Zum Hauptinhalt springen

Hefe wird knapp42 Gramm leicht und schwer gefragt

Hefe ist derzeit bei allen Grossverteilern schnell ausverkauft. Auch wenn der grösste Produzent im Land den Betrieb hochgefahren hat, einen Flaschenhals kann er nicht beheben.

Thomas Gamper, Geschäftsführer der Hefe Schweiz AG, produziert derzeit rund um die Uhr. Dennoch kommt es zu Engpässen.
Thomas Gamper, Geschäftsführer der Hefe Schweiz AG, produziert derzeit rund um die Uhr. Dennoch kommt es zu Engpässen.
Foto: PD

Als wäre sie der letzte Schrei, total im Trend. Dabei ist sie weder neu noch aussergewöhnlich oder sonst irgendwie abgefahren. Ganz im Gegenteil: Sie riecht abstossend säuerlich, macht mit ihrer schlammigen Farbe nicht viel her, und ihre quadratische Form ist auch nicht originell. Dennoch ist Frischhefe derzeit in Schweizer Haushalten begehrt wie nie.

Seit der Verschärfung der Corona-Krise sind die Regale mit Hefe meist leer. Das Lebensmittel ist derzeit in allen Varianten – ebenfalls in flüssiger oder trockener Form – auch in kleinen Quartierläden schnell ausverkauft. In der Verzweiflung fragen Kunden bereits bei Bäckereien nach, ob sie ihnen ein bisschen vom einzelligen Pilz verkaufen. Doch diese müssen ablehnen. Auch sie sind auf das rare Gut angewiesen.

Angst vor leeren Regalen

Detailhändler bestätigen die Knappheit. «Seit mehreren Wochen stellen wir eine erhöhte Nachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs fest, darunter auch Hefe», sagt Marcel Schlatter vom Migros-Genossenschaftsbund. Trotz stark erhöhten Lieferkapazitäten komme es in den Filialen zu leeren Regalen. Ähnlich tönt es bei Coop. Weil die Kundinnen und Kunden den Leerstand bei Hefe wahrgenommen haben, greifen sie derzeit noch beherzter zu, aus Angst, beim nächsten Mal wieder vor einem leeren Regal zu stehen.

Gefordert ist derzeit Thomas Gamper. Als Geschäftsführer der Hefe Schweiz AG im thurgauischen Stettfurt weiss er um die grosse Nachfrage. Sein KMU mit knapp 40 Mitarbeitenden ist die grösste einheimische Produktionsstätte von Hefe und Zulieferer vieler Grossverteiler. Erklären kann sich Gamper die Gier nach dem Produkt, das seine Firma seit 1902 produziert, aber nicht. «Hefe ist ein absolutes Frischprodukt und taugt kaum für den Notvorrat.» Nach zwei Wochen lässt die Triebkraft von Frischhefe deutlich nach.

Produktion hochgefahren

Kaum war die Nachfrage gestiegen, hat Gamper seine Produktion hochgefahren. Seit vergangener Woche lässt er in drei Schichten rund um die Uhr produzieren. Alle Aussendienstmitarbeiter sind nun in der Produktion tätig, er selbst arbeitet derzeit auch Schicht. Dennoch ist die Lieferkapazität seiner Firma beschränkt.

Nicht die Züchtung des Hefepilzes ist das Problem, sondern die Maschine. «Die Verpackung ist der Flaschenhals», sagt Gamper. Mehr als 120 Würfel à 42 Gramm in der Minute kann sie nicht fertigen, 500 Kilo die Stunde. Eine zweite Maschine will er sich nicht anschaffen. «Bei diesem niedrigen Preis unseres Produktes können wir uns diese Investition von einer Million Franken nicht leisten.»

Tägliche Lieferungen

Geschäftsführer Gamper hat jedoch die Produktion angepasst, um wertvolle Zeit zu sparen. Das Umrüsten auf Biohefe war jeweils aufwendig. Deshalb läuft derzeit nur konventionelle Hefe aus der Maschine. Auslieferer, die normalerweise zweimal die Woche Grossverteiler bedienen, holen derzeit täglich frisch produzierte Hefe für die Verteilzentren ab. Mit diesen Massnahmen sollte sich auch die Zulieferung in den nächsten Tagen normalisieren. «Wir können Mitte Woche alle bestellten Waren ausliefern.» Ähnlich wie Gamper geht es deutschen Hefeherstellern, die mitunter in die Schweiz liefern. Da das Triebmittel auch in Deutschland begehrt ist, fehlt der Nachschub hierzulande.

Beklagen über den Ansturm auf sein Produkt will sich Gamper indes nicht. Noch vor einigen Monaten hätten alle nur noch von Sauerteig gesprochen, und er sinnierte damals darüber, wie er sein Produkt besser vermarkten könnte. «Deshalb ist es schön, dass unseren kleinen Würfeln nun einmal Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sonst werde sein Erzeugnis kaum wahrgenommen oder gar belächelt.» Für all jene, die dennoch einmal vor einem leeren Heferegal stehen sollten: Es gibt Alternativen. Man kann den Hefepilz selber züchten mit Datteln, Zucker und Wasser oder sich eine Sauerteigmutter anlegen. Doch beides braucht Geduld. Erst nach acht Tagen lässt sich daraus Brot backen.