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Wohnbaupolitik in Zürich31 Einsichten zum günstigen Wohnen in der Stadt

Die Geschichte der Stiftung PWG gibt es nun als Buch. Wir haben Erkenntnisse herausgesucht – von Arbeiterhaushalt bis zimmerweise.

Die Bögen des Bahnviadukts (unten links) sind das anspruchsvollste PWG-Projekt.
Die Bögen des Bahnviadukts (unten links) sind das anspruchsvollste PWG-Projekt.
Foto: Reto Oeschger

Nein, die drei Buchstaben PWG bezeichnen keine weltweit tätige Beratungsfirma. Sie stehen für eine Grossgrundbesitzerin, der fast ein Prozent aller Zürcher Häuser gehört. Dabei ist die von der Stadt kontrollierte Stiftung erst 30 Jahre alt.

Zu diesem Geburtstag hat die PWG (die Abkürzung kommt von «Preisgünstige Wohn- und Gewerberäume») ein Buch herausgegeben, das sich mit der Geschichte der Zürcher Wohnbaupolitik und der PWG beschäftigt. Wir haben 31 Erkenntnisse aus dem abwechslungsreichen Werk herausgepickt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Der Mangel an günstigem Wohnraum prägt die Entstehung des modernen Zürich.

2. Im Jahr 1896 waren in den Kreisen 4 und 5 12 Prozent der Wohnungen an zwei oder drei Haushalte gleichzeitig vermietet, wahrscheinlich zimmerweise.

3. In Arbeiterhaushalten standen damals pro Person 7,5 Meter Wohnfläche zur Verfügung.

4. Neue Tramlinien halfen, diese extreme Dichte zu lockern. Dank ihnen mussten die Wohnungen nicht mehr auf Gehdistanz zur Fabrik liegen.

5. Die Eigen-Heim-Genossenschaft war eine der ersten Zürcher Selbsthilfekolonien. Sie baute 1890 Häuser im Seefeld.

6. 1896 begann die Stadt, den günstigen Wohnungsbau zu fördern.

7. 1930 gab es erstmals mehr als 20 Prozent gemeinnützige Wohnungen in Zürich. Dieser Anteil ist nie mehr unterschritten worden.

8. 1950 lebte mehr als die Hälfte der Kantonsbevölkerung in der Stadt Zürich; zum ersten und letzten Mal.

9. Von 1950 bis 1970 verachtfachte sich die Zahl der Autos in Zürich.

10. Ab 1962 verlor die Stadt Einwohnerinnen. Vor allem Familien zogen in die Agglomeration.

11. Dafür boomten die Büros. Von 1970 bis 1995 sank der Wohnanteil auf 65 Prozent. Seither steigt er wieder leicht an.

12. In den 70er-Jahren wurden sehr viele 1-Zimmer-Wohnungen gebaut, teilweise bis zu einem Drittel.

13. Zwischen 1925 und 1970 drängte die Wohnungsfrage weniger stark.

14. Die bewegte 80er-Jugend machte das Wohnen wieder zu einer dominierenden Frage der Stadtpolitik.

15. Linke Politiker entwickelten die Idee einer städtischen Kauf-Stiftung. Die Genossenschaften eigneten sich nicht dafür, fanden sie, weil diese zu «Eigennutz und Gruppenegoismus» neigten.

16. 1985 beschloss die Zürcher Bevölkerung die Gründung der PWG, mit knappen 51,1 Prozent Ja-Stimmen.

17. Der Hauseigentümerverband ging juristisch dagegen vor. Die PWG verletze die Gewerbefreiheit. Der Bezirksrat und der Regierungsrat gaben ihm recht.

18. Das Bundesgericht rettete die PWG. Sie konnte 1990 starten.

19. Der Stadtrat wollte ihr das vereinbarte Gründungskapital von 50 Millionen Franken nicht auf einmal geben. Er tat dies nur unter Druck.

20. Im Durchschnitt erwarb die PWG rund fünf Häuser pro Jahr. Am meisten waren es im Jahr 2006 mit elf.

21. Bis 2005 kaufte die PWG vor allem in den Kreisen 3, 4 und 5. Als dort die private Konkurrenz zu stark wurde, weitete sie ihre Tätigkeit auf die ganze Stadt aus.

22. Heute gehören der PWG 157 Liegenschaften. Das entspricht 0,8 Prozent aller Stadthäuser.

23. Die PWG-Häuser enthalten 1867 Wohnungen und 313 Gewerberäume.

24. Zusammen haben sie einen Wert von knapp 800 Millionen Franken.

25. Das anspruchsvollste PWG-Projekt waren wohl die Viaduktbögen im Kreis 5. Die PWG übernahm sie 2004 im Baurecht. Einen kommerziellen Interessenten hatten die SBB nicht gefunden. Es gab viele Auflagen und bauliche Probleme.

26. Eines der umstrittensten PWG-Häuser war die Schönau bei der Bäckeranlage. Die Stiftung riss die als Alkoholikertreff bekannte Beiz 2005 ab und stellte einen Neubau hin. Die AL befürchtete «Luxuswohnungen».

Die Stiftung PWG riss das als Alkoholikertreff bekannte Restaurant Schönau 2005 ab und stellte einen Neubau hin.
Die Stiftung PWG riss das als Alkoholikertreff bekannte Restaurant Schönau 2005 ab und stellte einen Neubau hin.
Archivfoto: Beat Marti

27. Die Mieten der PWG liegen um rund ein Drittel tiefer als die Mieten auf dem freien Markt.

28. Alle Befragten im Buch sind sich einig: Wer bei der PWG landet, hat Glück.

29. Der ursprüngliche Plan war, dass die PWG-Mieter ihre Häuser selber verwalten sollten. Das funktionierte aber nur in den wenigsten Fällen.

30. Laut einer Umfrage unter PWG-Bewohnerinnen staubsaugt über die Hälfte auch am Sonntag. Ein Teil davon mit schlechtem Gewissen.

31. Den «Plauderfaktor» und die Hilfsbereitschaft unter Nachbarn beurteilt eine Mehrheit der PWG-Mieterinnen als gross.

«Kauft Häuser, so viele ihr könnt», Salis-Verlag, 334 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 39 Franken.

1 Kommentar
    Peter Zürcher

    Warum unterstützt die Stadt Zürich Genossenschaften bei jedem Projekt mit beinahe geschenktem Land, wenn diese Eigennutz und Gruppenegoismus fördern?