«Als Revolution könnte man das schon sehen»

Vom neuen Schulmodell der Oberstufe Regensdorf-Buchs-Dällikon werden am Ende auch die Lehrbetriebe überzeugt sein, glaubt Projektleiter Ueli Müller.

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Herr Müller, kommt das für die Oberstufe vorgesehene Schulmodell einer Revolution in den Klassenzimmern gleich?
So könnte man das schon sehen. Neu sollen mit jedem Schüler individuelle Lernziele vereinbart werden. Denn heute haben wir viele Schüler, die wegen der grossen Leistungsunterschiede in den Klassen frustriert sind. Das soll sich ändern. Unser neues Schulmodell wird jedoch den gesetzlich vorgegebenen Rahmen nicht sprengen. Der kantonale Lehrplan gilt auch für uns, und Zeugnisse und Noten wird es weiterhin geben.

Können Sie Ihr neues Schulmodell in drei Sätzen erklären?
Ich will es mal versuchen. Der Schüler wird nicht mehr in eine fixe Klasse eingeteilt, sondern gehört zu einer Lerngruppe, die in einem grossen Lernatelier individuell lernt und von einem kleinen Lehrerteam betreut wird. Von diesem Atelier wechselt er in Gruppenräume, wo er unterrichtet wird und neue Aufträge bekommt. Die vereinbarten Lernziele sollen wöchentlich überprüft werden. So wird jeder Schüler eigenverantwortlich in seinem persönlichen Tempo lernen können. Es soll nicht mehr vorkommen, dass jemand beispielsweise Rabatt- und Brutto-Rechnungen nicht versteht und trotzdem bereits das nächste Kapitel in Angriff nehmen muss.

Werden die Schüler mit so viel Eigenverantwortung nicht überfordert?
Nein. Heute gibt es Schüler, die über- oder unterfordert sind und deshalb die Klasse wechseln müssen. Das wird sich ändern, denn neu werden die Schüler in ihrer Lerngruppe bleiben und dort in ihrem eigenen Tempo lernen. Ein Fernziel ist zudem altersdurchmischtes Lernen. Denn es ist ganz wichtig, dass Schüler auch gegenseitig voneinander lernen können.

Wie schwierig wird es sein, die dreiteilige Sekundarschule in Regensdorf und die gegliederte Sekundarschule in Buchs auf einen Nenner zu bringen?
Das wird gar nicht schwierig werden. Im Lehrerkonvent wurde das neue Modell fast einstimmig angenommen, und nun müssen wir uns für eine der beiden vom Kanton vorgebenen Varianten mit zwei oder mit drei Abteilungen entscheiden. Ich bin zuversichtlich, dass wir das noch vor Januar 2009 schaffen werden.

Wie ist die Stimmung beim Lehrpersonal – ziehen da tatsächlich alle am gleichen Strick?
Wie gesagt, die Zustimmung erfolgte nahezu einstimmig. Aber natürlich gibt es Skeptiker, beispielsweise Lehrer, die befürchten, dass das Wir-Gefühl einer Klasse in einer grossen Lerngruppe verloren gehen könnte. Heute kann man eine Schulklasse mit einer Familie vergleichen. Die neuen Lerngruppen könnten also mit einer grösseren Sippe gleichgesetzt werden – ich sehe das eher als Vorteil. Früher wuchsen die Kinder ja auch nicht in Klein-, sondern eben in Grossfamilien auf. Auch wüssten einige Lehrer gern schon bis ins letzte Detail, wie das Modell funktionieren soll. Das ist aber gar nicht möglich, denn Wege entstehen beim Gehen. Wir betreiben eine rollende Planung und möchten über Bord werfen, was sich in der Praxis nicht bewährt. Anderseits gibt es Lehrpersonen, die eben gerade wegen des neuen Schulmodells zu uns gekommen sind. Die Details zu dessen Umsetzung müssen nun noch ausdiskutiert werden. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingen wird.

Welches sind die wichtigsten Änderungen für die Lehrpersonen?
Am einschneidendsten ist sicher, dass sie neu den grössten Teil ihrer Arbeitszeit in der Schule verbringen werden, auch für die Vorbereitungsarbeiten. Zudem wird viel weniger doziert, der Lehrer soll neu Lerncoach werden, der seine Schüler im Lernprozess begleitet. Das bedingt eine Weiterbildung, die schon Mitte November starten wird. Auch Fachlehrer werden in das Lerncoaching der Schüler eingebunden, das bedeutet für alle viel mehr Teamarbeit.

Und was wird neu für die Eltern?
Sie werden besser wissen als heute, was ihr Kind in der Schule tut. Und sie sind ja in die Aushandlung der Lernziele mit einbezogen. Für jedes Fach wird ein Kompetenzraster mit Checkliste erstellt, an dem sich jederzeit ablesen lässt, wo das Kind inhaltlich genau steht. Das ist viel transparenter als eine blosse Prüfungsnote.

Welche Hürden gilt es noch zu überwinden?
Wir müssen die Bevölkerung überzeugen, dass weder schwache noch starke Schüler im neuen Modell zu kurz kommen. Die Bildungsdirektion werden wir davon überzeugen, dass wir das Modell völlig gesetzeskonform umsetzen werden. Zudem sind die heutigen Lehrmittel ungeeignet für den individualisierten Unterricht. Wir vernetzen uns bereits heute mit anderen Schulen mit ähnlichen Schulmodellen und erarbeiten gemeinsam Lernjobs mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Wo existiert Ihr Modell bereits?
Das Schulhaus Im Birch in Zürich arbeitet ähnlich. Wir haben zudem Kontakt zur privaten Tagesschule Beatenberg BE und besuchten nebst öffentlichen Schulen im Thurgau auch die Privatschule Lippe in Wollishofen, die ein ähnliches Modell praktiziert.

Wie schätzen Sie die Reaktionen der Lehrbetriebe ein, die Ihre Schüler später ausbilden sollen?
Wir werden das neue Schulmodell Vertretern von Industrie und Gewerbe vorstellen. Dort werden wir klarstellen, dass wir bestimmt nicht zur Wohlfühlschule mutieren werden. Die künftigen Lehrbetriebe sollen mit Lehrlingen konfrontiert werden, die eigenverantwortlich und möglichst selbstständig Aufgaben übernehmen und erfüllen. Das ist sicher auch im Interesse des Gewerbes.

Ueli Müller ist Schulleiter des Sekundarschulhauses Petermoos in Buchs und Projektleiter des neuen Schulmodells. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2008, 07:30 Uhr

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