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Bezirksgericht Zürich78 Vandalenakte in der Uetlibergbahn nur fast geklärt

Es sprach alles für einen 59-jährigen Ökonom als Täter, doch dem Gericht reichten die Indizien nicht – egal, wie naheliegend und scheinbar logisch sie auch waren.

Das Bezirksgericht bezeichnete es als «peinlich», dass die SZU-Bahnen über ein «komplett unbrauchbares Videosystem» verfügen – und das trotz zwölf Kameras im Zug.
Das Bezirksgericht bezeichnete es als «peinlich», dass die SZU-Bahnen über ein «komplett unbrauchbares Videosystem» verfügen – und das trotz zwölf Kameras im Zug.
Foto: Nicola Pitaro

Innerhalb von elf Wochen, zwischen dem 7. Mai und 18. Juli 2018, hatten unbekannte Täter in 82 Fällen bei rund 250 Sitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln Sitzpolster und Lehnen mit einem Messer zerstört. Am schlimmsten traf es die Uetlibergbahn, die SZU-Linie 10. Bei ihr allein wurden in 78 Fällen rund 160 Sitze so beschädigt, dass sie ersetzt werden mussten. Schaden: etwa 70’000 Franken.

Es dauerte lange, bis die Strafverfolger realisierten, was rückblickend so klar erscheint – dass es sich um eine Tatserie von der wahrscheinlich gleichen Täterschaft handelt. Da war es bereits zu spät: Die betroffenen Sitze waren ersetzt worden, ohne dass Spuren gesichert worden waren. Erst Anfang Juli wurden Detektive der Stadtpolizei auf das Problem angesetzt.

Viele Übereinstimmungen mit dem «Video-Mann»

Die Annahme, bei den Tätern müsse es sich wohl um jugendliche Vandalen handeln, zerschlug sich drei Wochen später. Am 25. Juli verhaftete die Polizei an der SZU-Haltestelle Uitikon-Waldegg einen 59-jährigen Schweizer, einen studierten Ökonomen mit einem US-amerikanischen MBA. Er glich in Statur, Gesicht und Haarfarbe einem Mann, der am 2. Juli in zwei VBZ-Trams der Linie 2 insgesamt 19 Sitze aufgeschlitzt hatte, was von den Videokameras der Trams aufgenommen worden war.

Warum musste es sich beim Verhafteten und beim Mann auf den Videos um die gleiche Person handeln? Abgesehen von der Ähnlichkeit der Personen fiel auf, dass der Verhaftete die gleichen Kleider trug wie der «Video-Mann». Er hatte den gleichen Rollkoffer dabei, in dem sich – nebenbei erwähnt – 90’000 Franken befanden. Er hatte die gleiche Sonnenbrille bei sich, und auch das sichergestellte Küchenmesser war das gleiche, wie es der «Video-Mann» verwendet hatte.

Nach Verhaftung hörten die Vandalenakte auf

Aber war der Mann auch für die 78 Sachbeschädigungen in den SZU-Bahnen verantwortlich? Ja, meinte der Staatsanwalt, der aber keinen einzigen Beweis vorlegen konnte. Gebetsmühlenartig heisst es in der Anklageschrift zum Tatgeschehen nämlich bloss: «Besteigen der SZU-Bahn Linie S 10 zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt an einer nicht näher bestimmbaren Örtlichkeit. Manipulation an Polsterungen. Verlassen der Bahn zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt an einer nicht näher bestimmbaren Örtlichkeit.» Auf den SZU-Videos erkennbar war nur, wann genau welche Sitze beschädigt wurden.

«Aus meiner Sicht bestehen keine Zweifel, dass es sich beim Beschuldigten um den Verursacher der Sachbeschädigungen handelt», sagte der Staatsanwalt vor Gericht. Dafür gab es mehrere Indizien: Die Sitze wurden auf die immer gleiche Weise zerstört. Fast alle Sachbeschädigungen wurden auf jener Bahnlinie begangen, die zum Wohnort des heute 61-Jährigen führte. Und besonders: Nachdem er erwischt worden war, hörten die Vandalenakte schlagartig auf.

Von Polizei und Geheimdienst verfolgt

Auch ein Tatmotiv konnte der Staatsanwalt liefern. Seit Jahren fühle sich der Mann vom Polizeiapparat und von Geheimdiensten aus dem In- und Ausland systematisch verfolgt, ja gejagt. In den Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs, in denen sich auch Leute der Polizei befänden, werde er mit chemischen Gasen angegriffen.

Dass der 61-Jährige unter Wahnvorstellungen leidet, was er allerdings als «Quatsch» abtut, dokumentierte er an der Gerichtsverhandlung eindrücklich. Erneut schilderte er die Bedrohung durch Polizei und Geheimdienst. So sei er am Vorabend des Prozesses auf dem ganzen Nachhausewege «begast» worden. Die Polizei sei auch in der Lage, ohne jedes Hilfsmittel alles mitzulesen, was er zu Hause aufschreibe. Dem Gerichtspräsidenten warf er vor, die Welt draussen nicht zu kennen, weshalb «Sie die wichtigen Sachen unter den Tisch wischen».

«Komplett unbrauchbares Videosystem»

Es war offensichtlich, dass der Mann aufgrund seiner schweren psychischen Erkrankung für die Sachbeschädigungen nicht verantwortlich gemacht und deshalb auch nicht bestraft werden konnte. Aber war er wirklich auch der Täter? Ja, entschied das Gericht, aber nur für jene drei Sachbeschädigungen, die in den Trams der Linien 2 und 14 via Video festgehalten sind. Nein, urteilte das Gericht im Zusammenhang mit den über 160 zerstörten Sitzen und Lehnen in der S 10.

Die Indizienlage, so das Gericht, mache den Mann zwar «hochverdächtig». Es gebe aber keine Zeugen, keine Spuren, keine Hinweise auf seine Anwesenheit bei den Delikten. Das Bezirksgericht bezeichnete es als «peinlich», dass die SZU-Bahnen über ein «komplett unbrauchbares Videosystem» verfügen – und das trotz zwölf Kameras im Zug. Für einen Schuldspruch bei den SZU-Fällen reichten die Indizien nicht. Nur weil er als Täter in den Tram-Fällen überführt sei, dürfe man nicht automatisch davon ausgehen, dass er auch für die anderen Fälle verantwortlich sei.