Altersheime am Anschlag

Warum die Qualität der Pflege stetig abnimmt – der grosse Report.

Eine betagte Frau wird von einer Pflegerin umsorgt: In Hunderten von Heimen in der Schweiz sieht die Realität anders aus. Foto: Martin Oeser/Keystone

Eine betagte Frau wird von einer Pflegerin umsorgt: In Hunderten von Heimen in der Schweiz sieht die Realität anders aus. Foto: Martin Oeser/Keystone

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Der junge Pfleger merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. Das Gesicht des 87-jährigen Heimbewohners ist blau angelaufen, der Puls nicht mehr spürbar. Der 18-Jährige hat in seiner Ausbildung schon Tote gesehen. Doch noch nie musste er allein handeln, sofort. An diesem Abend sind nur er und eine Pflegehilfe auf der Station. Es ist seine erste Woche nach dem Lehrabschluss.

Also bietet er den Arzt auf. Informiert die Angehörigen. Füllt die Formulare aus. Wäscht den Toten, zieht ihn schön an. Als der Arzt endlich auftaucht, reagiert dieser verärgert. «Offenbar hätte ich den Toten vor dem Ausstellen des Totenscheines nicht berühren sollen, doch ich wollte ihn respektvoll behandeln», sagt der junge Mann. Die Szene wird er nicht mehr vergessen. «Ich fühlte mich hilflos», erinnert er sich, «überfordert.»

In der Schweiz gibt es zurzeit 1552 Alters- und Pflegeheime, in denen insgesamt rund 153'000 ältere und betagte Menschen leben – 10'000 mehr als noch vor vier Jahren. Viele von ihnen waren bis zum letzten Moment in ihren vier Wänden geblieben. Im Heim wünschen sie sich ein Altern in Würde, einen letzten Lebensabschnitt vor dem Tod in umsorgter Umgebung. Doch die Wirklichkeit sieht vielfach anders aus.

Der Recherchedesk von Tamedia hat die Daten aller Alters- und Pflegeheime analysiert und mit Betreuern in der ganzen Schweiz gesprochen. Es zeigt sich: In Hunderten von Heimen nimmt die Qualität in der Pflege und Betreuung alter Leute messbar ab, die Überforderung des Personals wegen Stress und unhaltbaren Arbeitsbedingungen ist allgegenwärtig. Ein signifikanter Teil der Heime steckt in der Krise. Die Schweiz steuert damit auf ein ernsthaftes Problem zu, denn bis ins Jahr 2045 werden 10 Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre alt sein – doppelt so viele wie heute.

Statt weniger braucht es mehr gut ausgebildete Pflegende

Die Lage wird noch verschärft, weil alte Menschen heute vermehrt erst dann ins Heim gehen, wenn sie stark pflegebedürftig sind. Das heisst: Es braucht immer mehr gut ausgebildetes Personal, um die Bedürfnisse dieser schwachen, oft auch mental angeschlagenen Menschen zu verstehen.

Viele Schweizer Altersheime tragen dem Rechnung. Sie stellen mehr diplomierte und zertifizierte Pflegende ein – oder halten den Personalbestand zumindest konstant. Doch in 299 Heimen findet eine entgegengesetzte Entwicklung statt. Die sogenannten Somed-Daten des Bundesamtes für Gesundheit von 2012 bis 2016 zeigen bei fast 20 Prozent der 1552 Heime einen Rückgang beim qualifizierten Personal – im Schnitt also bei jedem fünften Heim in der Schweiz. Sie haben entweder den gesamten Personaletat reduziert oder gut ausgebildete Angestellte – diplomierte Pflegende oder Fachangestellte Gesundheit – durch Hilfskräfte ersetzt. Im Kanton Bern betrifft es 72 Heime, im Kanton Waadt 47, St. Gallen 24, Aargau 17, Zürich 13.

Der Abbau ist zum Teil massiv. Über 100 Alterszentren reduzierten laut Selbstdeklaration den Anteil an qualifiziertem Personal pro Heimplatz um 20 bis 50 Prozent, die allermeisten, ohne dass sich die Pflegeintensität ihrer Bewohner markant verändert hätte – die Betagten also weniger Pflege gebraucht hätten.

