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Gedanken über den Ausgang33 Jahre danach

Wie eine TV-Dokumentation über General Guisan unserem Autor ein Rekrutenschule-Flashback bescherte – und was das mit der aktuellen Krise zu tun hat.

Auf der Wache in der RS einen Walkman zu haben, war grundsätzlich gut – ausser, es war die falsche Kassette drin.
Auf der Wache in der RS einen Walkman zu haben, war grundsätzlich gut – ausser, es war die falsche Kassette drin.
Foto: PD

Kürzlich zeigte das Schweizer Fernsehen einen Film über General Guisan. Man sah den berühmten Oberbefehlshaber beim Ablegen des Eids, mit der Zigi bei Mussolini, mit der Zigi im Büro, mit der Zigi danach (ja, das war ein Scherz), hoch zu Ross wie Häuptling Winnetou und natürlich am 25. Juli 1940 beim Rütlirapport, wo er hohen Offizieren seine Réduit-Strategie erläuterte.

«Und was hat das verdammt nochmals mit dem Thema Ausgang zu tun, von dem diese Kolumne handeln müsste, Soldat Wyss?», würden Sie jetzt am liebsten rufen, ich weiss es genau – und zwar im harschen Ton eines Feldweibels. Es mag überraschen, die Antwort lautet: sehr, sehr viel.

Während ich nämlich diese Doku schaute, kam mir wieder in den Sinn, dass im Büro meines Grossvaters selig ein Porträt von Guisan gehangen hatte. Nicht allzu gross, aber es strotzte vor Stolz. Und so kam es, dass ich mich, anders als 99 Prozent meiner Freunde, auf die Rekrutenschule freute. Als man uns am Eintrittstag mit dem Status-Quo-Song «In the Army Now» empfing – das Fürchterlichste, was die schreckliche Truppe je zustande gebracht hatte –, war die Freude bereits leicht getrübt, nach der dritten schikanösen Nachtübung hatte ich so die Schnauze voll, dass ich zivilen Ungehorsam übte. Was nicht wirklich geschätzt wurde.

Derweil die anderen in den Kneipen von Schwyz Bier und Schnaps kippten oder samstags in Basel, Bern oder Zürich Party machten stand ich allein mit Knarre auf Posten.

Thomas Wyss

Erschwerend kam hinzu, dass ich eh schon als «Psycho» galt, da ich bei einer Schiessübung mehrfach bewusst in den Boden geballert und dazu die Erklärung abgegeben hatte, ich würde auf der Scheibe meine Mutter sehen, die ich über alles liebe und darum nicht ermorden wolle.

Die Konsequenz: strafbedingter Wachtdienst à gogo! Derweil die anderen in den Kneipen von Schwyz Bier und Schnaps kippten oder samstags in Basel, Bern oder Zürich Party machten, stand ich allein mit Knarre auf Posten (ein Mitrekrut überliess mir mal seinen Walkman mit Herzschmerzballadenkassette, seit da weiss ich: Nach stundenlanger Repetition bricht der härteste Widerstand, irgendwann findet man all diese Lieder «irgendwie schön».)

Wer hätte das gedacht? 33 Jahre danach ist die elende RS plötzlich doch noch zu was nütze: «Dank» der Entbehrungen, die ich da gewärtigen musste, ist der Ausgangsverzicht, den jetzt die Viruskrise abfordert, eine Bagatelle.