125 neue Freiräume für Zürich

Die Stadt präsentiert ihren Masterplan für den Grossumbau Zürichs. Er zeigt ganz konkret, wo sie in den nächsten Jahren 100’000 zusätzliche Bewohner unterbringen will – und wo nicht.

Bild: Keystone

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Man nehme einmal die ganze Stadt Winterthur und siedle all ihre Bewohner nach Zürich um: So muss man sich das Rezept für die nahe Zukunft vorstellen.

100’000 zusätzliche Menschen soll die Stadt Zürich in den nächsten gut zwanzig Jahren aufnehmen. Man fragt sich manchmal, wo die alle hinsollen. Zum Beispiel dann, wenn man sich mal wieder in einen überfüllten Bus zwängt, in der Badi keinen Liegeplatz findet oder seit Monaten vergeblich eine neue Wohnung sucht.

Auf diese Frage gibt es jetzt eine sehr konkrete Antwort – nachdem die «innere Verdichtung» der Stadt während Jahren ein eher diffuses Gebot blieb, getrieben vom Konsens, nicht das ganze Land unter einem Siedlungsteppich zu begraben. Der Stadtrat hat heute Mittwoch einen detaillierten Plan für den Aus- und Umbau Zürichs vorgestellt: den lange erwarteten kommunalen Richtplan.

Einige Quartiere wachsen überproportional

Das 140-seitige Werk ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit, und es zeigt nicht nur auf, wo künftig höher und dichter gebaut wird als bisher, sondern auch, wie ein Wachstumsschock verhindert werden soll. Wo attraktive öffentliche Räume geschaffen werden sollen, lebendige Quartierzentren, neue Parks und Plätze, weitere Schulen.

Wie die Stadt umbauen will: Video zum neuen Richtplan.

Bisher war nur bekannt, dass sich ein Grossteil des Wachstums auf den Westen und Norden der Stadt konzentrieren soll. Nicht aufs Zentrum, das mit seinen Blockrandbauten schon heute eine hohe Dichte aufweist. Und auch nicht auf die Hänge zwischen Zürichberg und Höngg, weil die Verkehrserschliessung dort schwierig ist und Grossbauten die fürs Stadtklima zunehmend wichtigen Fallwinde behindern würden.

Jetzt weiss man es genauer. Die Quartiere nördlich des Milchbucks, von Affoltern über Oerlikon bis Schwamendingen, sollen überproportional stark wachsen. Rund die Hälfte des Bevölkerungswachstums ist dort vorgesehen. Damit dies möglich wird, haben die Planer der Stadt dort grosszügig «geeignete Gebiete» abgesteckt, in denen das geltende Korsett der Bau- und Zonenordnung (BZO) künftig gesprengt werden soll. Einen zweiten Schwerpunkt bilden Albisrieden und Altstetten.

«Kompakte Stadtkörper mit höherer Urbanität»

Um diese Absichten einzuordnen: Schon mit der heutigen BZO wäre im Prinzip zusätzlicher Wohnraum für 230’000 Menschen möglich, wenn man ihren Spielraum voll ausnützen würde – und darüber will man jetzt noch hinausgehen. Beim Hochbaudepartement macht man kein Geheimnis daraus, dass einzelne Gebiete ihr Gesicht dadurch komplett verändern werden. Nicht überall sei die Verdichtung «in der bestehenden Struktur» möglich. Heute noch durchgrünte, locker bebaute Quartiere werden laut Richtplan transformiert in «kompakte Stadtkörper mit höherer Urbanität».

Zwei Beispiele: Die Birmensdorferstrasse Richtung Triemli, heute gesäumt von drei- bis vierstöckigen Häusern, soll ein «urbanes Kerngebiet» werden, mit sehr hoher Dichte, geschlossener Randbebauung und Läden in den Erdgeschossen. Gleiches ist entlang der Hauptachsen in Schwamendingen vorgesehen. Dort ist diese Entwicklung bereits im Gang, die von Rasen umgebenen Reihenhäuser verschwinden nach und nach. Die Idee der Gartenstadt soll aber in den Gebieten zwischen den Achsen in modernisierter Form weiterleben.

Solche massiven Eingriffe stehen vielerorts im Konflikt mit dem eidgenössischen Inventar für schützenswerte Ortsbilder. Das Amt für Städtebau hat deshalb einen Grundlagenbericht erarbeitet, in dem es, wie in solchen Fällen verlangt, eine differenzierte Interessenabwägung vornimmt. Also nachweist, warum das öffentliche Interesse an Verdichtung überwiegt. Wie überzeugend das ist, werden womöglich die Gerichte klären müssen.

Ist der Umbau sozial verträglich?

Mindestens so kritisch dürfte die Frage nach der Sozialverträglichkeit des grossen Stadtumbaus sein. Im Hochbaudepartement geht man davon aus, dass ohne politische Gegenmassnahmen bisherige Bewohner verdrängt würden und die Durchmischung der Bevölkerung leiden würde. Deshalb will sich die Stadt dafür einsetzen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten überall für preisgünstige Wohnungen zu sorgen. Diese Möglichkeiten dürften bald zunehmen, sofern der Kantonsrat die Umsetzung des Volksentscheids von 2014 nicht verzögert, wonach die Gemeinden bei Zonenänderungen einen Mindestanteil an solchen Wohnungen vorschreiben können.

Damit die Stadt nicht am Wachstum erstickt, sind Dutzende grosszügiger neuer Pärke und Plätze geplant, wo sich die Menschen erholen können. Sie sollen laut Richtplan zu «Mittelpunkten des öffentlichen Lebens» werden. Es gibt einen Richtwert, der pro Stadtbewohner acht Quadratmeter Freiraum verlangt und pro Arbeitsplatz fünf Quadratmeter. Um diese Vorgabe zu erfüllen, muss die Stadt zusätzliche 400’000 Quadratmeter Land sichern – das sind mehr als 50 Fussballfelder. Es reicht nicht, einfach nur bereits bestehende Areale zu Erholungsräumen aufzuwerten, die Stadt wird auch zukaufen müssen.