Weniger qualifiziertes Personal, dafür mehr Hilfskräfte: Diese Formel mag sich auf die Finanzen der betroffenen Alterszentren positiv auswirken, für Bewohner und Betreuer ist der Preis hingegen hoch.

Wohin man geht – im Gespräch mit Pflegerinnen und Betreuern fällt immer wieder dasselbe Wort: Irrsinn. Statt Menschen zu betreuen, wie sie sich das bei der Berufswahl vorgestellt haben, rennen sie Altersheimgänge rauf und runter, nehmen innert Stunden allein 10 bis 15 Menschen auf, bei den einen reicht es für eine Dusche, bei den anderen nur für die Katzenwäsche (meist trifft es die Dementen). Sie behandeln Wunden, verteilen Medikamente, schieben Essen in müde Münder, helfen in den Rollstuhl und wieder raus – und das alles im Eiltempo. Wie in einem Film, der zu schnell abgespult wird.

Hilfspflegerin verteilt Morphium an Sterbende

Susanne B. war bis vor kurzem Pflegehelferin in einem Alterszentrum im Kanton Aargau. Sie nahm für die Nachtschicht einmal den Schrittzähler mit. «Ich rannte von Zimmer zu Zimmer und legte von 22.30 bis 6.30 Uhr über 22'000 Schritte zurück – mehr als 15 Kilometer.» Ihr persönlicher Rekord für die Tagesschicht: 14 Personen aufnehmen in drei Stunden. 6 davon geduscht. Ab 18 Uhr sind die ersten wieder bettfertig – einige kommen schon im Pyjama zum Nachtessen. Der Abbau an qualifiziertem Personal sei fatal, sagt sie, den Pflegehelfern werde zu viel Verantwortung aufgebürdet: «Ich habe in der Nacht auch schon Medikamente herausgegeben, obwohl ich das nicht darf – auch Morphium für Sterbende.»

Aus Zeitmangel würden auch mal Leistungen erfasst, die nicht stattfanden. «Ich habe Leute, die wir im Bett liessen, als aufgenommen eingetragen.» Auch Gespräche wurden zum Teil erfunden. «Da war beispielsweise eine Bauersfrau mit etwas Geld und vielen Kleidern. Sie machte sich ständig Sorgen. Sie war dement. Also erfanden wir Gespräche mit ihr – die Einträge tönten realistisch, waren aber falsch.»

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Nicht nur Hilfskräfte zeichnen zum Teil ein düsteres Bild. Auch Kaderleute sehen sich in einem Hamsterrad. Mehr als 50 Prozent ihrer Arbeitszeit frisst die Bürokratie weg. Marianne K., stellvertretende Leiterin einer Pflegeabteilung im Kanton Bern, sagt, es gelte das Recht des Stärkeren. Wenn das Pflegepersonal zu wenig Zeit habe, erhielten diejenigen Heimbewohner mehr Pflege, die noch rüstig genug seien, um Hilfe einzufordern. Wer sich nicht wehren könne, wie etwa Demente, erhalte weniger Pflegezeit. «Früher haben wir die Bewohner vieles selber machen lassen, weil wir Zeit hatten zu warten. Das ist vorbei. Heute müssen wir ihnen alles abnehmen, machen jeden Handgriff schnell, routiniert und zeitsparend, damit wir vorwärtskommen. Ich höre dann von Bewohnern: ‹Sie sind immer im Stress, Sie würden nicht einmal merken, wenn ich tot bin.›»

Übertreiben sie alle? Sind die Pflegenden zu nahe dran, um die Sache realistisch zu beurteilen?

Keineswegs, sagen Experten. Zum Beispiel Elsbeth Luginbühl, Spezialistin für Pflegequalität. Sie überprüft Heime in der Deutschschweiz, ihre Firma Concret vergibt Qualitätszertifikate. Sie kennt die Branche gut und sagt: «Ich stelle in den letzten Jahren wegen Sparmassnahmen und Mangel an qualifiziertem Personal in Alterszentren eher eine Verschlechterung der Qualität fest. Ich treffe immer wieder Situationen an, in denen Hilfspersonal hochkomplexe Fälle betreuen muss.»

