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«Es ist halt Blut und kein Einhornglitzer!»

Die Menstruation sei eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft, sagt Heike Kleen. Aber nicht für die Autorin. Sie spricht Klartext.

«Ältere Generationen sprechen allen Ernstes von der ‹Erbsünde›. Was soll das, bitte, suggerieren?»: Autorin Heike Kleen hat keine Freude an Umschreibungen der Menstruation. Foto: Mirjam Kluka
«Ältere Generationen sprechen allen Ernstes von der ‹Erbsünde›. Was soll das, bitte, suggerieren?»: Autorin Heike Kleen hat keine Freude an Umschreibungen der Menstruation. Foto: Mirjam Kluka

Die besten Interviews 2018

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Frau Kleen, erinnern Sie sich an Ihre erste Periode?

Oh ja, alle Frauen tun das. Besser noch als an den ersten Sex. Ich war elf, als ich so komisches rotbraunes Zeug in meiner Unterhose fand. Ich war ahnungslos, obwohl ich eine vier Jahre ältere Schwester hatte. Bei uns zu Hause lagen nie Binden rum. Als ich es meiner Mutter sagte, einer pragmatischen Norddeutschen, meinte sie: «Da musst du auch nicht so genau hinschauen.»

Echt? Das wars dann?

Nein. Erst, als es gegen Abend mehr wurde, fiel der mütterliche Groschen. Sie kramte ein paar Binden hervor und meinte nur: «Das hast du jetzt jeden Monat. Da musst du durch.»

Meine Mutter reagierte anders. Sie sagte: «Das müssen wir feiern.»

Das finde ich eine schöne Idee. Man muss ja nicht gleich die ganze Nachbarschaft einladen, aber so nach dem Motto: «Mensch, Mädchen, ich freue mich, dass du jetzt eine Frau bist. Hier ist ein kleines Geschenk zu diesem Tag, und jetzt lass uns zusammen Torte essen gehen.» Wenn ein Mädchen in Japan zum ersten Mal seine Tage hat, kommt die ganze Familie feierlich zusammen, und es wird rot gefärbter Reis aufgetischt.

Na ja, mir war damals nicht zum Feiern zumute.

Schon klar. Ging mir auch so. In unserer Kultur ist das Thema seit Menschengedenken negativ besetzt. Keiner darf was merken, alles wird versteckt. Eine aktuelle Studie besagt, dass sich die heutigen Mädchen noch viel mehr für ihren Körper schämen als unsere Generation. Alles muss perfekt sein.

Wenn sich ein Junge beim Raufen die Nase blutig geschlagen hat, ist er ein kleiner Held. Wenn Mädchen ihre Tage kriegen, heisst es: «Igitt!» Was läuft da schief?

Die Mädchen kennen im Gegensatz zu den Jungs ihr Geschlechtsteil kaum. Plötzlich kommt da was raus, was sie angeblich zur Frau macht. Und es ist auch noch Blut und kein Einhornglitzer! Während in Krankenhausserien aus Platzwunden geblutet werden darf, was das Zeug hält, steht Periodenblut auf einer Ebene mit Kot und Urin. Es gilt als eklig und abartig. Das hat sich in unseren Köpfen über die Jahrtausende so festgesetzt.

In Ihrem Buch schreiben Sie: «Wir haben ein Problem mit der Menstruation.»

So ist es. Über den Tod, über Sex im Alter und über Intimrasur darf unterdessen offen geredet werden. Die Menstruation hingegen ist eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft.

Wo zeigt sich das zum Beispiel?

Man sollte meinen, dass eine Frau im Jahr 2018 nach einem Tampon fragen könnte wie nach einem Taschentuch. Doch die Frauen verhalten sich in dieser Situation immer noch eher wie Drogendealer, die sich unter dem Bürotisch hindurch gegenseitig ein paar Gramm gepresste Watte zuschieben.

