Der Chef und sein Star

Die Biografien von Ottmar Hitzfeld und Xherdan Shaqiri könnten unterschiedlicher nicht sein – gemeinsam haben sie grossen Anteil an der Achtelfinalqualifikation der Schweiz.

Chef mit genauem Blick, Star mit muskelbepackten Waden: Ottmar Hitzfeld und Xherdan Shaqiri. Foto: Reto Oeschger

Chef mit genauem Blick, Star mit muskelbepackten Waden: Ottmar Hitzfeld und Xherdan Shaqiri. Foto: Reto Oeschger

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Ottmar Hitzfeld studierte Mathematik und Sport, um Lehrer zu werden. ­Xherdan Shaqiri begann eine Lehre als Kleiderverkäufer. Hitzfeld wuchs in ­einem katholischen Haushalt auf, ­Shaqiri mit muslimischem Hintergrund. Der eine als Sohn eines Zahnarztes, der andere als Sohn eines Handlangers in ­einer Baufirma, der eine wohlbehütet, der andere auch, Hitzfeld mit vier, ­Shaqiri mit drei Geschwistern.

Hitzfeld ist 65, Shaqiri knapp 23, sie könnten Grossvater und Enkel sein, aber sie sind Chef und Star in dem Nationalteam, das die Schweiz an dieser WM ­vertritt. Der eine ist Deutscher aus ­Lörrach, der andere Kosovare aus ­Gjilan, geboren zu einer Zeit, als der kleine Ort noch jugoslawisch war.

Vor dem Spiel gegen Frankreich wurde Hitzfeld gefragt: «Es ist viel ­geschrieben worden über das Multikulti des Schweizer Teams. Was können Sie dazu sagen?» Er antwortete: «Die Mehrheit der Schweiz freut sich darüber, dass sie viele Migranten hat. Ohne ­unsere Migranten hätten wir Probleme, uns für eine WM zu qualifizieren.»

Die Schweizer an dieser WM: Sie ­haben ihre Wurzeln unter anderem an der Elfenbeinküste, in Chile, der Türkei, im Kosovo (immer wieder hier), in Mazedonien, in Kroatien, in Spanien, in Serbien, auf Kapverden, in Italien. Sie sprechen alle mehrere Sprachen, zum Teil vier, fünf oder gar sechs wie Gelson Fernan­des und Philippe Senderos.

Fussball als einziger Berührungspunkt

Da muss der Chef passen. Deutsch ist seine Sprache, nur Deutsch. Es hat am Mittwoch gereicht, seine spielenden Sprachtalente auf die gemeinsame ­Sache gegen Honduras einzuschwören.

Nach dem Spiel, dem erlösenden 3:0, stehen Hitzfeld und Shaqiri im Zentrum, der eine als Trainer, der andere als Mann des Spiels, weil er gleich alle Tore erzielt hat. Hitzfelds Lächeln geht in ein Strahlen über, als er die Ehrung für Shaqiri verfolgt. Es ist nur kurz, aber es drückt in diesem Moment viel aus: vor allem tiefe Freude für seinen Spieler.

Der Fussball hat sie zusammen­gebracht, nur der Fussball. Sie hätten sonst keinen Berührungspunkt in ihrem Leben gehabt, höchstens dann, wenn Hitzfeld tatsächlich Lehrer geworden wäre und Vater Shaqiri auf seiner Arbeits­suche nicht in Frenkendorf, ­sondern ein paar Kilometer weiter in Lörrach gelandet wäre.

Hitzfeld ging den Weg in den Fussball allein. Er hatte keinen Berater, der ihm einen Club suchte, er rief Basels damaligen Trainer Helmut Benthaus selbst an und fragte, ob er für ihn spielen könne. Shaqiri hat einen ganzen Clan um sich versammelt. Als er beim FCB mit 18 Jahren seinen ­ersten Profivertrag erhielt, sass ein Grossaufgebot der Shaqiris am Tisch: der Vater, Xherdan, seine beiden Brüder, der damalige Berater. Und wenn er gewollt hätte, erzählte Xherdans Bruder Erdin einmal, dass der halbe Kosovo ­dabei sei, hätte der FCB auch das akzeptieren müssen.

Karrieren dank der Schweiz

Noch mit 44 hatte Hitzfeld Heimweh nach Lörrach, da war er gerade dabei, als Trainer von den Grasshoppers zu Borussia Dortmund zu wechseln. Auch Shaqiri weiss, wo er herkommt. Er ist oft bei der Familie in der Schweiz, wenn es die Beschäftigung bei Bayern München zulässt. Der Schweiz haben beide ihre Karrieren zu verdanken, «ich weiss nicht, ob sie in Deutschland auch gelungen wäre», sagt Hitzfeld. Und im Fall von Shaqiri gibt es die passenden Worte von Valon Behrami und von Naim Malaj.