Auch für Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegenden (SBK), ist die Situation alarmierend: «Wir haben einen kritischen Punkt erreicht. Wenn eine qualitativ gute Pflege in Zukunft gesichert sein soll, muss die Politik jetzt handeln. Wir müssen investieren, um mehr Leute auszubilden und sie im Beruf zu behalten.» Es sei kurz­sichtig, zu meinen, dass man mit dem Abbau Geld spare. «Wenn alte Leute von weniger qualifizierten An­gestellten betreut werden, kommt es beispielsweise zu mehr Spitaleinweisungen, weil Probleme nicht rechtzeitig erkannt werden», sagt Zaugg.

In der Alterspflege braucht es Mut zu neuen Wegen

Luginbühls Firma Concret hat jüngst mit zwei Fachhochschulen überprüfbare Qualitätskriterien für die Pflege entwickelt. Heime können sich anhand von diesen überprüfen lassen. Denn laut der Pflegeexpertin fehlt es zum Teil an klaren Vorstellungen, welche Qualität es zwingend brauche. Sie ortete bei Altersheimen zum Teil ein Führungsproblem – und ist mit dieser Einschätzung unter Experten nicht allein. Sie betont aber auch: «Es gibt auch viele Heime, die hohe Qualität bieten.»

Eines davon liegt in Reichenbach im Kandertal im Kanton Bern. Es hat geschneit an diesem Tag, Rollator-Spuren zeichnen sich im Schnee ab. Der Neubau wirkt warm, es riecht nicht nach Desinfektionsmittel, und beim Mittagessen ist der Lärmpegel für ein Altersheim frappant hoch. Leiterin Franziska Schranz, 42-jährig, ist der Prototyp der neuen Heimleiter-Generation. Dynamisch, gut ausgebildet – und immer auf der Suche nach Innovation. Sie sagt: «Ein erfolgreiches Haus ist ein lebendiges Haus.»

Auch sie muss sparen, «auch hier herrscht keine heile Welt», sagt sie. Doch beim qualifizierten Personal abzubauen, sei der ­falsche Weg. «Wenn ich dem Personal, das sowieso schon unter Zeitdruck arbeitet, auch noch das Fachwissen wegnehme, weil ich zu viel Hilfspersonal beschäftige, sind alle überfordert.»

Es brauche in der Pflege neue, effizientere Wege. «Denn es darf nicht sein, dass wir unsere Bewohner sozusagen in Minuten einteilen.» Je besser sie mit ihrem Team das Haus führe, organisiere, mit neuen, wissenschaftlich geprüften Instrumenten arbeite, desto mehr Zeit bleibe für das Wichtigste: «Eigentlich ist es mit den Angestellten, Bewohnern und Angehörigen gleich. Sie brauchen Gespräche, jemanden, der zuhört. Und ein klares Konzept, wo man mit ihnen hinwill. Damit ihre persönlichen Bedürfnisse Platz finden.»

Ein dementer Mann beispielsweise wollte jeden Tag auf einen hohen Berg steigen, ganz allein. Statt ihn in eine separierte Demenzabteilung einzusperren, erhielt er ein GPS ums Handgelenk. Er kam meist von selbst wieder zurück – und wenn nicht, wusste sie, wo er zu finden war.

(Mitarbeit: Simone Rau)

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.04.2018, 07:59 Uhr

Analyse der Altersheim-Daten: So wurde gerechnet

Die Analyse basiert auf Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)von 2012 bis 2016. Sie geben Auskunft über Bewohner, Personal und Finanzen der 1552 Alters- und Pflegeheime in der Schweiz. Sie wurden von den Heimen selbst für das Bundesamt für Statistik (BFS) erfasst.
Das qualifizierte Personal errechnet sich, indem die Vollzeitstellen des gesamten Heimpersonals multipliziert werden mit dem Anteil des Personals im Pflegebereich – und mit dem Anteil des qualifizierten Personals im Pflegebereich. Das Resultat wurde ins Verhältnis gesetzt zur Anzahl Plätze in einem Heim. Die Spezialisten des BFS haben die Berechnung validiert.

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