Das Buch zum Thema

In «Das Tage- Buch» (erschienen im Heyne-Verlag, 22.50 Fr.) befasst sich Heike Kleen mit der Menstruation, einem «unterschätzten Phänomen». Die 43-Jährige ist Medientrainerin, freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows. Die zweifache Mutter lebt bei Hamburg (D).

Die Verklemmtheit zeigt sich auch bei den Umschreibungen, die man für die Mens hat, um das Wort nicht in den Mund nehmen zu müssen.

Es gibt viele bekloppte Namen. «Tante Rosa». «Rote Zora». «Die Maler im Keller haben». «Das Baumwollkamel reiten». Ältere Generationen sprechen allen Ernstes von der «Erbsünde». Was soll das, bitte, suggerieren?

Ähnlich blöd war, was Donald Trump in seinem Wahlkampf über eine Journalistin sagte, die ihm unangenehme Fragen gestellt hatte: «Blut kam aus ihr heraus … überall.»

Das ist wirklich die dümmste Beleidigung aller Zeiten, die Männer aus dem Hut zaubern, wenn ihnen gar nichts mehr einfällt. Wenn Frauen was Tolles geleistet haben, würde ihnen niemand unterstellen, sie hätten gerade ihre Tage. Das sollte uns zu denken geben.

Zeugen solch blöde Sprüche von Unwissenheit?

Ich denke schon. Und von irrationaler Angst. Sie sind einzureihen mit den uralten Ammenmärchen, die besagen, dass Frauen während ihrer Tage die Ernte verderben oder Spiegel trüb werden lassen. Bis heute geistert noch in manchen Köpfen herum, dass Menstruierende keine Konfitüre einmachen dürfen oder vom Blutspenden absehen sollten, weil vielleicht doch etwas Schädliches in ihrem Blut drin ist. Alles Quatsch natürlich.

Woher kommen solche Vorstellungen?

Seit der Antike wimmelt es von verqueren Glaubensüberzeugungen rund um das damals unverstandene Phänomen. Der Philosoph Pythagoras glaubte, dass Frauen wegen einer «übertriebenen Nährstoffzufuhr» zu viel Blut hätten. Die Heilkundlerin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert verstand die Menstruation als Strafe für Eva, weil sie Adam den Apfel aufgedrängt hat. Frauen wurden durch die Menschheitsgeschichte hindurch als «nicht ganz dicht» dargestellt, im körperlichen als auch im geistigen Sinn. Als schadhafter Prototyp quasi, als unfertiger Mann. Sogar in der Bibel steht: «Wenn ein Weib ihres Leibes Blutfluss hat, die soll sieben Tage unrein geachtet werden; wer sie anrührt, der wird unrein sein bis auf den Abend.»

«Die Werbung zementieren seit Jahrzehnten die Botschaft: Frauen sollen ‹funktionieren› und sauber sein.»

Dass die Periode etwas mit dem Mondzyklus zu tun hat, ist das auch Quatsch?

Ja. Erstens dauert der Zyklus nicht bei allen Frauen exakt 29 Tage wie jener des Mondes. Zweitens haben auch viele Tiere eine Art Zyklus, allerdings meist, ohne Blut nach aussen abzugeben. Sie alle haben völlig unterschiedliche Zykluslängen. Es würde keinen Sinn machen, dass sich ausgerechnet die Menschen nach dem Mond richten, wenn es nicht einmal die Tiere tun.

Sie haben Männer auf der Strasse gefragt, was sie über die Tage der Frauen wissen. Und?

Viele wissen tatsächlich nicht mehr, als dass es mit Blut zu tun hat und einmal im Monat passiert. Zum Beispiel überschätzen sie die Menge des Blutes, das Frauen bei der Periode verlieren, um mehr als das Zehnfache. Aber das kann man ihnen nicht verübeln. Wir sprechen auch kaum mit ihnen darüber.

Und die TV-Werbung für Tampons hilft auch nicht gerade weiter.

