Berner Historiker auf der Wartburg

Marc Höchner kuratiert die Sonderausstellung «Luther und die Deutschen». Er ist nicht etwa deutsch und evangelisch, sondern Schweizer und Jude.

«Nach 1945 taugt Luther weder zum Helden noch zum Vorbild», sagt Kurator Marc Höchner. Foto: Doris Fanconi

«Nach 1945 taugt Luther weder zum Helden noch zum Vorbild», sagt Kurator Marc Höchner. Foto: Doris Fanconi

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Keine deutschere Burg als die Wartburg! Hier übersetzte Luther 1522 als Junker Jörg das Neue Testament ins Deutsche. Hier beschworen die Burschenschaften im 19. Jahrhundert die deutsche Einheit. Die Wartburg bietet sich also als Ort der Ausstellung «Luther und die Deutschen» an. Sie ist eine der drei nationalen Sonderausstellungen im Luther-Jahr – und wird von einem Schweizer kuratiert: Marc Höchner, Berner, 35 Jahre alt. Er verneint nicht, dass die Wartburg-Stiftung ihn auch wegen seines Aussenblicks auf die Deutschen und auf das theologische Thema angestellt hat.

Dennoch: Wie kam der unbekannte Berner zur Ehre, das Nationaldenkmal Wartburg als Ausstellungsort zu bespielen? «Es war ganz unspektakulär. Ich habe mich für den Job beworben», sagt der Historiker mit Erfahrung als Ausstellungsmacher. Erst vor vier Jahren hat er in Fribourg beim bekannten deutschen Historiker Volker Reinhardt über das Söldnerwesen promoviert. Im Freiburger Museum für Kunst und Geschichte hat er an einer Schau über die Jagd mitgewirkt, im Berner Historischen Museum an der Ausstellung zu Karl dem Kühnen. Als er vor zwei Jahren auf die Wartburg kam und hier sein Büro bezog, waren die Hauptinhalte schon gesetzt. Seine Aufgabe war es, sie in ein Ausstellungskonzept zu überführen – zusammen mit renommierten Fachleuten wie dem Theologen Volker Leppin oder dem Historiker Georg Schmidt, die im Beirat sitzen.

Nüchterner Blick

In Deutschland könne man dem staatlich stark geförderten Luther-Jubiläum 2017 gar nicht entkommen, sagt Höchner. In Eisenach, wo er wohnt, ist gerade ein Luther-Musical aufgeführt worden, auf dem Markt gibt es Luther-Stände. Abseits der kommerziellen Schiene sei es in der heutigen säkularen Zeit schwierig, Luthers Botschaft zu vermitteln: «Frühere Luther-Jubiläen hatten es leichter, weil sie mit einem gläubigen Publikum rechnen konnten.» Denn im Kern gehe es bei Luther um das Verhältnis des Menschen zu Gott, um Heil, Gewissheit und Rechtfertigung.

Dass das Seelenheil ein existenzielles Problem sein kann, ist für den Historiker nachvollziehbar – für ihn, der weder reformiert noch katholisch oder konfessionslos, sondern jüdisch ist. Der Sohn einer jüdischen Mutter und eines reformierten Vaters besucht an Feiertagen, bisweilen auch am Samstag, die Synagoge der Berner Einheitsgemeinde. Bei der Anstellung auf der Wartburg habe er das nicht gross zum Thema gemacht. Trotzdem stellt sich die Frage, wie er als Jude mit dem Antisemitismus Luthers umgeht. Er tut es nüchtern, wissenschaftlich und ohne zu beschönigen.

Mit seinen Forderungen, Synagogen zu verbrennen und Juden wie Sklaven zu halten, sei Luther weit über den Judenhass seiner Zeit hinausgegangen. Diesen aber habe er nicht von der Rasse her begründet, sondern vom Glauben, sagt Höchner: «Luther hielt die Zeit für gekommen, dass auch die Juden sich zum Glauben an das Erlösungswerk von Jesus Christus bekennen. Er hat das Alte Testament hervorragend gekannt und übersetzt, es aber immer auf Christus hin gedeutet.» Luthers Judenschriften, im 16./17. Jahrhundert wenig beachtet, wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts zum Thema, als Luther zum Nationalhelden wurde und für den Gründungsmythos des Deutschen Reiches herhalten musste. Es war damals Houston Stewart Chamberlain, der Luther, den nationalen Helden, mit Luther, dem Judenfeind, verband: Als minderwertige Rasse gehörten die Juden nicht zur deutschen Nation.

