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Kraut_produktion und das Theater Hora kratzen an Tabus. Sie suchen nach Liebe, Normalität und einem lüpfigen Schlager. Ein Probenbesuch.

Eine mehr oder weniger behinderte Truppe feiert das Outsidertum.

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«Der ganz normale Zivilisations-Nerd ist angepasst und funktioniert wunderbar in unserer Gesellschaft. Doch in diesem von Effizienzdenken geprägten System haben Menschen, die dieses Spiel nicht mitspielen wollen oder nicht können, weder Nutzen noch Platz», sagt Michel Schröder, Regisseur rund um die Zürcher Performancegruppe Kraut_produktion, bei den Proben in der Roten Fabrik. Das Stück «Human Resources» befasst sich mit Menschen, die der Leistungsgesellschaft scheinbar nichts bringen. «Zu diesem sinnlosen Humankapital gehören Behinderte und Kunstschaffende», sagt Schröder. «Sie sind nicht allgemein verträglich, ihren Wert kann man in keiner Statistik erfassen, und sie liegen einem nur auf der Tasche.»

Die Idee zum Stück ist in der Zusam­men­arbeit von Kraut_produktion mit dem Theater Hora, das Schauspielerinnen und Schauspieler mit einer geistigen Behinderung fördert, entstanden. In «Human Resources» gehen sieben Nichtsnutze gemeinsam in die Offensive. «Wir veranstalten einen Sauban­ner­zug und suchen nach den sinnlichen Werten in unserem Leben», sagt Schröder. «Die Direktheit und die ungefilterten Emotionen der Hora-Schauspieler mit ihren Bemühungen, ‹normal› und autark zu sein, kollidieren dabei mit dem Versuch der Kraut-Leute, wild und schräg zu wirken oder auch einfach nur authentisch zu sein.» In diesem vergeblichen Sehnen entstünden Brüche, die nicht vorhersehbar seien. «Wir wollen an Tabus kratzen, herausfinden, wo die Grenzen sind», so Schröder. «Was darf man zeigen, was nicht? Wer ist behindert, wer nicht? Manchmal verschwimmen diese Grenzen.» Es sei ein Glücksgefühl, so zu arbeiten, aber auch irrsinnig anstrengend.

Der Theaterproben-Tag ist beendet, doch Schauspieler Gianni Blumer vom Theater Hora will unbedingt noch einen Solotanz zu lüpfigem Schlager zeigen, was er auch schwungvoll und mit konzentriertem Blick auf den Boden tut. «Die ‹Horas› lieben Schlager», sagt Schröder. Er aber finde diese Musik unerträglich. «Doch wenn Gianni ein solches Lied singt, dann wirkt es ehrlich. Diese hemmungslose Hingabe berührt mich.» Die Hora-Schauspielergruppe schaffe es, unverhoffte sinnliche Momente zu kreieren. «Das evoziert eine Sehnsucht, uns auch so hingeben zu können. Diese Zusammenarbeit ist wie eine Frischzellenkur für uns.» (Zueritipp)

Erstellt: 25.02.2015, 16:46 Uhr

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