Auch Wölfe weinen

Jean-Jacques Annaud («L'ours») erzählt von der beschädigten Ordnung der Natur und setzt auf einen moralischen Jöh-Effekt.

Ein ökologisch bewusster chinesischer Student rettet einen Wolfswelpen.

Ein ökologisch bewusster chinesischer Student rettet einen Wolfswelpen.

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Die Steppen der Inneren Mongolei sind weit, und das Leben der Nomaden ist hart, aber natürlich. Sie kennen und ehren die Kreisläufe der Schöpfung und die fragilen Verhältnisse zwischen Schaf und Gazelle und Mensch und Wolf. Wenn ein Wolfsbalg weht über ihren Jurten, bedeutet das nicht Triumph des Jägers, sondern Respekt vor einer göttlichen Ordnung. Und in diese Welt schickt in Jean-Jacques ­Annauds «Wolf Totem» die chinesische ­Regierung 1967 ihre kulturrevolutionären Sendboten: Werkstudenten für die praktische Bildungsarbeit und Apparatschiks der Partei zur Förderung der ökonomischen Produktivität. Das kann nicht gut gehen, vor allem nicht für die Wölfe.

Der Mensch ist des Wolfes Wolf in dieser Geschichte. Das ist ein prächtig inszenierter Film darüber, was eine entseelte Rationalität im Regelkreis der Natur anrichtet. Andererseits ist es auch eine tröstliche Erzählung von der menschlichen Lernfähigkeit, verpackt ins individuelle Drama eines ökologisch ergriffenen Studenten, der einen Wolfswelpen rettet und aufzieht. Und kurzum, jedes grossartige Landschaftsbild und jede kleine szenische Idylle, jeder heulende Sturm und jedes sanfte Steppenlicht rufen in 3-D: Botschaft! Rufen: Würde und Stolz der wilden Kreatur!

Annaud hat schon oft mit Tieren gearbeitet (für diesen Film liess er 35 Wölfe heran­ziehen und zur kinogerechten Wildheit ­domestizieren). Und er neigte dabei oft zu ihrer Beseelung. In «L’ours» (1988) liess er ein Bärenjunges träumen. In «Wolf Totem» jetzt sehen zwei mächtige, in die Enge getriebene Wölfe einander tief in die Augen (war da gar eine Träne?) und springen dann gemeinsam in den Abgrund. So setzt dieser Film auf den moralischen Jöh-Effekt.

Die ökologische Haltung ist allerdings hochanständig. Ganz wie auch die der literarischen Vorlage: Lü Jiamins halb autobiografischer Roman «The Wolf Totem» (2004), der Auflagen von biblischem Ausmass erreichte. Er soll das chinesische Bewusstsein für Natur- und Artenschutz gefördert haben. Das und Annauds grandioses Filmhandwerk sind zu respektieren. Und warum sollte ein wenig Kitsch nicht erlaubt sein, wenn er nützt? (tipp)

Erstellt: 28.10.2015, 14:00 Uhr

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