Für Höchner ist das eine Konstruktion, ein taktisches Vorgehen, um mit Luther das Projekt einer deutschen Nation zu legitimieren. «Im Jahr 2017 kann man gar nicht anders, als sich mit diesem Thema zu befassen.» Anders als 1917 tauge Luther nach 1945 weder zum Helden noch zum Vorbild, wohl aber als Anlass zum kritischen Nachdenken über die Geschichte. Ohnehin lebten wir in einer Zeit, in der die heroisierende Reformationsgeschichte ausgedient habe.

Dennoch ist der Historiker überzeugt, dass jede Gesellschaft ihre Mythen braucht – die schweizerische Tell- und Marignano-, die deutsche die Luther-Mythen wie Thesenanschlag, Tintenfass und Wartburg. Mit Guy de Marechal spricht er von «Gebrauchsgeschichte»: «Mythen gehören einfach dazu, wenn man Geschichte erzählt.» Darum regt sich Höchner, anders als manche Theologen, auch nicht auf, dass die drei nationalen Sonderausstellungen im Jubeljahr mit der Erschütterung des Thesenanschlags vermarktet werden: «Die volle Wucht der Reformation. 3xHammer.de».

Von der These, Luther habe die spezifisch deutsche Obrigkeitshörigkeit, ja den deutschen Sonderweg der verspäteten und umso aggressiveren Nation begründet, hält er nicht viel. Das im 19. Jahrhundert siegreiche monarchische Prinzip führt er eher auf die restaurativen Tendenzen und das Scheitern der liberalen Bewegung in Deutschland zurück.

Schub für die deutsche Sprache

Wie deutsch aber ist Luther für den Schweizer? «Ich würde nicht wagen zu sagen, was typisch deutsch ist», sagt er. Unzweifelhaft aber sei Luther mit der deutschen Geschichte verbunden. Schon zu Beginn schrieb er «an den christlichen Adel deutscher Nation». Und mit seinen Schriften, Flugblättern und Tischreden habe er der deutschen Sprache einen gewaltigen Schub gegeben. Auf der Wartburg versucht Höchner zu zeigen, dass Luthers Bibelübersetzung punkto Klang, Poesie und Wortschöpfung alle anderen damaligen Übersetzungen überragt, selbst die hochstehende Zürcher Bibel.

Eigentlich wäre Marc Höchner bis Ende des Jahres auf der Wartburg angestellt. Doch als junger Historiker hat er die Zukunft im Blick. Kaum hat er die Ausstellung auf der Wartburg eröffnet, zieht es ihn in die Schweiz zurück. Am 1. Juni tritt er seine neue Stelle im Historischen Museum Bern an. Dort ist er verantwortlich für die Waffen- und Volkskundesammlung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 18:43 Uhr

«Luther und die Deutschen»

Ausstellung auf der Wartburg

Die Wartburg, meistbesuchte Lutherstätte weltweit, ist Ort der nationalen Sonderausstellung «Luther und die Deutschen». Mit 2,7 Millionen Euro Staatsgeldern finanziert, sind auf einer Fläche von 1200 Quadrat­metern 300 Schauobjekte aus dem In- und Ausland ausgestellt. Die Schau in drei Teilen versucht, das ambivalente Verhältnis der Deutschen zu Martin Luther sichtbar zu machen. Der erste Teil zeigt, wie Luther in einer von der Sorge um das Seelenheil verunsicherten Zeit vom frommen Mönch zum Reformator reifte. Der zweite Teil ist den reformatorischen Neuerungen gewidmet: der Bibel und dem Gottesdienst in der Volkssprache, den Schulen für alle und den Universitäten, aber auch der Reformation neben und nach Luther. Der dritte Teil macht deutlich, wie jede Epoche deutscher Geschichte ihr eigenes Lutherbild hatte: Luther als Freiheitsheld, als nationaler Heros, als Gewährsmann der antisemitischen Nazis, in der DDR als Initiant der frühbürgerlichen Revolution. (mm)

Bis zum 5. November

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