Nein. Dort springen die Frauen immer sensationell gelaunt aus dem Bett und hüpfen in hellen, engen Kleidern durch den Tag. Seit neustem sind sie von Beruf DJ oder Torwartin. Mit der Realität haben diese Spots wenig zu tun. Sie zementieren seit Jahrzehnten die Botschaft: Frauen sollen «funktionieren» und sauber sein. Und dann noch dieser Satz: «Ein o.b. nimmt die Regel ganz natürlich da auf, wo sie geschieht.»

«Die erste Einwegbinde war erst in den 1920er-Jahren erhältlich.»

Dabei sieht man eine Frau, die den Tampon mit ihrer perfekt manikürierten Hand umschliesst.

Genau. Und meist wird noch so eine blaue Testflüssigkeit ausgeschüttet. Müsste ein Ausserirdischer anhand der Werbung verstehen, was einmal im Monat im weiblichen Unterleib vor sich geht, er hätte keine Chance.

Machen wirs besser! Fassen Sie doch die biologischen Fakten mal zusammen!

Plus/minus am 14. Zyklustag findet der Eisprung statt. Das heisst, eine der ungefähr 400'000 Eizellen in den Eierstöcken wird reif und wandert den Eileiter hinunter. Weibliche Sexualhormone bewirken derweil, dass die Gebärmutterschleimhaut auf das Vierfache ihrer Dicke anwächst. Würde das Ei jetzt befruchtet, könnte es sich darin einnisten und Nährstoffe für den wachsenden Fötus aus ihr beziehen. Findet keine Befruchtung statt, wird die dicke Schleimhaut überflüssig. Sie löst sich nach genau 14 weiteren Tagen ab und wird – gemeinsam mit dem Blut, das durch kleine Risse entsteht – abtransportiert. Das ist dann die Mens.

Und die tut oft ziemlich weh.

Es sind die Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur, welche die berühmten Krämpfe im Unterleib verursachen. Jedenfalls bei den meisten Frauen. Ich habe zum Glück kaum Schmerzen. Doch andere Frauen haben sie mir beschrieben. Etwa als «Herumstochern in den Eingeweiden mit einem Messer» oder als «Granitplatten, die aus grosser Höhe auf den Bauch fallen».

Mensbeschwerden sind also mehr als willkommene Ausreden?

Oh ja, die Tage können brutal schmerzhaft sein. Wenn Frauen aber drei Tage lang nicht mehr aus dem Bett kommen, ist das nicht normal. Es könnte sich um eine Endometriose handeln, eine Krankheit, bei der sich Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter ansiedelt. Oft wird dies viel zu spät erkannt und behandelt, sodass die Frauen jahrelang unnötig Höllenqualen leiden.

Ziemlich unangenehm muss es auch gewesen sein, als man vor der Erfindung von Tampons und Slipeinlagen seine Tage hatte.

Gemütlich war das sicher nicht. Ende des 19. Jahrhunderts banden sich Damen der besseren Gesellschaft den sogenannten Diana-Gürtel um die Taille und zwischen die Beine. Es sah etwas wie ein Folterinstrument aus, aber man konnte Stoffresten hineinlegen und diese später von Hand auswaschen. Die erste Einwegbinde war erst in den 1920er-Jahren erhältlich. Die erste selbstklebende sogar erst Anfang der 70er.

«In Indien brechen 23 Prozent der Mädchen sogar die Schule ab, sobald sie das erste Mal menstruieren.»

Wann kam der Tampon – heute für die meisten die beliebteste Form der Monatshygiene?

Bereits die alten Ägypterinnen hatten Papyrusblätter um ein Stäbchen gewickelt und eingeführt. Der Tampon mit Rückholbändchen wurde 1929 in Amerika erfunden, zuerst nur mit Applikator, damit man sich «da unten» nicht berühren musste. Als er bei uns auf den Markt kam, gab es Diskussionen, ob man sich dadurch die Jungfräulichkeit raubt. Er setzte sich daher anfangs schlecht durch. 1950 wurde die erste Packung o.b.-Tampons verkauft, ohne Einführhilfe. o.b. heisst übrigens «ohne Binde» – eine Art Codewort, um im Laden nichts Peinliches sagen zu müssen.

