«Champions machen den letzten Schritt»

Joachim Löw besiegte in Brasilien auch sich selbst. Und er hat einige seiner Kritiker eines Besseren belehrt. Viele meinten, er verhindere Titel, statt sie zu gewinnen.

Mit Gold behängt und Zufriedenheit erfüllt: Bundestrainer Joachim Löw nach der grössten Prüfung seiner Trainerkarriere. Foto: Keystone

Mit Gold behängt und Zufriedenheit erfüllt: Bundestrainer Joachim Löw nach der grössten Prüfung seiner Trainerkarriere. Foto: Keystone

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Es hatte etwas von Satire, als Joachim Löw auf dem Podium Platz genommen hatte. Eben war er mit Deutschland Weltmeister geworden, ein österreichischer Journalist eröffnete die Fragerunde und erinnerte an 2004, als Austria Wien Trainer Löw trotz Tabellenführung fortgeschickt hatte. «Ist der Moment des Titelgewinns eine grosse Genugtuung für Sie?», wollte er wissen, «gibt es doch eine ausgleichende Gerechtigkeit?» Löw sagte: «Sie täuschen sich. Es war nicht die grösste Ungerechtigkeit, sondern mein grösstes Glück, sonst wäre ich nicht hier.» Gelächter.

Löw, der Titelverhinderer

Löw war nach dem 1:0 gegen Argentinien, wie oft in den letzten Tagen, locker und entspannt. Aber Löws Temperament ist halt eher so, dass er nicht ausflippt, sondern so einen Weltmeistertitel irgendwie «scho’ au toll» findet.

Vor 10 Jahren, nach seinem Ende als Clubtrainer in Wien, hatte er sich noch im Schatten von Jürgen Klinsmann bewegt, einem grossen Namen in Deutschland. Zwei Jahre später, nach Platz 3 an der WM im eigenen Land, wurde er Chef und legte eine bemerkenswerte Serie hin: EM-Final 2008, WM-Halbfinal 2010, EM-Halbfinal 2012.

In die Kritik geriet er trotzdem, weil es für sein Team bis zum Triumph am Sonntag zwar oft gute Stilnoten gegeben hatte, aber keinen Titel. Nicht wenige glaubten vor dieser WM, ­Joachim Löw sei ein Trainer, der mit seiner Idee vom Spiel und seinem Coaching Titel halt nicht gewinne, sondern verhindere.

Die grossen Opfer für den Erfolg

Rio war deshalb auch ein Joachim-­Löw-Sieg. Er hat die Zweifler besiegt. Und er hat auch sich selbst besiegt, weil er mit zunehmenden Lebens- und Dienstjahren den Realisten in sich entdeckte. Löw wird immer der Trainer sein, der das schöne, schnelle, flache Spiel liebt – aber er ist jetzt auch der Trainer, der für den Erfolg Opfer bringt.

Wer Löw kennt, weiss, dass das keine kleinen Opfer waren: Er hat der Versuchung widerstanden, den Spielstil in seinem geliebten akademischen Sinne weiter zu entwickeln; er hat seine Mannschaft defensiver gebaut, er hat ihr vorübergehend das Spektakel abgewöhnt, und in der Pressekonferenz verkündete er wie selbstverständlich, «dass die Standardsituationen sicher ein wesentlicher Punkt waren, dass wir das Turnier gewonnen haben». Hansi Flick, sein Assistent, habe «das hervorragend gemacht, er hat sich unglaublich viele Varianten angeschaut und mit der Mannschaft einstudiert».

Ecken und Freistösse waren für Löw lange Jahre etwas, was ein bisschen streng riecht. Dass er sich nun mit dieser Disziplin verbündet hat, zeigt so deutlich wie kein anderes Beispiel, was Löw mit diesem Turnier vorhatte. Er wollte «scho’ au» diesen Titel gewinnen, aber er wollte auch seinen Kritikern zeigen: Freunde, wenn Ihrs unbedingt sehen wollt, bitte sehr – ich kanns auch auf diese Art.

Joachim Löw ist im Maracanã jenseits von Jogi angekommen. Dieser Final war mit Sicherheit die bisher grösste Prüfung in seinem Trainer­leben, der Match war wie die eine Maturaufgabe, auf die man nicht gescheit vorbereitet war. Löw hat genau das beweisen müssen und dürfen, was seine Kritiker zuletzt immer angezweifelt haben: Dass er nicht nur theoretische Skizzen entwerfen, sondern auch in einem lebendigen Spiel vitale Entscheidungen treffen kann. Löw hat ja nicht immer glücklich ausgesehen in seiner Bundestrainerzeit, wenn statt des Kopfes der Bauch zum Einsatz kommen musste, aber seit diesem wild hin- und her wogenden Final darf dieser Makel als getilgt gelten.

Mit Risiko durch den Final

Unter solchen Umständen hat tatsächlich schon lange kein Trainer mehr einen WM-Final coachen müssen: Mit einem Spieler (Sami Khedira), der ihm ein paar Minuten vor Anpfiff plötzlich abhandenkommt, und mit einem Nachrücker (Christoph Kramer), der ihm nach einer halben Stunde ebenfalls abhanden kommt. Den offensiven Schürrle für den defensiven Kramer zu bringen, war durchaus gewagt, es war ein Zug, der im Misserfolgsfall das Potenzial gehabt hätte, wieder zwei Jahre diskutiert zu werden.

In Rio sagte der 54-jährige Löw nach dem Match: «Wir wussten: Champions machen irgendwann den letzten Schritt und bringen die Sache zu Ende. Und wenn es jemand verdient hat, Weltmeister zu werden, dann diese Mannschaft. Wir haben über sieben Spiele die besten Leistungen von allen Teams gezeigt. Es war eine unglaubliche Willensleistung.» Auch von ihm.

Macht der Trainer weiter?

Bevor sich Löw verabschiedete, ­bedankte er sich für die Gastfreundschaft und Zuneigung, erzählte, wie die Deutschen nach dem 7:1 gegen die Brasilianer im Bus zum Flughafen Einheimische am Strassenrand sahen, die dem Sieger applaudierten: «Das war einer der Höhepunkte an diesem Turnier.» Seine Spieler, fand Löw noch, hätten das befolgt, was er sich so sehr gewünscht hatte: «Wir wollten 80 Millionen Deutsche repräsentieren, eine gewisse Sympathie ausstrahlen, den Leuten zu spüren geben, dass wir Freude haben, da sein zu dürfen und Spass am Fussball haben.»

Dann ging er, strahlend. Sein Vertrag beim Deutschen Fussballbund läuft bis 2016, es gibt den Reiz, Europameister zu werden. Nur stellt sich nach diesem Sonntag von Rio trotz allem die Frage: Macht Löw überhaupt weiter?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2014, 08:02 Uhr

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