Reportage

Als Idealist hin – als Realist zurück

Vor 30 Jahren verliess Jakob Röthlisberger seine Zahnarztpraxis für 10 Wochen, um in Albert Schweitzers Urwaldspital in Lambarene Hilfe zu leisten. Nun blickt er zurück.

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«Ich ging als Idealist und kam als Realist zurück», sagt der Langnauer Zahnarzt Jakob Röthlisberger am 11. Oktober. Anlässlich des Albert-Schweitzer-Jubiläums-jahres (100 Jahre Lambarene) blickt er auf seine Tätigkeit 1983 im Urwaldspital in Lambarene zurück. Ihm bleibt der Aufenthalt als «traumhafte Zeit» in Erinnerung, während er in seinen Alben blättert, die Fotos, Dokumente und Tagebucheinträge von seinem Urwaldabenteuer beinhalten.

Auf nach Afrika

«Ich wollte etwas Gutes tun, sozusagen als Dank für mein glückliches Dasein», erklärt Röthlisberger, «und gleichzeitig lockte das Abenteuer, eine einmalige Erfahrung für meine Familie und mich.» Albert Schweitzer war froh, einen erfahrenen Zahnarzt für seine «schwierigen» Fälle zu bekommen, da oft nur Studenten in seiner Zahnklinik arbeiteten. Ein Vertreter für die Zahnarztpraxis war eingestellt und die Absenz für die Schule bewilligt. So wurden die Koffer gepackt, und die Reise zusammen mit seiner Frau Katja und vier Kindern im Primarschulalter konnte beginnen.

Röthlisberger fand am Ufer des Ogove-Flusses eine gut eingerichtete Praxis vor. Nicht gerade mit schweizerischen Verhältnissen vergleichbar, aber an Instrumenten und Medikamenten fehlte es nicht. Die Praxisassistentin konnte zwar nicht lesen und schreiben, war aber gut eingearbeitet und eine lebenskluge Person. Sie erleichterte den Umgang des Zahnarztes mit seinen zivilisationsungewohnten Patienten sehr – «von ihr habe ich mehr gelernt als sie von mir», erklärt er. Überhaupt bewundere er diese einfachen Leute vom Land, wie fröhlich und hilfsbereit sie seien und wie tapfer sie ihr Schicksal meisterten. Man sollte sie nicht missionieren und zivilisieren wollen, sondern sie so respektieren, wie sie seien, findet Röthlisberger. Ihr Leiden zu lindern, sei nötig und eine gute Sache. Aber Gabun sei ein fruchtbares, reiches Land, und dass die Bevölkerung so arm und auf wohltätige Institutionen angewiesen sei, sei eine Schande. Er bedauert auch, dass viele junge Einheimische, nachdem sie in Europa studiert hätten, lieber dort arbeiteten, als in ihr Land zurückzukehren, das sie nötig hätte.

Unterschiedliche Patienten

An Patienten mangelte es Röthlisberger nicht, über 1000 Konsultationen hielt er ab. Neben Zahnfüllungen stehen 223 Extraktionen im Arbeitsrapport, daneben Prothesenanpassungen und chirurgische Eingriffe. Mit einem Lieferwagen und anderthalb Tonnen Material fuhr er einmal pro Woche in den Urwald, um auch in abgelegenen Orten Hilfe zu leisten. Er besuchte Schulen und hielt Vorträge.

«Je besser die Strassen, desto schlechter die Zähne», stellte er dabei fest, denn Tourismus bedeute Schleckzeug für Kinder. Auch bedauert er den zunehmenden Alkoholkonsum, der mit der Zivilisation Einzug hielt. Seine Patienten waren nicht nur arme Eingeborene, sondern auch Diplomaten oder Medizinmänner. Es konnte sein, dass am gleichen Tag einfache Frauen während der Behandlung ihre Babys stillten und wenig später der Verteidigungsminister mit einer Eskorte bewaffneter Soldaten vorbeikam – «da wurde es mir schon etwas mulmig», gesteht Jakob Röthlisberger.

Ein Paradies

Afrikas Natur faszinierte die Schweizer Familie, davon zeugen zahlreiche Bilder von exotischen Pflanzen, Blumen und Tieren. Manchmal, erzählt Röthlisberger, sei er sich im Dschungel wie im Paradies vorgekommen. Dabei fehlte auch nicht die Schlange – einmal eine zwei Meter lange Schwarze Mamba.

Der Gesundheit und Fitness zuliebe ging die Familie jeden Morgen joggen. Das verwunderte die Nachbarn ungemein. Sie konnten nicht begreifen, warum man so rennen müsse, wenn doch weit und breit kein Löwe zu sehen sei. Viel zu schnell ging die Auszeit vorüber, und die Rückkehr in die Heimat nahte. Für Jakob Röthlisberger bleiben die Erinnerungen auch nach 30 Jahren wach, er könnte noch lange davon erzählen. Um nichts in der Welt würde er den Einsatz in der Welt des Urwalddoktors missen wollen, so bereichernd seien die Erfahrungen gewesen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2013, 10:09 Uhr

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