Sie haben moderne Monatshygiene getestet. Darunter auch ein Höschen namens «Thinx».

Das ist eine supersaugfähige Unterhose aus den USA, die das Blut quasi wegzaubert. Antimikrobielle Baumwolle mit Silberbeschichtung. Es funktioniert tatsächlich und sieht sogar noch hübsch aus.

Und wie geht das mit der sogenannten Menstruationskappe? Die soll derzeit der letzte Schrei sein.

Anfangs ist sie gewöhnungsbedürftig, aber mich hat sie überzeugt. Es handelt sich um einen Auffangbehälter aus Silikon, der wie ein Tampon eingeführt wird und ebenso wenig spürbar ist. Erst nach mehreren Stunden wird die Kappe herausgezogen, geleert, mit Wasser ausgewaschen und erneut eingesetzt. Es entsteht kein Abfall. Ein Stück kostet 30 Franken und kann über Jahre benutzt werden. Für viele Frauen und Mädchen wäre es revolutionär, so ein Ding aus Kunststoff zu besitzen.

Wie meinen Sie das?

Weltweit können Millionen von Mädchen in Drittweltländern jeden Monat ein paar Tage lang nicht zur Schule gehen. Sie haben schlicht keine Hygieneartikel, weil sie entweder nicht erhältlich oder unerschwinglich sind. In Indien brechen 23 Prozent der Mädchen sogar die Schule ab, sobald sie das erste Mal menstruieren. Ein ganz natürlicher körperlicher Vorgang verhindert, dass sie einen guten Schulabschluss machen können. Das macht mich traurig und wütend zugleich.

Verfolgen Sie mit Ihrem Buch auch ein feministisches Anliegen?

Ja. Es hat mich betroffen gemacht, wie viel das Körperbild von uns Frauen mit der Menstruation zu tun hat. Wenn man uns seit Jahrhunderten erzählt, dass wir irgendwie eklig und nicht ganz dicht und obendrein noch selber schuld an unserem Schlamassel sind, ist es kein Wunder, wenn wir uns nicht schön und klasse finden können. Aber das sollten wir – an allen Tagen des Monats.

Aber wie bekommen wir ein besseres Verhältnis zu unserem Körper?

Indem wir offener über die Tage reden und auch die Männer nicht davon ausschliessen. Solange Väter den Raum verlassen, wenn es um die Tage ihrer Tochter geht, und sagen: «Das besprecht ihr Frauen lieber unter euch», so lange denken Mädchen, mit ihnen stimme etwas nicht. Das darf nicht sein!

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Fakten zur Periode

  • Das Durchschnittsalter, in dem Mädchen ihre erste Periode bekommen, hat sich in den vergangenen 100 Jahren von 17 auf 13 vorverschoben. Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir besser ernährt sind.
  • Die letzte Blutung (Menopause) tritt durchschnittlich im Alter von 51 Jahren ein.
  • Gemäss einer Studie schämt sich jede fünfte Frau und jeder dritte Mann, Binden oder Tampons zu kaufen.
  • Bis zu 17 000 Binden oder Tampons verbraucht eine Frau in den rund 40 Jahren, in denen sie menstruiert.
  • Ein Zyklus dauert zwischen 25 und 35 Tage, die Blutung 3 bis 6 Tage.
  • Das Blut einer Periode füllt mit etwa 50 Millilitern gerade mal eine Espressotasse.
  • Die Pille unterdrückt den Eisprung und verhindert den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, damit sich kein Ei einnisten kann. Alle drei Wochen legt die Frau eine Pillenpause ein, dem Körper werden Hormone entzogen, es tritt eine schwache Blutung ein.
  • Bis zu 500-mal hat eine Frau ihre Tage. Umgerechnet sind das 6 Jahre ihres Lebens.

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