Neue Parks und Plätze

Der Richtplan listet ganz konkret 125 neue Freiräume auf, also Plätze und Parks, die sich hauptsächlich auf die Wachstumsgebiete im Westen und Norden verteilen. Für Oerlikon gibt es zum Beispiel das Vorhaben, Graben der Eisenbahnlinie vor dem Bahnhof zu überdachen und in einen Park zu verwandeln. Am Stadtrand bei Seebach soll ein grosser unbebauter Landstreifen entlang der Gleise, der heute zum Teil noch Wohnzone ist, für neue Sportanlagen und «landschaftliche Parks» genutzt werden. Eine der grössten neuen Anlagen zwischen Albisrieden und Altstetten ist jene auf dem heute noch besetzten Koch-Areal, für die bereits ein konkretes Projekt vorliegt.

Der Richtplan sieht aber auch neue Freiräume in bereits heute dicht bebauten Quartieren vor, wo Erholungsräume Mangelware sind. Das spektakulärste Beispiel: die Überdachung des einen Kilometer langen Seebahn-Grabens vom Bahnhof Wiedikon bis zum neuen Polizei- und Justizzentrum. Bisher galt die Idee, dort einen Park zu errichten, angesichts von mehreren Hundert Millionen Baukosten bei vielen als Fantasterei. Wobei zu sagen ist: Was im Richtplan steht, sind keine konkreten Projekte. Es sind aber verbindliche Aufträge an die Behörden, auf diese Ziele hinzuarbeiten.

Stärkung der Quartierzentren

Dabei dürfte der öffentlichen Hand zugute kommen, dass sie dank einer Gesetzesänderung künftig die Möglichkeit haben sollte, bei Aufzonungen einen Teil des dadurch entstandenen Mehrwerts abzuschöpfen. Das gibt ihr finanzielle Mittel für konkrete Projekte. Nicht zuletzt auch für die zwei Dutzend neuen oder erweiterten Schulanlagen und andere öffentliche Bauten, die geplant sind.

Ein letzter wichtiger Aspekt im kommunalen Richtplan ist die Stärkung der Quartierzentren. Ziel ist es, eine «Stadt der kurzen Wege» zu schaffen, in der nicht jeder zum Shopping in die City fährt, sondern vor Ort alles findet, was er braucht. Als positives Beispiel wird der Lindenplatz in Altstetten genannt. Die Stadt will die Entwicklung in diese Richtung lenken, indem sie etwa die Aussenräume attraktiv gestaltet, Fussgängerbereiche definiert und dafür sorgt, dass in den Erdgeschossen Ladenlokale und ähnliche Nutzungen entstehen.

Erstellt: 19.09.2018, 14:00 Uhr

Die Bevölkerung kann mitreden

Der kommunale Richtplan liegt vom 24. September bis am 22. November 2018 öffentlich auf.

Mit dem kommunalen Richtplan für Sedlung, Landschaft und öffentliche Bauten liegt nun das lang erwartete Gesamtkonzept für die Verdichtung Zürichs vor – aber es ist nicht mehr als ein Vorschlag. Dieser liegt nun vom 24. September bis am 22. November öffentlich auf. Jeder und jede kann sich dazu äussern und Änderungsvorschläge einbringen. Parallel dazu Veranstaltet der Stadtrat mehrere Podiumsveranstaltungen (siehe unten).

Anschliessend wird der Richtplan überarbeitet, bevor der Stadtrat ihn an den Gemeinderat überweist. Auch dort dürfte er noch einmal heftige Diskussionen auslösen. Schliesslich ist auch noch eine Genehmigung durch den Kanton nötig. Katrin Gügler, Direktorin des Amtes für Städtebau sagt deshalb: «Wir stehen erst am Anfang des Prozesses, wir wollen mit dem Richtplan einen Dialog auslösen.»

Der kommunale Siedlungsrichtplan ist ein neues Instrument, das die Stadt Zürich erstmals anwendet. Er vertieft die Vorgaben, des kantonalen und des regionalen Richtplans, wonach eine «Entwicklung nach Innen» gefordert ist. Für die Grundeigentümer verbindlich wird er aber erst, wenn er übersetzt wird in konkrete Bauvorschriften. Dies wird via Teilrevisionen der Bau- und Zonenordnung (BZO) geschehen oder über Sondernutzungsplanungen für bestimmte Areale.

Bei der letzten Gesamtrevision der BZO hat der Stadtrat noch bewusst auf grosse Aufzonierungen zugunsten der inneren Verdichtung verzichtet, weil er erst eine Gesamtschau entwickeln wollte: Wie lässt sich das Stadtwachstum auf eine qualitätsvolle Weise realisieren? Ohne negative Folgen für die Sozialstruktur, öffentliche Dienstleistungen, die Natur oder das Stadtklima? Diese Fragen versucht der Richtplan zu beantworten. Der gleichzeitig revidierte kommunale Richtplan für den Verkehr konzentriert sich vor allem auf das Fussverbindungsnetz.

Podiumsveranstaltungen «Zürich 2040»: Montag, 24. September, 18.30 bis 20.30 zu Siedlungen und Zentren; Montag, 1. Oktober, 19.00 bis 21.00 zu Mobilität und Stadtraum; Montag, 19. November, 18.30 bis 20.30 zu Freiraum und Stadtnatur. Jeweils mit Stadträten und Experten. Amtshaus IV, Lindenhofstrasse 19.

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