Befreiungstheologe Ernesto Cardenal liest in Kloten

Seinen einzige Schweizer Lesung hält der lateinamerikanische Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal am Samstag in Kloten. Möglich machten dies persönliche Kontakte.

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«Ich kenne Ernesto Cardenal seit einigen Jahren persönlich», erzählt Flughafenpfarrer Walter Meier. «Als ich hörte, dass er diesen Herbst Europa besucht, habe ich ihn angefragt, ob er nach Kloten kommen wolle.» Cardenal, einer der wichtigsten Theologen und Dichter Südamerikas, sagte zu, und wird am Samstag in der reformierten Kirche Kloten seinen einzigen Schweizer Auftritt 2008 absolvieren.

«Canto a la vida» – «Lied auf das Leben» lautet der Titel der konzertanten Lesung, die der nicaraguanische Befreiungstheologe halten wird. Die in Lateinamerika entwickelte Richtung der Theologie versteht sich als Stimme der Armen und kämpft gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Die Übersetzung der spanischen Gedichte liest Ex-Fernsehstar Dietmar Schönherr, ein langjähriger Freund Cardenals, während die südamerikanische Band Grupo Sal für die musikalische Untermalung sorgt. Die sechs Musiker haben in den letzten Jahren rund 200 Konzerte zusammen mit dem Theologen gegeben.

In der Heimat schikaniert

Dass Cardenal diese Reise machen kann, ist nicht selbstverständlich, denn in seiner Heimat Nicaragua wurde er zuletzt schikaniert. Der 83-Jährige war ab 1979, nach dem Sturz des Diktators Somoza, Kultusminister unter dem neuen Staatschef Daniel Ortega. Später verlor Cardenal dieses Amt aber und wandte sich mehr und mehr gegen Ortegas autoritären Führungsstil.

Im August dieses Jahres eskalierte die Situation: Staatschef Daniel Ortega wurde nicht zur Amtseinführung von Paraguays Präsident eingeladen – weil gegen ihn Vorwürfe wegen Kindsmisshandlung bestehen. Cardenal aber war beim Staatsakt in Paraguay zugegen – was Ortega als Affront betrachtete. Es folgte die Retourkutsche: Ein Richter hob ein Urteil aus dem Jahr 2005 auf, in dem Cardenal vom Vorwurf der Verleumdung eines Deutschen Staatsbürgers freigesprochen worden war und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe.

Im September wurden auch Cardenals Konten in Nicaragua eingefroren, und der Generalstaatsanwalt kündigte ein neues Verfahren wegen Umweltvergehen auf der Insel Solentiname an, wo der Theologe seit den 60er Jahren eine christliche Genossenschaft führt. Cardenal, der sich auf einer Lesereise in den USA befand, kehrte nicht mehr nach Nicaragua zurück, weil er Hausarrest befürchtete.

Werbung fürs Pfarrkapitel

Die Lesung in Kloten hat laut Flughafenpfarrer Meier aber nichts mit jenen Ereignissen zu tun: «Wir hatten unsere Einladung schon ausgesprochen, bevor in Nicaragua die Hatz auf ihn losging.» Die Klotener Lesung ist für Meier vielmehr eine Gelegenheit, auf die Arbeit des Pfarrkapitels Bülach hinzuweisen, bei dem er seit einem Jahr als Dekan amtet. «Ich wollte der Bevölkerung ins Bewusstsein zu rufen, dass es neben der Kirchengemeinde auch ein übergeordnetes Pfarrkapitel gibt.» Er hofft, dass das Kapitel in Zukunft ähnliche Veranstaltungen organisieren kann.

Die Lesung ist auch ein Benefizevent für die Stiftung Pan y Arte (Brot und Kunst), welche in Nicaragua Entwicklungsarbeit leistet. In der Schweiz ist Pan y Arte ein Zewo-zertifizierter Verein, als dessen Präsident Walter Meier amtet. Sein Vorgänger war Dietmar Schönherr, der den Verein ins Leben gerufen hat. Die Stiftung Pan y Arte versucht in ihrem aktuellen Projekt, die Schulkinder des mittelamerikanischen Landes mit der Mangelware Schulbücher zu versorgen.

Die Veranstaltung «Canto a la vida» bietet also die seltene Gelegenheit, den von der katholischen Kirche seit 1985 suspendierten Priester und Dichter live zu bewundern und dessen Entwicklungshilfsprojekt zu unterstützen. Und der Organisator Walter Meier hat für den Samstag nur noch einen Wunsch: «Ich hoffe, dass unsere Kirche voll wird!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2008, 22:03 Uhr

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