Behrami ist der Vorsitzende der gros­sen Albanerfraktion im Nationalteam, er hat in diesen Tagen gesagt: «Ich spiele für die Schweiz, um dem Land etwas zurück­zugeben für die Chance, die ich bekommen habe. Ich sage den Jungen, die Schweiz-Ausländer sind wie ich, dass sie respektieren müssen, was die Schweiz für uns gemacht hat.» Malaj ist Schweizer Botschafter der Republik Kosovo, er sagte vor zwei Jahren: Shaqiri sei für die Generation der jungen und ­integrierten Kosovo-Albaner in der Schweiz ein Fahnenträger und habe ­einen festen Platz in der Schweizer Gesellschaft. Malaj sagte das, als er Shaqiri mit dem «Prix Diaspora» auszeichnete.

Shaqiri hat die Fussball-Schweiz in Manaus mit einem Auftritt verwöhnt, der grossartig war. Nur drei Teamkollegen rannten mehr als er, Mehmedi, Inler und Behrami, aber keiner hatte seinen Einfluss, und es war der Einfluss, der ihn mit einer bestimmten Erwartungshaltung verbindet. In seiner zentralen Rolle war er der Fixpunkt, der Chef.

Manchmal wird Shaqiri das alles ein wenig zu viel, was eben an Erwartungen auf ihn einstürzt. Das kann ihn dann schon «grausam nerven», wie er vor dem Spiel offenbart hat. Dabei sagt er, er sei doch nur einer von 11, nicht anders als die anderen. Und vielleicht meint er das auch wirklich so.

Die Kritik, die ihn in den ersten beiden Spielen traf, hatte ihren Ursprung aber in erster Linie in seinem Verhalten, seiner theatralisch dargestellten Unzufriedenheit, wenn er wieder einmal meinte, vom Schiedsrichter be­nach­teiligt worden zu sein. Er erfüllte den Tatbestand der Allüren. Ob ihn die Kritik nicht nur genervt, sondern auch inspiriert habe, wird er nach dem Spiel gefragt. «Ich habe nie auf Kritik geschaut», sagt er. Das ist nicht ganz ernst zu ­nehmen, aber ihm in diesem Moment nachzusehen.

Die spontane, neue Generation

Shaqiri hat ein manchmal unruhiges Umfeld, zum Beispiel jetzt wieder, wo ein Transfer für 15 Millionen Pfund von München nach Liverpool zur Debatte steht. Das hilft ihm nicht immer und ­fordert Hitzfeld, um den jungen Mann auf der richtigen Linie zu halten. Er hat nie an ihm gezweifelt, weil er sich diese Zweifel gar nicht leisten kann. Zu sehr braucht diese Mannschaft einen Shaqiri bei Lust und Laune. «Wichtig war, dass die Mannschaft auf Xherdan baut, dass sie weiss, welche Qualitäten er hat», sagt Hitzfeld.

Der Bald-Rentner hat es in den letzten dreieinhalb Jahren genossen, mit Spielern wie Shaqiri zusammen zu sein. Frühere Generationen seien anders ­erzogen worden, sagt er, sie hätten nicht diese Spontaneität gehabt. Er hat aber in seiner letzten Phase als Trainer ­einen Shaqiri erlebt, der ohne Hemmungen ist, ohne Furcht neben und besonders auf dem Platz. Und darum einmal ­gesagt: «Gespräche mit ihm sind unglaublich ­befruchtend.»

Der Spieler wiederum kann von ­einem Trainer profitieren, der in der Öffent­lich­keit nichts auf ihn kommen lässt und schon gar keine Kritik äussert. So funktioniert das Zusammenspiel der Generationen zum Wohl des Ganzen. Shaqiri sagt, im Interviewraum von Manaus neben Hitzfeld sitzend: «Ich wollte einfach Fussball spielen und eine gute Leistung zeigen. Ich bin sehr stolz. Ohne meine Mannschaft hätte ich keine drei Tore geschossen. Als kleine Schweiz können wir sehr stolz sein.»

Hitzfeld hat ihn ein paar Minuten vor Spielende im Gefühl des sicheren Sieges ausgewechselt, damit er den Applaus des Publikums geniessen kann. Später erteilt er ihm ein «Superkompliment». Es ist seine Art, den Hut vor ihm zu ziehen.

Erstellt: 27.06.2014, 07:01 Uhr

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