtung gehen liess. Heute ist Hip-Hop wieder viel diverser. Da hast du die Orsons, die kompletten Neo-Irrsinn verbreiten, Emorapper oder Hulk Hodn in seiner 90er-Boom-Bap-Form. Das ist wunderbar. Es ist wieder viel mehr möglich.

Hat Hip-Hop noch einen Auftrag?
Eizi Eiz: Ja, den Auftrag, zu flashen und geil zu sein! Und Hip-Hop ist nach wie vor das, als was er angetreten ist: eine Kunstform, in der du dich mit anderen misst.
DJ Mad: Vielleicht noch der Aufruf zu Kreativität und Individualität. Auch das ist eine Lektion aus den Tagen von Advanced Chemistry: Sei originell! Egal ob du sprayst oder Musik machst. Mach was in deinem eigenen Style. Wenn du kopierst, bist du ein Toy.
Eizi Eiz: Offenheit.
Denyo: Wir sagen jetzt zum Beispiel nicht gleich, ein Typ sei Scheisse, nur weil er in einem Song «ficken» sagt und touretteartig rappt. Ich möchte verstehen, warum der so rappt, warum der das so macht und was daran noch geil ist. Und wenn man sich selber immer kritisch hinterfragt, bleibt man frischer im Kopf.
Eizi Eiz: Als ich als Jan Delay an verschiedene Veranstaltungen eingeladen wurde, wollten die Leute dauernd von mir hören, wie schlimm doch der Strassenrap sei. Damals drehte es sich um Bushido und Sido. Das finde ich aber gar nicht schlimm. Ich bin auch mit NWA auf­gewachsen. Nicht nur mit Public Enemy. Und es geht auch darum, dass man sich jene Offenheit bewahrt, die man selber von anderen erwartet.
DJ Mad: Beim aktuellen Album kam Jan mit der Idee, mit Gzuz zusammenzuarbeiten. Da hat keiner von uns irgendwie gedacht, nein, lieber nicht mit diesem Ghettovogel. Nein, wir fanden das voll geil!

Welche Musik hören eure Kinder?
Denyo: Meine Tochter hört nur «Bibi & Tina». Es ist schrecklich. Ich bin kurz davor auszuziehen.
Eizi Eiz: Seine Tochter hört «Bibi & Tina», meine Biggie und Trina. Quatsch. Ist bei mir ähnlich. Sie hört Stücke, die alle lieben und die auch berechtigterweise geliebt werden. Zum Beispiel «Feuer» von Jan Delay. Oder «99 Luftballons» von Nena. Aber eben auch «Arabi, arabi, oh gulli gulli gulli gulli ramsamsam». Das muss ich auch immer hören.
DJ Mad: Ich hab einen Hund. Dem ist Musik egal.

Mittwoch 20 Uhr, Halle 622. (Ausverkauft) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2017, 11:15 Uhr

Die Klasse von 98

Seien wir ehrlich: Es ist eine Nostalgiereise. Das lässt sich bei aller Aktualität, bei allen neuen Produktionsmitteln, die einem auf dem neuen Beginner-Album «Advanced Chemistry» in den Nacken fahren, nicht leugnen. Am 27. November 2016 standen wir auf einem Messegelände am Rande von Freiburg im Breisgau und warteten auf DJ Mad, Denyo und Eizi Eiz, weil wir das Gefühl von 1998 vermissten. Weil wir noch mal den Flash von damals haben wollten. Damals, als Rap auf Deutsch zum ersten Mal so richtig, richtig gut war. Die Platte «Bambule» konnte man immer wieder hören, und wir taten es. Wir standen unter 4000 Menschen ähnlichen Alters in einer ausverkauften, uncharmanten Halle – in Anlehnung an das lokale Bier Zäpfle Club genannt, Eizi Eiz würde später immer wieder darauf anspielen – und warteten auf die «Hits-am-Fliess-Band», auf eine «Schelle, mal eben auf die Schnelle», auf «Füchse», auf «Fäule», auf «Hammerhart». Wir warteten darauf, mit Gzuz die neue Hymne «Was los, Digga? Ahnma!» zu raunen. Als wären wir noch mal knapp 20 und gönnten uns zum ersten Mal den Beginner-Flash. Ihre Show, gespickt mit Zeitreisen und hochkarätigen Gastauftritten, bediente genau dieses Gefühl. Ohne verstaubt zu wirken.
Adrian Schräder

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